Es ist nur der erste Schritt in die Krise

29. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Was in Bezug auf Griechenland passiert ist, wissen Sie aus den Nachrichten. Das muss ich hier also nicht noch einmal durchkauen. Was mich interessiert, ist das „Warum“ dieser Eskalation. Und die aus meiner Sicht wahrscheinlichste Antwort würde bedeuten, dass wir tief in der Tinte sitzen…

Denn sie betrifft sich nicht nur Griechenland. Sie betrifft alle großen Probleme, mit denen wir konfrontiert sind … und die momentan zwar fast völlig aus den Schlagzeilen verschwunden sind, derweil aber fleißig größer werden.

Wieso also hat man nun auf einmal diese Schnapsidee mit dem Referendum auf den Tisch gebracht, obwohl man hätte wissen müssen, dass das genau der Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringen würde? Der erste Gedanke, der mir kam, war, dass man das in Wahrheit hinter verschlossenen Türen ausgeheckt hatte nun alle nur entsetzt und enttäuscht tun, weil man beiderseits meint, dass die Staatspleite der „billigere“ Weg wäre, um aus der Sackgasse zu kommen … ohne zugleich das Gesicht zu verlieren. Die Troika kann nun über unzuverlässige, unberechenbare Verhandlungspartner schimpfen und die EU-Bürger nicken beifällig. Und die Griechen toben über undemokratische Verhaltensweisen der Gläubiger und wissen dabei die Mehrheit ihrer Bürger auf ihrer Seite. Aber irgendwie ist das zu einfach.

Wahrscheinlicher erscheint mir, dass diese Idee mit dem Referendum aufkam, weil man seitens der griechischen Verantwortlichen einfach nicht den Mut hatte, Forderungen zu akzeptieren, die die Bevölkerung noch mehr aufbringen würde … genauso, wie man seitens der Gläubiger fürchtete, dass ein weiteres Nachgeben Richtung Griechenland nicht vor den Wählern zu vertreten sei und man das den Verhandlungsführen als Schwäche auslegen würde. Das Gesicht nicht zu verlieren, bloß nicht als Verlierer dazustehen, ist in meinen Augen einer der entscheidenden Gründe dafür, dass sich diese Verhandlungen derart hinzogen, über nüchtern betrachtet von ihrer Dimension her absurd geringfügige Details gezankt wurde und man am Ende den Notausstieg mit dieser Referendum-Idee wählte.

Denn so schiebt die griechische Regierung die Schuld den Bürgern selbst zu, dezent angeschoben durch die Empfehlung, mit „Nein“ zu stimmen. Dabei soll es ja gar nicht um die Eurozone oder den Euro an sich gehen, sondern es wären die Forderungen der Troika, die zur Abstimmung stehen würden. Tsipras, Varoufakis & Co. stellen sich nun hin und erklären, dass derartig tiefgreifende Entscheidungen nicht ohne die Stimme des Volkes getroffen werden könnten … auf einmal. Und witzigerweise hörte ich gestern im Zuge der üblichen Stammtisch-Gespräche, dass man doch dieses Referendum noch hätte abwarten können, weil doch über 70 Prozent der Griechen den Euro behalten wollen. Verständnis also auch hier aufgrund mangelndem Wissen. Denn wie gesagt: Darum soll es ja gar nicht gehen. Euro behalten wollen heißt ja nicht, die Forderungen der Troika akzeptieren zu wollen oder zu können.

Und so könnte es gelingen, diese Diskussion so zu beenden, dass man zwar europaweit Kopfschütteln erntet, aber irgendwie der Eindruck aufkommt, man müsse doch für beide Seiten Verständnis haben. Und so gelingt es auch, die eigentlichen Ursachen des Scheiterns zu überdecken. Nämlich die Aufnahme eines Landes in die Eurozone, das dafür in keiner Weise geeignet war, mit Wissen und stillschweigender Billigung der EU, die dachte, so ein kleines Land werde schon irgendwie mitgezogen, Hauptsache, man habe sich „da unten“ strategisch verstärkt. Nämlich die von mir seit 2010 immer wieder als kontraproduktiv hervorgehobenen Spardiktate der Troika, die dazu führten, dass Griechenland wirtschaftlich immer tiefer in den Sumpf gerät. Nämlich das fröhliche „Füße hochlegen“ dort, weil man es sich glaubte leisten zu können, in dem sicheren Federbett der Eurozone den Kampf gegen Korruption und Steuerbetrug einfach bleiben zu lassen.

Aus Angst, Unbequemes entscheiden zu müssen ewig herum zu lavieren, ist das Schlimmste, was Entscheider tun können. Wir haben jetzt gesehen, dass diese Angst alles beherrscht.

Und das lähmt auch und gerade die EU. Denn die große Zahl von Köpfen, die hier nicken müssen, führt dazu, dass dieses Zaudern vor harschen Maßnahmen bereits dort, auf der höchsten Ebene intern, beginnt. Alles, was keine breite Zustimmung erhält, wird bleiben gelassen. Was bleibt, ist in einem Konglomerat aus den verschiedensten Denkweisen und Notwendigkeiten logischerweise ein formloser Matsch, der nichts verändert, aber vieles immer weiter kompliziert.



Das Problem ist, dass dieser Nachteil eines riesigen, nie zu Ende geformten und gedachten ZUsammenschlusses für alle Bereiche der Politik, der Wirtschaft und des Sozialwesens gilt. Ist Not am Mann, wird viel geredet … aber es gelingt nicht, einen gemeinsamen, dann bitte schön auch noch den Wählern zu verkaufenden Nenner zu erreichen, um einer Bedrohung wirksam zu begegnen. Und das wird in den kommenden Monaten und Jahren böse Folgen haben. Jetzt, da das Kind Griechenland in den Brunnen gefallen ist, könnte immer mehr Menschen – und Anlegern – gewärtig werden, dass da schon andere im Brunnen liegen. Beispiele:

Man ist offenbar außerstande, sich auf ein klares, durchdachtes Vorgehen in Bezug auf den anschwellenden Flüchtlingsstrom zu einigen, weil niemand da ist, der einfach anordnen kann, nach welchem Schlüssel ab sofort zu verfahren ist, wer womit und bis wann dafür zu sorgen hat, dass diese Menschen untergebracht und versorgt werden können und wie man diejenigen, die kein Anrecht auf Asyl haben, schnell und wirksam erkennen und zurückschicken kann. Aber das Schlimmste daran ist, dass man den Ursachen für diese Zunahme vor Tod und Hunger fliehender Menschen offenbar ziemlich hilflos gegenübersteht:

Terrororganisationen wie der IS, Al-Qaida oder Boko Haram sind offenbar nicht in den Griff zu bekommen. Die Anschläge des IS in den letzten Tagen zeigen aber, dass man bereit und eben auch imstande ist, nahezu überall zuzuschlagen. Die einzelnen Länder versuchen sich zu wappnen – aber die übergeordnete Ebene in Form der EU ist da ebenso rat- wie machtlos.

Doch das gilt eben auch für klassische außenpolitische Probleme. Die „Vereisung“ der Beziehungen zu Russland ist auch, aber eben nicht nur die Schuld Putins. Man hat seitens der EU immer wieder unklug und vor allem unstrukturiert reagiert. Wenn Sanktionen demjenigen, der sie verhängt, mehr schaden als dem, dem sie gelten, läuft etwas völlig verkehrt. Und man hat Tag um Tag mehr den Eindruck, als würde das Griechenland-Problem, das ja nach diesem Eklat nicht verschwunden ist, sondern zu einer sich entzündeten Wunde geworden ist, immer mehr Ressourcen binden, was auch verhindert, dass man zu einem Weg findet, diese fatale Entwicklung wieder Schritt um Schritt zu bereinigen.

Was die wirtschaftliche Ebene angeht, ignoriert man momentan mit aller Macht, was recht schnell zu einer heftigen Verschärfung der ohnehin fragilen konjunkturellen Lage führen würde: Der Anstieg der Kapitalmarktzinsen. Da die Emerging Markets nicht mehr als Rettungsanker für fehlendes internes Wachstum ausreichen, will die EZB durch massive Käufe von vor allem Staatsanleihen gezielt die Zinsen gezielt drücken (und den Euro in deren Schlepptau gleich mit) und so die Sparer in den Konsum zwingen, Unternehmen zu Investitionen verleiten und den Exportvorteil Europas vor allem gegen dem US-Dollar-Raum zementieren. Und scheitert.

Die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen lag Mitte April im Tief bei nur noch 0,07 Prozent … aber am Freitag war sie plötzlich bei 0,93 Prozent angekommen. Ein Niveau, das höher liegt als zu Beginn der Staatsanleihe-Käufe – und sogar noch höher als vor dem Beschluss dieser Maßnahme Ende Januar. Das aktuelle Niveau hatten wir auch schon im August 2014 gesehen. Hier wird meines Erachtens ganz gezielt der am schwächsten wirkende, große Wirtschaftsraum von den anderen unter Beschuss genommen – und niemand wüsste, was man dagegen tun kann.

Heute, am Sonntag, darf man zwar unterstellen, dass die Märkte auf das Griechenland-Desaster negativ reagieren. Aber viel interessanter ist zu sehen, ob diese negative Reaktion schnell wieder dem bislang ja erfolgreichen Dauer-Optimismus vieler Akteure weicht, die davon ausgehen, dass weiter gut geht, was bislang gut ging – oder ob die Stimmung jetzt kippt, weil zu viele erkennen, dass hier etwas ganz elementar schief läuft.

Das ist entscheidend: die Reaktion nach der Reaktion. Denn nichts ist für die Kursentwicklung an den Börsen wichtiger als die Stimmung. Und zugleich gibt es nichts, was fragiler wäre als sie.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de


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2 Kommentare auf "Es ist nur der erste Schritt in die Krise"

  1. waltomax sagt:

    Über Griechanlands „wahres Gold“ wird in letzter Zeit immer lauter geschwiegen. Das ist das Gas vor der Griechischen Küste, das man aus allen Diskussionen „merkbar“ heraushält.

    Wären die Griechen Selbstmörder, dann würden sie jetzt vernünftigerweise aus der EU, dem EURO und der NATO austreten und eine neue Drachme mit Energie decken. Auf der Basis staatlicher Gasfelder, die zu 100 % im Besitz des Griechischen Volkes sein müßten.

    Zu handeln wäre dieses Gas natürlich in Drachmen und nicht in Dollar.

    Diese Drachmen würden den Euro und den Dollar in kurzer Zeit allerdings sehr alt aussehen lassen, nämlich so wertlos, wie diese Junk – Währungen auch längst sind. („Würzen“ könnte man diesen Plan, indem vor allem Russen bei der Erschließung der Gasfelder helfen. Aber wir wollen nicht noch mehr übertreiben.) Was wäre also, wenn…?

    Morgen schon würde die gesamte NATO in Griechenland einfallen. Als Speerspitze dienten die Türken. Vorher hätte man allerdings die gesamte Regierung in Athen schon liquidiert.

    Aber die Welt würde einmal mehr erkennen, was „der Westen“ eigentlich ist…

  2. hanny sagt:

    also die Griechen haben früher mit der Drachme gelebt und warum sollten sie jetzt damit sterben? Sollte es gut gehen mit der Drachme, könnte es sein, dass ganz Europa in die Drachme geht oder jedes Land in seine eigene Währung, einfach mal abwarten.

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