Es ist serviert.

8. Dezember 2009 | Kategorie: Kommentare

Vorstand vom Bankhaus Rott

Was dem in der Regel wohlgenährten Durchschnittsmenschen seit den Fünzigern erspart bleibt, ist das Ausschneiden von Lebensmittelmarken. Im Jahre 1950 wurden die Lebensmittelmarken in Deutschland (West) abgeschafft, in der DDR wurden Marken noch bis 1958 ausgegeben, nachdem Bezugsscheine für Lebensmittel, Sprit und Kleidung teils bereits vor Kriegsbeginn ausgegeben wurden…

Jenseits des Atlantiks hat man auf Grund der starken Nachfrage nach „Food Stamps“ nun auch die Notwendigkeit einer neuen Marketingstrategie entdeckt. Nach der deutlichen Zunahme der Anzahl hilfsbedürftiger Menschen änderte man nun den Namen des Programmes zur Vergabe von Lebensmittelmarken von „Food Stamp Program“ (anscheinend zu trivial) in „Supplemental Nutrition Assistance Program“ (SNAP) (beeindruckend). Übersetzt heißt das in etwa „Nahrungsergänzungs-Hilfsprogramm“. Das klingt tatsächlich gleich viel wissenschaftlicher und macht die USA als Verteiler von Speiseempfangsberechtigungszetteln fast schon zur globalen Speerspitze der Wohlfahrtsstaaten. Der Leser kann sich den Programmnamen auf der Zunge zergehen lassen, und den Skandinaviern zittern sicher schon die Knie wegen des baldigen Verlustes des Sozialthrons.

Zur Begründung der Namensänderung gibt es auf den Seiten des Agrarministeriums folgendes zu lesen:

Q. Why was the name of the Program changed?
A. The new name reflects our focus on nutrition and putting healthy food within reach for low income households.

Q. What does the name change mean for me – a food stamp recipient?
A. Only the name of the Food Stamp Program is changing. SNAP is not a new Program.

Pragmatisch ins deutsche übertragen heißt das also: Alter Wein in neuen Schläuchen.

Eins ist aber sicher, die Anzahl der Hilfsempfänger steigt stetig an und hat mit aktuell 34 Millionen Menschen in den USA ein neues Hoch erreicht. Ein trauriges Gipfelfest. Bei der USDA, dem US Agrarministerium tut man sich bei der Preisung dieser bizarren Wachstumsstory keinen Zwang an und vermeldet offenherzig die folgenden Zahlen:

The Supplemental Nutrition Assistance Program – SNAP (fomer Food Stamp Program)
served an average of 2.9 million people per month in 1969. Forty years later in April 2009, FNS estimates SNAP participation at over 33.7 million.

Um die beiden Werte ins rechte Licht zu rücken, wollen wir kurz erwähnen, wie sich diese als prozentuale Anteile an der jeweiligen Gesamtbevölkerungszahl darstellen. Anno 1969 zählten 1,4% der US Bevölkerung zu den Betroffenen. Zum Zeitpunkt der Publikation des oben stehenden Zitats, April 2009, hatte die Zahl den ebenso erstaunlichen wie erschreckenden Wert von 10,6% aller US Bürger erreicht. Mehr als jeder zehnte US Amerikaner ist somit in den Kreis der Empfänger von Lebensmittelmarken eingetreten – Die Zahl hat sich in den letzten vier Dekaden mehr als versiebenfacht und die Tendenz bleibt stark steigend. Seit April ist die Quote bereits weiter gestiegen und liegt aktuell bei 11,2%.

Angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit, die umfassende Quote U.6 liegt aktuell immerhin bei über 16%, ist der angestiegene Bedarf an Zuschüssen für Nahrungsmittel nicht wirklich überraschend, das generelle Niveau von über 11% wirkt allerdings angesichts der anhaltenden, arg unkritischen Selbstdarstellung der US Ökonomie durch ihre blassen Vertreter nicht wirklich passend. Hinter den gläsernen Fassaden lauert halt nicht landesweit der reich gedeckte Esstisch aus Mahagoni.

Das zeigt sich auch an der Einkommensverteilung, ein Problem, dass es natürlich ebenso wie generelle Armut nicht nur in den Staaten gibt. Das Auseinanderklaffen der Einkommensschere ist jedenfalls ungebremst, trotz zahlreicher in der Krise verdampfter Großvermögen.

Die Daten sind eindeutig und stammen aus den letzten in der Gesamtheit vom US Census Bureau veröffentlichten Werten. Aktuelle Daten zu Teilsegmenten zeigen, dass sich die Entwicklung in den vergangenen Jahren noch verschärft hat.
Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt 34% der Vermögenswerte. Die 80% der Menschen mit dem geringsten Besitz kommen gemeinsam auf lediglich 15%. Bezogen auf das reine Geldvermögen sieht die Lage noch deutlicher aus, hier verbleiben für die wenig begüterten 80% der Bürger nur dünne 7% des gesamten finanziellen Besitzes. Nimmt man die „obersten“ 10% unter die Lupe, so besitzen diese 81% des finanziellen Reichtums, die breite Masse von 90%, die den viel umworbenen Mittelstand mit einschließt, darf sich um die verbleibenden 19% streiten.

Der gerne von den Empfängern übermäßiger Einkommen – auch in Deutschland – verbreitete Eindruck, diese ließen sich mit den entsprechenden Leistungen begründen, sollte doch spätestens seit dieser Krise zu 100% wiederlegt worden sein. Wem das nicht genügt, der möge sich erinnern, etwa an das nun schon Dekaden dauernde Elend im Hause Daimler, dass von Edzard Reuter über Schrempp bis zum Chrysler-„Sanierer“ (heute ja bekanntermaßen bankrott) Zetsche reicht. BMW hat sich ja auch schon einmal fast zu Tode expandiert, die Auslandsabenteuer deutscher Großfirmen wie etwa der Deutschen Post in den USA sind ebenfalls noch bestens in Erinnerung.

Über Banken müssen wir nicht gesondert sprechen, das Elend ist ja bekannt. Allerdings wird von vielen Verantwortlichen der Bezug von den Verlusten zur eigenen strategischen Fehlleistung nicht gezogen, man verweist schlicht auf die „außergewöhnliche Krise“ (jaja, Lehman, siehe dazu: http://blog.bankhaus-rott.de/#post1) und verdrängt, dass es keinen Großverdiener braucht, um in einem ewigen Bullenmarkt Geld zu verdienen. Aber wer es schon für eine Einschränkung hält, für eine schlappe halbe Million im Jahr morgens aufzustehen, dem ist ohnehin nicht zu helfen. Macht im Monat gute €41.600, selbst bei 365 Arbeitstagen im Jahr käme man noch auf ein Tageseinkommen von €1.369. Immerhin, das ist 3,8 mal der Hartz 4 Regelsatz – wie gesagt, pro Tag. Da befindet sich der betroffene Manager allerdings wirklich in einer offensichtlich prekären Notsitutation.

Unser Vorschlag entspricht dem, den viele Angestellte derzeit von ihren Personalabteilungen zu hören bekommen – „Wenn Ihnen das nicht reicht, suchen Sie sich doch etwas anderes.“ Bei den ja immer im Zusammenhang mit den großen Schlachtenlenkern genannten Fähigkeiten dürfte das ja kein Problem sein.

Für ein auch zukünftig friedliches Zusammenleben dürfte nun auch die ein oder andere kleine Einschränkung nicht mehr ausreichen, dafür sind die Unterschiede und die Dynamik des Auseinanderdriftens zu stark. Da es an strukturellen Merkmalen krankt, wird es auch struktureller Änderungen bedürfen. Das hat mit der Abschaffung der Marktwirtschaft nichts zu tun, ganz im Gegenteil, sind doch die extremen Gehaltsunterschiede im Allgemeinen nicht Ausdruck von Marktkräften sondern von Lobbyismus, Vetternwirtschaft und seltsamen Entscheidungsprozessen, bei denen ein Zweigestirn aus „Führungskräften“ und externen Beratern für stetig anziehende und von der Realität vollkommen entkoppelte Bezahlung sorgt. Diese Welt der Gefälligkeiten, die sich nach außen hin den Anstrich einer leistungsorientierten Gesellschaft gibt, ist keine soziale Marktwirtschaft sondern gefährdet diese und stellt somit ein Grund legendes Problem dar. Es sei denn, man hält die Ausgabe von Lebensmittelmarken für ein wünschenswertes Modell.

Homepage des Bankhauses Rott

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