Euro-Banken unter Druck

6. Februar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die Gläubiger der Euro-Banken sollten sich nicht in Sicherheit wiegen: Die „Abwicklungspläne“ der EU bergen für sie akute Verlustgefahren. Seit ihrem Krisen-Tiefstand im März 2009 sind die Aktienkurse stark gestiegen.

Allerdings hinken die Bankaktien auffällig hinterher. Das gilt insbesondere für die Aktien der Euro-Banken. Sie werden derzeit mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von weniger als 0,6 gehandelt. Zum Vergleich: Das Kurs-Buchwert-Verhältnis der US-Banken liegt immerhin bei etwa 1.

Die Aktienmärkte gehen also davon aus, dass das bilanzierte Eigenkapital der Euro-Banken noch viel zu hoch ausgewiesen wird, dass ihnen noch ganz beträchtliche Abschreibungen ins Haus stehen werden.

lliquidität versus Insolvenz

In der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 drohten viele Banken illiquide zu werden: Kredite, die sie aufgenommen hatten, wurden fällig. Jedoch konnten sie sie nicht zurückzahlen.

Im Bankgeschäft werden üblicherweise fällige Kredite durch neue Kredite ersetzt. In der Krisenphase fanden sich jedoch keine Gläubiger mehr, die den Banken bereitwillig Geld leihen wollten. Um die Illiquidität der Banken abzuwehren, warfen die Zentralbanken ihre elektronischen Notenpressen an. Sie senkten die Zinsen und liehen den Banken jede gewünschte (Basis-) Geldmenge.

Eine Insolvenz bedeutet, dass der Schuldner nicht nur kurzfristig zahlungsunfähig ist, sondern dass er auch nicht mehr in der Lage ist, seine Verbindlichkeiten aus seinem Vermögen zu begleichen. Im Bankgeschäft kann es zu einer solchen Situation kommen, wenn die Kreditforderungen der Banken ausfallen – wenn also Unternehmen und Konsumenten ihre Schulden nicht mehr vollständig zurückzahlen.

Dann geht es an die Substanz der Bank, das heißt, ihr (ohnehin geringes) Eigenkapital wird durch Verluste reduziert. Wenn die Verluste das Eigenkapital übersteigen, wird es heikel. Entweder muss sich die Bank dann neues Eigenkapital beschaffen, was allerdings in solch einer Situation meist sehr schwierig ist. Oder aber die Bank muss ihre Verbindlichkeiten herabsetzen. Sprich: Die Halter von Bankschuldverschreibungen und auch Bankguthaben (soweit letztere nicht einer Einlagensicherung unterliegen) erleiden Verluste. Ihre sicher geglaubten Finanzanlagen werden „abgestempelt“.

Geplante Abwicklung

Zu diesem Zweck wurde die sogenannte „Bank Recovery and Resolution Directive“ (kurz: BRRD) scharfgeschaltet. Sie sieht folgendes vor: Entstehen bei Geschäftsbanken Verluste, müssen die Aktionäre dafür geradestehen.

Übersteigen die Verluste das Eigenkapital der Bank, werden die Halter von „nachrangigen Bankanleihen“ zur Ader gelassen, danach die Halter von „erstrangigen Bankanleihen“. Und schließlich erreicht die Haftungskaskade die Halter der Bankeinlagen – soweit sie nicht durch einen Einlagensicherungsfonds geschützt sind. Man bezeichnet das als „Bail in“.

Reicht auch das nicht aus, so kommt der „Europäische Abwicklungsfonds“ zum Einsatz. Mit diesem Fonds (der bis Ende 2023 mit rund 55 Mrd. Euro ausgestattet sein soll) sollen Banken wieder flottgemacht werden.

Wer fällt all diese Entscheidungen? Eine einheitliche EU-Behörde (das „Supervisory Board“) legt fest, ob eine Bank ausfällt, oder ob sie von einem Ausfall bedroht ist. Eine andere Behörde (das „Single Resolution Board“) entscheidet, ob eine Bank
„restrukturiert“ oder rekapitalisiert werden soll. Die EU-Kommission und der Rat der EU entscheiden letztlich über den gemachten Vorschlag.

Die EU-Bürokratie hat damit weitreichende Entscheidungsbefugnis über das Wohl und Wehe einzelner Banken – und damit natürlich direkt auch über das Wohl und Wehe der Ersparnisse vieler Bürger.

Notleidende Kredite

Nachstehend ist – in stark vereinfachter Form – die Bilanz der Euro-Banken abgebildet. Das Eigenkapital beträgt etwa 2.450 Mrd. Euro bei einer Bilanzsumme von knapp 30.800 Mrd. Euro.

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Würden sich also die Verluste auf der Aktivseite der Bankbilanz auf 8 Prozent belaufen, wäre das gesamte Eigenkapital der Banken ausgelöscht – und das hätte Folgen für die Kreditversorgung der Wirtschaft.

Die Eigenkapitaldecke des Euro-Bankenapparates ist also nach wie vor recht dünn, so dass Verluste, sollten sie zutage treten, schnell auf die Bankgläubiger durchschlagen können. Die verfügbaren Daten über „notleidende Kredite“ in den Bilanzen der Euro- Banken signalisieren zudem keine wirkliche Entspannung.

Bislang ist es den Euro-Banken offensichtlich nicht gelungen, trotz der leichten wirtschaftlichen Erholung den Anteil der Problemkredite in ihrem Kreditportfolio nennenswert abzusenken.

Banken sind verpflichtet, ihre risikotragende Aktiva mit Eigenkapital zu unterfüttern. Bisher war eine Quote von 8 Prozent gefordert, künftig wird (durch Basel III) eine Quote von etwa 13 Prozent gefordert. Mit der bisherigen Eigenkapitalquote von 8 Prozent konnten Banken mit einem Euro Eigenkapital Kredite in Höhe von 12,5 Euro produzieren (1 dividiert durch 0,08). Dieser „Hebeleffekt“ wird dadurch verstärkt, dass nicht alle Risikoaktiva zu 100 Prozent auf das Eigenkapital angerechnet werden.

Beträgt die Anrechnung zum Beispiel nur 25 Prozent, so kann eine Bank mit einem Euro Eigenkapital Kredite in Höhe von 50 Euro produzieren. Bei einer Eigenkapitalquote von 13 Prozent wäre das maximal erzielbare Kreditvolumen nur noch knapp 31 Euro.

Wenn eine Bank durch Verluste nun einen Euro verliert (und ihn nicht durch neues Eigenkapital ersetzen kann), schlägt der Hebel in das andere Extrem wirklich verbessert hat. Eine neuerliche Eintrübung der Wirtschaftslage könnte daher die schwelenden Probleme der Euro-Banken wieder aufflammen lassen.

Auf den Finanzmärkten sind die Kreditausfallsorgen für nachrangige Anleihen jüngst deutlich angestiegen. So beispielsweise für die größten deutschen Banken, die Deutsche Bank und die Commerzbank.

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Gold gegen Zahlungsausfälle

Im Euroraum ist es bereits zu Ausfällen bei Bankanleihen gekommen. Ende 2015 wurden in Italien vier Volksbanken gerettet. Mehr als 1 Millionen Kunden erlitten dabei Verluste von insgesamt geschätzten 750 Mio. Euro.

In Portugal wurden über den Jahreswechsel urplötzlich Schuldpapiere der Novo Banco (die aus den „guten Teilen“ der gescheiterten Banco Espirito Santo geschaffen wurde) in Höhe von etwa 2 Mrd. Euro für quasi wertlos erklärt.

In der Öffentlichkeit bekannter sind vermutlich die Verluste, die die Halter von Bankschuldpapieren und -depositen in Griechenland und Zypern erlitten haben, um die Banken über Wasser zu halten.

Anleger sollten spätestens jetzt aufwachen: Die Probleme der Euro-Banken haben längst das Ende der Sorglosigkeit für Bankkunden eingeläutet. Das, was bisher als sicher galt, ist nun nicht (mehr) sicher.

Was tun? Euro-Anleger haben gute Gründe, in ihrem liquiden Vermögen Gold zu halten. Als das ultimative Zahlungsmittel ist Gold nicht nur ein Schutz gegen die Entwertung des Euro. Gold ist auch ein Schutz gegen Zahlungsausfälle: Denn es trägt kein Kontrahentenrisiko wie beispielsweise Schuldpapiere und Bankeinlagen. Und es versagt vor allem langfristig seinen Dienst nicht.

Regierungen kommen und gehen, Papiergeldwährungen kommen und gehen. Das Gold bleibt jedoch. Es wird – wie die Dinge stehen – seinen Tauschwert nicht einbüßen.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

Ein Kommentar auf "Euro-Banken unter Druck"

  1. toter_esel sagt:

    Sehr geehrter Herr Prof. Polleit,

    das ist alles richtig, was Sie schreiben.

    Die Frage ist jedoch: wenn dieses Finanzsystem entgegen jeglicher Logik solange funktioniert hat, warum soll es nicht weiter „funktionieren“?

    Das Finanzsystem sind die Märkte. Und die orientieren sich nicht an der Realwirtschaft, sondern werden getrieben von Erwartungen auf weitere „Hilfen“ seitens der Zentralbanken.

    Es gibt Müllkippen wie der ESF (Exchange Stabilization Fund) in den USA und ANFA (Agreement on Net Financial Assets) in der Eurozone; beide unterliegen keinerlei parlamentarischer Kontrolle. Der ESF hat sogar Sonderziehungsrechte des IWF.

    Unter den Umständen wird es nie mehr einen Crash einer TBTF-Bank geben. Da die Müllkippen eine Gegenbuchung brauchen, müssen wir mit „Strafzinsen“, Manipulationen aller Märkte, finanzieller Repression bei gleichzeitiger Täuschung der Öffentlichkeit (bail-in und Einlagensicherung!) und Gewaltanwendung rechnen, wenn Menschen die Umsetzung der „Rettungspakete“ ablehnen.

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