Es piept! Zeitzeichen in Zeitenwenden

3. August 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Frank Meyer

Wie spät ist es? Haben Sie eine Ahnung? Ich bin nicht sicher. Früher habe ich in solch einem Fall das Radio eingeschaltet und auf das Zeitzeichen gewartet. Heute aber piept es andauernd aus dem Kasten wie Geräte im Krankenhaus, die den Herzschlag messen. Piep!

Orientierungslos in einer Zeitenwende: Als es nur so ein Gefühl war, dass eine Zeitenwende begonnen haben könnte, war ich auf der Suche nach entsprechenden Zeichen. Jetzt werden sie in Hülle und Fülle geliefert. Just in time, wie im Supermarkt. Die Auswahl ist groß. Ist es fünf Minuten vor zwölf? Bin ich spät dran?

Rumpel-Rompuy

Ich renne seit drei Tagen einer Fliege in der Wohnung hinterher. Sie ist schneller als ich. Die Fliege ist ein Gedanke, ein Hirnfurz, der versucht, sich an die Wände zu klammern und im Kühlschrank einzunisten. Ein aus Buchstaben gezimmerter Gedanke ist meinem Laptop entwichen. Nun bekomme ich ihn nicht mehr los. Als Quelle des Gedanken wurde ein Hirn angegeben, welches EU-Ratspräsident Herman van Rompoy zugeordnet wird. Er schrieb in einem Gastbeitrag in der „Süddeutschen Zeitung“ einen aufregenden Artikel mit der Überschrift: „Liebe Märkte, jetzt muss Schluss sein!“

Warum nur spielen die Märkte derzeit so verrückt? So beginnt sein erster Satz. Ich hätte da eine Idee: Vielleicht, weil Verrückte die Europa regieren? Sie haben den Markt nach zehn Jahren der Ruhe verrückt gemacht. Ist eigentlich der Artikel wirklich von besagtem Herrn? Vielleicht hat der Autor der Zeilen ein altes „Neues Deutschland“ aus der DDR auf den Kopierer gelegt, heftig auf die Tasten gedrückt und die Buchstaben dann recycelt?

Die Märkte müssen endlich verstehen, fährt er fort, Griechenland wäre eine Ausnahme und die Lage in anderen Staaten der Euro-Zone völlig anders. Es ist völlig aberwitzig, lesen wir, dass gesunde Volkswirtschaften wie Italien oder Spanien so unter Druck gesetzt werden. Japan hat schließlich mehr Schulden.

Wo bitte schön kann ich den Bildschirm schärfer stellen? Das interessiert mich jetzt doch… Ahhh…!

Van Rompuy will mit seinen Kollegen gesunde Volkswirtschaften im Euro-Raum vor den Launen des Marktes schützen. Es gäbe keine Krise des Euro, betont er. Da muss ein Missverständnis vorliegen, wenn er oder wer auch immer schreibt, dass der Euro und die Volkswirtschaften auf dem Spiel standen. Ach, ist der Rasen schön grün in Brüssel. Nur rauchen sollte man ihn nicht.

Ich bin zuversichtlich, dass die nationalen Parlamente, so sie mitbestimmen dürfen, die neuen Instrumente akzeptieren werden… Erstaunlicherweise haben sich die Kosten der Geldaufnahme in einigen Euro-Ländern seit dem Gipfel erhöht. Alle makroökonomischen Grundsätze zeigen in die entgegengesetzte Richtung, eigentlich müssten die Zinsen sinken. (Quelle: Süddeutsche Zeitung)

…so sie mitbestimmen dürfen… Und das ist ein weiterer Punkt. Interessant, was man da so vor hat. Und das zu einer Zeit, in der es keine Euro-Krise gibt. Ich kann den Rest des Artikels nicht lesen, ohne blind zu werden, den Notarzt zu rufen oder meine Nachbarn um diese Zeit aus dem Bett zu holen. Zudem muss ich auch noch nach Herztropfen suchen, die Fliege aus der Stube vertreiben und vor allem diese seltsamen Zeilen aus meinen Hirnlappen…

Ja, liebe Märkte, jetzt seid endlich mal lieb und lasst uns machen. Ihr werdet schon sehen. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Es wird spannend, in dieser Zeitenwende zu erfahren, wie lange sich Politik über ökonomische und monetäre Gesetzmäßigkeiten durchsetzen kann. Wahrscheinlich so lange bis die ganze Sache ganz böse endet.

„Die Welt“ schreibt, die deutsche Politik feiert die Selbstaufgabe als Erfolg. Mehr ist dazu nicht zu sagen.(Seite 2)

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14 Kommentare auf "Es piept! Zeitzeichen in Zeitenwenden"

  1. Andre sagt:

    Guten Morgen Frank, die „Seitenprobleme“ sind behoben. Vielen Dank!
    Hier eine kleine Knobelaufgabe.
    Für welches Land in dieser Illustration

    http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/marktberichte/:spanien-und-italien-anleger-bangen-um-suedeuropa/60086763.html

    steht das sechte Kreuz?

  2. wolfswurt sagt:

    Nur so als kleiner Tip: es ist nicht 5 vor 12 sondern 12.30 Uhr.
    Es ist verständlich in 5 vor 12 den Wunsch auszudrücken der Point of no Return liege noch vor uns.
    Dem ist leider nicht so, wie wir alle noch erfahren werden.

  3. Fnord23 sagt:

    Warum hacken immer alle auf der Zeit herum?
    Was kann die Zeit dafür, dass es zu spät ist?

    Meine existenzielle Frage im Moment ist:
    Warum bekomme ich in der Kaufhalle Zucker und Kaffee nur noch in „haushaltsüblichen Mengen“?
    „Abgabe pro Familie max. 5 Stück“ steht da am Regal.

    Wenn es pro Familie wieder nur eine Flasche Ketchup gibt, dann haben wir wieder 1988.

    Ist morgen schon vorgestern? Ging ich unbemerkt durch ein Zeittor?
    Wann waren Zucker und Kaffee Tauschmittel?

    Ich nehme jetzt den aktuellen Kalender von der Wand.
    Irgendwo muss noch einer aus dem Jahr 1988 sein. Häää?– das stimmt ja sogar mit den Tagen und Monaten.

    Die Ursachen für den Verfall der DDR waren die gleichen. Ein unnatürliches Wirtschaftssystem kann auf Dauer nicht funktionieren.

    So, ich muss jetzt noch mal Kaffee und Zucker holen. Hoffentlich erkennt mich die Kassiererin nicht wieder.

    VG aus Sachsen

    • e-t sagt:

      Also in DD habe ich so etwas noch nicht gesehen – soweit ich mich an eine Meldung erinnern kann liegt es an den Nachbarn aus Polen und Tschechien – die kaufen in den grenznahen Städten halt ein.

      • Takuto sagt:

        An den Polen kanns nicht liegen, denn bei uns im äußersten Süden – Nachbarn Österreicher – unterliegen wir auch dieser Beschränkung. Die Krise bricht jetzt bereits in die tägliche Versorgung ein, würde ich sagen.

    • wolfswurt sagt:

      Du bekommst den Zucker/Kaffee nur noch in hauhaltsüblichen Mengen weil es eben schon 12.30 Uhr und nicht mehr 5 vor 12 ist.

      Ein jeder scheint gut beraten, wenn er sich auf Mangel in der Realwirtschaft einstellt.

      Mangel ist im übrigen gesünder als Überfluß – der schöpferischen Kräfte wegen.

      • Fnord23 sagt:

        12:30 oder 0:30? Das Zweite wäre mir lieber. Noch ein wenig ausruhen.
        In 6 Stunden heißt es: „Hoch die Knochen. Ein neuer Tag beginnt.“
        Und das freut mich.

        Dass es unsere Nachbarn mit den starken Währungen sein sollen, hab ich auch gehört. Glaub ich aber nicht. Ich wohne nicht direkt an der Währungsgrenze.

        Das schöne ist aber, dass durch diese Aktionen die Lage nicht besser wird.

        Was denkt der normale Mensch:
        „Kaffee und Zucker werden knapp? Na dann tu ich doch gleich mal was ein. Wollte eigentlich nur eine Packung kaufen. Nehme jetzt gleich mehr mit.“
        So haben wir Ossis das in den 80igern mit Butter gemacht.
        Da lief das genau so. Durch die Kaufeinschränkung wurde erst recht gehamstert und das Problem noch größer.

        Und wolfwurt:
        „Mangel ist im übrigen gesünder als Überfluß – der schöpferischen Kräfte wegen“.

        Da bin ich ganz bei dir. Wer im Überfluss lebt wird fett, faul und träge. Da nehm ich mich nicht aus. Es kommt dann immer auf den jeweiligen Charakter an, ob man sich hingibt oder dagegegen ankämpft.
        Ich kämpfe viel und ständig.:-)

        VG aus Sachsen

  4. rolandus sagt:

    Applaus …und als Hintergrundmusik für diesen genialen Text kann ich schon wieder auf die gute alte NDW Zeit verweisen.

    @Frank : Langsamer Seitenaufbau kann den geduldigen EMer nicht aus der Ruhe bringen, höchstens langsamer Erkenntnisaufbau von Politikern ,-)

    Schön Gruß auf den Balkon rolandus

  5. samy sagt:

    Wuuuunderbarer Artikel. Umso böser die Krise, desto zynischer der Meyer.
    Und das ist auch gut so, bitter nötig quasi.

    VG

  6. NWO-Fefe sagt:

    Ebenfalls danke für den Spitzen-Artikel, möge die Macht mit Dir sein:

  7. kigosi sagt:

    Lieber Frank, auch von mir ein herzliches Dankschön für derartige Artikel.
    Könntest Du nicht dazu übergehen, CCs Deiner Werke an unsere Parlamentarier zu mailen? Vielleicht könnte man so zumindest den ein oder anderen „zwangstherapieren“….
    Beste Grüße

  8. DieterGraef sagt:

    Hallo und liebe Grüße von einem randberliner Fan.
    Ich glaub später wird die Gegenwart wohl Spreewälder Ü-Ei Periode genannt, spannend, was zum spielen bloß statt süß eben sauer.
    Und weil informative Links hier reingetippt werden dürfen von mir auch einer:
    http://www.theonion.com/articles/drunken-ben-bernanke-tells-everyone-at-neighborhoo,21059/

    viele Grüße vom Rand von Berlin

  9. Krisu sagt:

    Tach zusammen.
    @Frank: auch ich finde das einen sehr feinen Artikel!!
    @alle Kaffeehamster: ich habe gestern 10 Pfund Kaffee gehamstert, weil er im Angebot war, keine Vorkommnisse an der Kasse, Kassenfrau war ruppig wie immer.
    @alle Zucker- und Ketchuphamster: Zucker u. Kohlehydrate in der landläufig empfohlenen Ernährungspyramide sind für den Körper gar nix, quasi wie die Schulden in der „modernen“ Volkswirtschaft, du brauchst immer wieder neu davon und es macht dich schleichend alle – Diabetes, Übergewicht, Herz/Gefäße, Krebs – gut für die Jungs und Mädels von der Rente in Berlin..

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