Euro-Domino: Unruhige Zeiten

1. Dezember 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Die Börsen bleiben politisch – in den nächsten Wochen vor allem in Europa. Stand nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten vor allem dessen geplante Infrastrukturausgaben im Fokus, dürfte sich an den Märkten in den nächsten Wochen und Monaten wieder alles auf die Eurozone konzentrieren.

Denn mit Referenden und Wahlen in Italien, Österreich, den Niederlanden und Frankreich stehen wichtige Urnengänge an, die durchaus das Potential haben, das faktische Ende des Euros zu besiegeln. Zunächst einmal steht am Sonntag die Wiederholung der Präsidentschaftswahlen in Österreich an.

Und dabei läuft alles auf eine Wahl des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer hinaus. Nun ist das Präsidentenamt in Österreich ähnlich wie in Deutschland überwiegend ein repräsentatives. Der Austritt Österreichs aus der Eurozone ist daher mit Sicherheit nicht zu erwarten. Die Wahl von Hofer wäre jedoch ein klares Signal in Richtung Brüssel, dass es den Wunsch nach einem Politikwechsel gibt.

Viel kritischer für Brüssel wird vor demselben Hintergrund das zeitgleich stattfindende Referendum in Italien. Offiziell stimmen die Italiener dabei über die vom Premierminister angestrebte Verfassungsreform ab. Insgeheim ist es aber eine Abstimmung über Matteo Renzi und seine Regierung, denn dieser kündigte für den Fall eines Scheiterns des Referendums seinen Rücktritt und Neuwahlen an. Kommt es zu diesen, dürfte die Fünf-Sterne-Bewegung eine reelle Machtoption haben. Der Eurokritiker und EU-Gegner Beppe Grillo könnte damit Renzis Nachfolger werden – und die Eurokrise wäre zurück im Mittelpunkt des Geschehens.

Polit-Domino

Im kommenden Jahr stehen dann die Wahlen in den Niederlanden und in Frankreich an. Und auch dort ergeben sich Optionen, die den Eurokraten in Brüssel nicht gefallen können. Mit François Fillon ist in Frankreich mittlerweile klar, wer der wahrscheinlichste Gegenspieler von Marine Le Pen sein könnte, wenn es wie erwartet zu einer Stichwahl kommt. Was zwangsläufig die Frage aufwirft, ob dies die Chancen von Le Pen erhöht oder verringert? Denn Fillon ist ganz klar ein Marktliberaler, der mit einem fast schon „Thatcheresken“ Programm von Steuersenkungen und Arbeitsmarktreformen antritt. So positiv dies klingt, ob dies tatsächlich gegen den klar sozialistischen Kurs des Front National ankommt?

Auch in Frankreich droht also das Umfallen eines weiteren Anti-Euro-Dominosteins – vielleicht sogar des alles entscheidenden. Daneben werden die Niederlande immer mehr zu einer tickenden Zeitbombe für die EU. Mit Geert Wilders und einem möglichen Wahlsieg seiner Partij voor de Vrijheid ist auch dort bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 2017 ein Ruck nach rechts und weg von der EU zu erwarten. Unbemerkt von den Massenmedien gibt es dort zudem seit kurzem ein Gesetz, nach dem mit 300.000 Stimmen zu jedem Thema auf nationaler Ebene ein Referendum gefordert werden kann. Womit indirekt jedwede Form einer fiskalischen Union in der Eurozone ein Riegel vorgeschoben ist.

Tektonischer Bruch im kommenden Jahr?

Man stelle sich also folgendes hypothetische, aber bei weitem nicht mehr abwegige Szenario vor: Auch im kommenden Jahr dürften die EU-Staatschefs zu regelmäßigen Krisen-Gipfeln in Brüssel zusammenkommen. Die Drohung Italiens, die Eurozone verlassen zu wollen, könnte auf dem Tisch liegen. Bereits zuvor hätte die EZB für mehrere 100 Mrd. EUR italienische Staatanleihen aufgekauft, um diese vor dem Absturz zu bewahren.

Auch dieses Geld wäre neben den ausstehenden Target-Salden für die verbleibenden Eurostaaten unwiederbringlich verloren, wenn es zu einem „Italexit“ käme.

Gleichzeitig fänden in Brüssel die Verhandlungen zum reibungslosen Brexit statt. Da platzen der Wahlsieg von Le Pen und Wilders wie eine Bombe ein. Das Auseinanderbrechen der Eurozone ist damit faktisch besiegelt, lediglich die Modalitäten sind noch Verhandlungssache. Auf die europäischen Märke könnten unruhige Zeiten zukommen, vielleicht unruhigere als je zuvor. Mit der Wahl von Donald Trump und dem Votum für den Brexit hat das Polit-Establishment in diesem Jahr zwei entscheidende Wahlen verloren.

Ein Trend, der 2017 nahtlos weitergehen könnte. Ob dieser tektonische Bruch sich noch mit geldpolitischen Taschenspielertricks übertünchen ließe, ist angesichts der Dimension, um die es geht, fraglich. Eines ist auf jeden Fall klar: Deutschland dürfte im Zuge des Euro-Dominos auch in Europa zunehmend isoliert sein, nachdem sich die Regierung zuletzt ja auch merklich von der kommenden US-Regierung distanziert (siehe Editorial des Smart Investor 12/2016).

Zu den Märkten

Was ist nur mit dem DAX los? Seit Mitte August konsolidiert der Markt in der Spanne zwischen ca. 10.200 bis 10.800 Punkten. Schon die zeitliche Ausdehnung der Schiebezone ist bemerkenswert. Noch viel bemerkenswerter ist, dass der deutsche Leitindex zuletzt kräftig Rückenwind bekam, der Dow Jones Index erreichte ein Allzeithoch und der US-Dollar legte kräftig zu. Beides sind normalerweise sehr positive Vorgaben für deutsche Aktien. Normalerweise.

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Während der US-Dollar gegenüber dem Euro seit Anfang August um knapp 5% zulegen konnte, steht beim Dow Jones ein Plus von ca. 4% auf der Uhr – wohlgemerkt in USD, in Euro wären es fast 9%. Warum deutsche Blue Chips bislang mit einem „Plus“ von ziemlich genau 0% dennoch nicht aus den Startlöchern gekommen sind, darüber kann man spekulieren.

Wesentlicher Auslöser für den Kursschub bei US-Aktien und US-Dollar waren die Vorschusslorbeeren für den künftigen US-Präsidenten Donald Trump. Egal ob diese gerechtfertigt sind oder nicht, der Unterschied zwischen der von Trump verbreiteten Aufbruchsstimmung und den hängenden Mundwinkeln der deutschen Regierungschefin könnte kaum größer sein. Immerhin sollte mit der Jahresendrally für den DAX in wenigen Tagen der nächste, statistisch gut untermauerte Turbo zünden. Sollte der Deutsche Leitindex auch aus dieser Vorgabe nichts machen können, dann ist es an der Zeit, intensiv über dessen Zukunftsaussichten nachdenken.

Fazit

Auf Europa kommen unruhige Zeiten zu, vor allem aus der politischen Sphäre. Wie auch immer man ein Auseinanderbrechen der Eurozone bewertet – als Anleger sollte man sich dringend auf diese Option einstellen.

© Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

 

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