Euro-Banken in der Abwärtsspirale

1. Oktober 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Um die Euro-Banken ist es nicht gut bestellt, so ist zu lesen und zu hören; sie seien gewissermaßen zur Achillesferse des Euroraums geworden. Was aber sind eigentlich die Probleme, unter denen die Euro-Banken leiden?

1. Das Refinanzierungsproblem:

Das Vertrauen in die Banken schwindet. Das verteuert die Refinanzierungskosten der Banken und schmälert ihre Gewinne. Im Extremfall ziehen Kunden ihre Einlagen ab („Bank Run“). Den Banken droht dann die Illiquidität. Eine Illiquidität kann die Europäische Zentralbank (EZB) allerdings abwenden, indem sie den Banken Kredite gibt.

2. Das Insolvenzproblem:

Weitaus problematischer wird es, wenn sich bei den Banken eine Insolvenz abzeichnet – wenn also die Einzahlungen, die sie im Aktivgeschäft verdienen, nicht mehr ausreichen, um Zins und Tilgungen gegenüber ihren Schuldnern zu leisten. In einem solchen Fall vermindern die Verluste das ohnehin schon knappe Eigenkapital der betroffenen Banken.

3. Das „Bail in“-Problem:

Zehren die Verluste das Eigenkapital einer Bank auf, und kann sie sich kein neues Eigenkapital beschaffen, müssen die Verbindlichkeiten der Bank herabgesetzt werden („Bail in“). Investoren und Sparer erleiden Verluste. Sie werden, wenn sie es noch können, die Flucht ergreifen – und das wiederum kann den Banken akute Refinanzierungsprobleme bescheren.

Solange nur einige wenige Banken insolvent sind, besteht durchaus noch eine Chance, dass sich das Problem bewältigen lässt: Sie werden – wie beispielsweise bereits bei vier italienischen Volksbanken geschehen – auf Kosten der Einleger saniert, indem Kundenforderungen gestrichen werden. Wenn jedoch zu viele Banken insolvent werden, kann die Lage rasch außer Kontrolle geraten.

Die Bankenprobleme schlagen unmittelbar auf die Realwirtschaft durch, wenn die Kreditinstitute gezwungen sind, aufgrund des geschrumpften Eigenkapitals ihr Kreditangebot einzuschränken. Unternehmen und Konsumenten, die sich nicht über den Kapitalmarkt finanzieren können, geraten dann in Finanzierungsschwierigkeiten.

Ein Versiegen des Kreditstroms bringt das gesamte Konjunkturgebäude ins Wanken. Eine wachsende Zahl von Schuldnern ist nicht mehr in der Lage, den Schuldendienst zu leisten. Die Verluste, die die Banken im Kreditgeschäft erleiden, steigen an, und das Problem verschlimmert sich: Die Banken treten noch stärker auf die Kreditbremse, die Wirtschaft geht in die Rezession.

Die Problemlage des Euro-Bankenapparates hat weitreichende Effekte – schließlich ist er der größte der Welt mit einer Bilanzsumme von gut 32.000 Mrd. Euro, das sind etwa 317 Prozent der Wirtschaftsleistung im Euroraum. Wie groß die Probleme der Banken tatsächlich sind, darüber liegen keine genauen und abschließenden Zahlen vor. Angesichts der schieren Größe des Euro-Bankenapparates ist es jedoch wahrscheinlich, dass die EZB noch zu sehr drastischen Maßnahmen greifen muss, um sich wirkungsvoll gegen die Abwärtsspirale, in der sich die Euro-Banken immer noch befinden, zu stemmen – um insbesondere das Refinanzierungsproblem der Banken auszuschalten. Wir hatten bereits ausführlich darüber berichtet,1 und ein „Update“ dazu findet sich auf Seite 9 in diesem Report.

Es wird gerettet

Bereits gegen Ende 2015 ist die Deutsche Bank in das Fadenkreuz der Finanzmärkte geraten: Ihre Solidität wird angezweifelt – was in einem Verfall des Aktienkurses und den Preisen für Kreditausfallversicherungen zum Ausdruck kommt. Das ist höchst brisant, schließlich ist die Deutsche Bank nicht irgendeine Bank: Ende des zweiten Quartals 2016 belief sich ihre Bilanzsumme auf 1.800 Mrd. Euro – und entsprach damit etwa 60 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes.

Wo die Probleme der Deutschen Bank genau liegen, darüber besteht Unklarheit. Wäre es „nur“ mangelnde Profitabilität, würde das zwar einen Rückgang des Aktienkurses erklären, nicht aber notwendigerweise auch Zweifel an der künftigen Zahlungsfähigkeit der Bank. Letzteres ist nur dann begründet, wenn erwartet werden muss, dass die Einzahlungen, die die Bank erzielt, hinter ihren Auszahlungsverpflichtungen zurückfallen – wenn sich also zum Beispiel unerwartete hohe Ausfälle im Kredit- und Derivatgeschäft einstellen.

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Die Deutsche Bank ist ein bedeutender Mitspieler insbesondere im internationalen Derivativgeschäft. Am Ende des Geschäftsjahres 2015 hatte sie ein Nominalvolumen von OTC-Derivaten in Höhe von 52 Billionen Euro in der Bilanz. Zum Vergleich: Das deutsche BIP belief sich auf etwa 3 Billionen Euro. Allein deswegen schon ist die Deutsche Bank natürlich in höchstem Maße systemrelevant. Soll eine „Lehman-Krise 2.0“ verhindert werden, wird man die Deutsche Bank – sollte es hart auf hart kommen – retten müssen, auch und gerade aufgrund des „Drucks von außen“. Letztlich wird der deutsche Steuerzahler zur Ader gelassen. Dass die Rechnung – wenn sie abgerufen wird – vermutlich extrem teuer wird, braucht nicht betont zu werden.

Schuldenquote und Goldpreis

Der Goldpreis ist mit der wachsenden Verschuldung gefolgt. Die jüngste Entwicklung deutet an, dass er noch Steigerungspotenzial hat.

Ab etwa Mitte der 1990er Jahre steigen in den Vereinigten Staaten von Amerika die Schulden (hier dargestellt anhand der Bankkredite) stärker als die Einkommen (hier dargestellt am Bruttoinlandsprodukt (BIP)) zunehmen. Diese Entwicklung kann mehrere Gründe haben. Zum Beispiel hat in den letzten Jahren die Arbeitsteilung merklich zugenommen. Entsprechend ist der Kreditbedarf zur Produktion des Güterangebots angestiegen.

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Eine andere Erklärung ist das ungedeckte Papiergeldsystem. Es sorgt mittlerweile dafür, dass die Schulden deutlich stärker steigen als die Einkommen. Interessant ist vor diesem Hintergrund die Entwicklung des Goldpreises.
Der Preis des gelben Metalls stieg bis Anfang 1980 stark an, gab danach aber wieder deutlich nach. Mit Beginn der 1990er Jahre begannen viele Zentralbanken, ihre Goldbestände zu verkaufen.

Diese Politik wurde zu Beginn des Jahres 2009 beendet. Der Goldpreis stand in dieser Zeit unter (künstlichem) Abwärtsdruck. Allerdings begann er bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder zu steigen.

Mit dem Platzen des „New Economy“-Booms 2000/2001 kam es zu einer drastischen Veränderung in der Geldpolitik. Durch ihre Niedrigzinspolitik befeuerte die Fed das Geld- und Kreditwachstum immer stärker. Die Geldpolitik wird seither immer aktiver und aggressiver eingesetzt, um die Konjunkturen in Gang zu halten und die Finanzmärkte vor einem Preiseinbruch zu bewahren. Im Zuge der zunehmenden Entkopplung von Schulden und Einkommen ist der Goldpreis deutlich angestiegen. Der Rohstoffpreis-Boom zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat dabei sicherlich eine wichtige Rolle gespielt.

Zudem erklärt sich der Goldpreisanstieg sicherlich auch durch das Anwachsen von zwei Risiken, die mit dem übermäßigen Ansteigen der Kredit- und Geldmengen einhergehen.

Erstens: Mit dem Ansteigen der Verschuldungsquote wächst natürlich auch das Kreditausfallrisiko: Die Wahrscheinlichkeit, dass Schuldner ihren Schuldendienst nicht mehr leisten können, nimmt zu.

Zweitens: Die Gefahr nimmt zu, dass die Zentralbank beginnt, strauchelnde Schuldner mit dem Anwerfen der elektronischen Notenpresse zu finanzieren, also auf eine (offene) Inflationspolitik einschwenkt.

Gold ist eine natürliche Versicherung gegen Zahlungsausfälle. Es trägt, anders als Giroguthaben bei Banken, kein Kontrahenten- beziehungsweise kein Zahlungsausfallrisiko. Zudem lässt sich die Kaufkraft des Goldes nicht durch politische Maßnahmen herabsetzen. Daher ist es auch das ultimative Zahlungsmittel. Mit anderen Worten: Ungedeckte Währungen kommen und gehen. Gold bleibt.

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Vor diesem Hintergrund ist zu vermuten, dass das Anwachsen der Verschuldung relativ zum Einkommen ein Richtungs- beziehungsweise Frühindikator für den Goldpreis ist.

Tatsächlich zeigt sich etwa seit Beginn des 21. Jahrhunderts ein derartiger positiver Zusammenhang: Der Goldpreis ist – mit zeitlicher Verzögerung – der Verschuldungsquote gefolgt. Erklärt werden kann das – wie bereits angeführt – mit den wachsenden Risiken (Kreditausfall- beziehungsweise Inflationspolitik), die mit einer zunehmenden Verschuldung der Volkswirtschaften verbunden ist. Die letzten Datenpunkte legen nahe, dass der Goldpreis Steigungspotenzial hat – und das gilt umso mehr, wenn sich die Probleme im Euroraum – insbesondere die der Euro-Banken – weiter verschärfen.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

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Ein Kommentar auf "Euro-Banken in der Abwärtsspirale"

  1. CFritzsch sagt:

    „Ihre ??Solidarität ?? wird angezweifelt“ muss wohl heißen „Solidität“

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