Es gibt keine Tabus mehr… 

17. Juni 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

„Manchmal ist es erforderlich, zu den Waffen zu greifen“, sagt ein ehemaliger Pfarrer aus der DDR, der heute als Bundespräsident im Schloss Bellevue residiert. Früher hatte eine solche Äußerung Empörung und den Rücktritt zu Folge. Aber heute?

Wir leben in Zeiten, in denen man hofft, dass man es bei den vielen Nachrichten mit Falschmeldungen zu tun hat und dann auf die Korrektur wartet. Vergeblich. Nein, es war keine Falschmeldung. Und ich glaube, Herr Gauck kennt den folgenden Satz aus der Bibel…

Hütet euch vor den falschen Propheten! Sie sehen zwar aus wie Schafe, die zur Herde gehören, in Wirklichkeit sind sie Wölfe, die auf Raub aus sind … An ihren Taten sind sie zu erkennen… An ihren Taten also könnt ihr die falschen Propheten erkennen.

Der Autor dieser Zeilen hat nicht sonderlich viel mit der Bibel am Hut, sein Augenmerk ist auf die aktuelle Verbalakrobatik gerichtet, wo Entscheider in der Öffentlichkeit plötzlich ganz neue Töne von sich geben. Die Öffentlichkeit wird sein „Manchmal ist es erforderlich, zu den Waffen zu greifen“ zur Kenntnis genommen haben, als sie Bier für die Fußball-WM im Kühlschrank deponierte und Chips auf den Tischen drapierte. Das war früher anderes. Aber solange es die Mehrheit der Leute nicht versteht, kann er eigentlich sagen was er will. Es sind ja nur Worte – keine Taten. Aber Achtungszeichen! Ein weiß-russisches Sprichwort besagt, dass Worte materiell werden, sobald sie ausgesprochen sind.

Besser weiß ich dann schon, dass es das früher alles nicht gegeben hätte, zumindest nach einer langen dunklen Zeit – für eine lange glücklichere Zeit, die langsam zu enden scheint. Die Erfordernisse ändern sich, und damit auch die Wortwahl, ob in politischer, ökonomischer oder gesellschaftlicher Sicht.

Die Dinge ändern sich schnell. Aus einer Verteidigungsarmee wie der Bundeswehr wurde eine Berufsarmee. Alles, was man lesen kann, deutet darauf hin, dass Einsätze im Ausland zumindest verbal ent-tabuisiert werden, abgesehen von einigen Abenteuern in den letzten Jahren. Als Peter Struck (SPD) im März 2004 sagte „“Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt.“, gab es einen Aufschrei. Aber heute?

Die Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ ist ausgetrocknet. Nichts mehr zu tun gehabt. Was anderes gemacht. Vielleicht in der Öffentlichkeit, aber nicht in den Herzen. Es riecht nach Pulver, Blei und Benzin, wobei dies nur Synonyme sind für etwas, was Menschen tötet und Macht neu verteilt und die geopolitischen Achsen neu ordnet. Es war in der Geschichte schon immer eine Frage der Begeisterungsfähigkeit der Leute, wozu man sie dann einsetzen konnte.

Zudem, und das liest man doch überall, sind wir endlich wieder wer. Viel ist seit dem Rücktritt von Horst Köhler passiert. Keine Ruck-Reden mehr, sondern Hau-Ruck! Seine Nachfolger werden in die Geschichtsbücher eingehen als Persönlichkeiten, die den Herzog`schen „Ruck durch Deutschland“ anderweitig verstanden und mit ihrer Unterschrift erst ermöglicht haben. EFSF… ESM… Auslandseinsätze…? Sie machten unseren Weg frei wie Schneepflüge die Straßen im Winter. Vielleicht war es ja auch nur gut gemeint. Aber ist es deshalb auch gut?


Köhler ging, Wulff ging, Gauck kam, der Mann der Freiheit. Jeder versteht etwas anderes unter Freiheit. Vor allem die Ostdeutschen. Die Amerikaner haben so viel Freiheit, dass sie damit ständig auch noch andere Länder beglücken. Danach brennt es erst richtig. Und auch Auslandseinsätze von Armeen kommen jetzt auch hierzulande ins Spiel und damit auch die erschossenen und in die Luft gejagten Soldaten. Ich kenne einen, der noch lebt und frage mich jedes Mal, was ihn dazu gebracht hat, diesen klugen und netten Kerl, in Afghanistan in den Einsatz zu ziehen. Das ist doch kein Konsolenspiel!

Vielleicht spricht Gauck aber auch nur Wahrheiten aus bzw. das, was die Regierung nicht zu sagen wagt? Gibt es gute Kriege? Oder ist Krieg nur schlecht? Der US-Ökonom Tyler Cown ist nicht nur Professor an der George Mason University. Seine Überlegungen neulich in der New York Times“ gehen dahin, dass Kriege die Wirtschaft beleben … eine Dringlichkeit schaffen, die Regierungen ansonsten nicht beschwören würden… Genügend Pulverfässer sollte es geben. Zudem kommt die Geldproduktion in Zeiten von Deflationsgefahren endlich in Gang. „Kaufen Sie Rüstungs-Aktien!“ schrieb ich neulich! Charts lügen bekanntlich nie!

Ich stelle mir vor, die Ukraine wäre in der Nato. Hätten wir dann nicht einen Nato-Bündnisfall, wenn die Russen so einfach dort „eingefallen“ wären? So steht es in den Zeitungen. Vielleicht kommt so ein Nato-Bündnisfall ja anderswo, ganz überraschend, wenn auch nicht von ungefähr. Müssen wir uns dann an der „Drecksarbeit“ beteiligen? Nicht dass es die Mehrheit hierzulande möchte, vermute ich, aber Vertrag ist eben Vertrag. Außer, die Verträge werden gebrochen.. Nicht aber mit den USA! Umgekehrt eher.

Sind wir wieder wer?

Wirtschaftlich vielleicht… Es heißt, wir profitieren vom Euro und von Europa. Wir sind Exportweltmeister und trotzdem Zahlmeister. Vielleicht sogar bald Fußball-Weltmeister? Portugal haben wir gestern an die Wand gespielt. Deutschland schickt Geld in die anderen Länder, dass diese unsere Produkte kaufen. Die EZB hat die Zinsen auf null gesenkt, was die Zinslast drückt und Finanzminister Wolfgang Schäuble mit einer schwarzen Null plant. Es gehörte schon immer zu den Eigenschaften der Elitären, sich in den Geschichtsbüchern wieder zu finden. Wenn es schief geht, werden Denkmale gesetzt. Und wenn es gut geht, ebenfalls.

Die Nato weitete sich aus, so dass Bündnisfälle jetzt rein statistisch wahrscheinlicher geworden sind. Man muss nur dafür sorgen, dass es dazu kommt und den Feind in das entsprechende Licht rücken. Was für Aussichten angesichts des letzten PISA-Tests!

Ich stelle mir gerade vor, nicht die NSA hätte spioniert, sondern Putin das Telefon der Kanzlerin abhören lassen. Dann sähe die Lage etwas anders aus. So aber sind wir wieder wer oder wessen, der auch duldet, dass die USA von unserem Boden aus Militäreinsätze lenken und der US-Geheimdienst seiner Arbeit hierzulande ungestört nachgehen kann – unter Freunden eben.

„An den Taten sollt ihr sie erkennen!“, steht im Johannes-Evangelium. Aber unser Bundespräsident redet ja nur, während unsere „Flinten-Uschi“ die Bundeswehr zum attraktivsten Arbeitgeber in Deutschland machen möchte, die GroKo dafür sorgt, dass uns andere dirigieren können und unser Bundespräsident eher ins Geschichtsbuch möchte als in den Himmel.



 

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9 Kommentare auf "Es gibt keine Tabus mehr… "

  1. Skyjumper sagt:

    Die häufigste Antwort die ich im Bekanntenkreis bekomme wenn ich mich über Gauck echauffiere lautet: „Der meint das nicht so“. Irgendwie muss ich dann immer an eine schnappende Bulldogge denken deren Leinenführer daneben steht und lakonisch meint: „Der beisst nicht, der will nur spielen“.

    DE hatte wirklich schon den ein oder anderen illustren Bundespräsidenten. Aber lieber würde ich 24 Stunden nonstop mit Scheel „Hoch auf dem gelben Wagen“ singen, als eine einzige Rede vom Gauckler anzuhören. Lieber in Afrika neben Lübcke stehen wenn er seine Rede mit „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger“ beginnt. Das wäre wenigstens nur peinlich.

  2. mikap sagt:

    Hallo Skyjumper,
    bin mit deinem Kommentar vollkommen konform,
    dies ist auch nicht mein Bundespräsident, außer der Anmerkung
    wegen Lübcke. Diese Anrede „liebe Neger“ hat er niemals gebraucht.
    Gruß

    • Skyjumper sagt:

      Ich war zugegebener Weise nicht bei Lübckes Rede dabei, erinnere mich aber an eine lebhafte Diskussion zu dem Thema. Soweit ich weiß ist das „liebe Neger“ echt. Der Spiegel brachte aber zur gleichen Afrikareise ein angebliches Zitat von Lübcke wonach er den Bewohnern angeraten haben sollte sich zu waschen. Das hat der Spiegel viel viel später eingeräumt war eine Ente.

      Aber egal: Manche Dinge müssen gar nicht stattgefunden haben, die Hauptsache ist dass jeder weiß was gemeint ist 🙂

  3. bluestar sagt:

    Toller Artikel, vielen Dank Herr Meyer ! Natürlich sind wir wieder wer. Ein unmündiges , obrigkeitshöriges, naives , infantiles, sattes, ausspioniertes Volk ohne Stolz und Mut. Demzufolge von einer verlogenen Elite ohne Rückgrad und Mutti regiert und bevormundet. Ideale Bedingungen für die Herrschenden und deren schmarotzenden Lakaien. Der Gauck hat noch nie eine Waffe selbst getragen oder damit geschossen, aber labert über einen Waffengang. Solche Leute sind die gefährlichsten…

    • crunchy sagt:

      Horst Köhler´s Rücktritt wurde auch mit dem Ungebaren (dem Verrat an Maastricht) in Zusammenhang gebracht. Ich denke, es war Sowohl als Auch: Das amerikanische Verständnis für kriegsinduziertes Wirtschaftswachstum, Struck ist es wohl im Halse stecken geblieben, als auch Aufbegehren gegen die Umverteilung die das Dollarsystem ohne Öl (i.e. Euro mit stabiler Wirtschaft in DE) dem Produktionsfaktor Arbeit (wir armen Schlucker) zumutet.

  4. crunchy sagt:

    Gauck sagte heute zum 17. Juni, er wundere sich weshalb „man“ sich 1989 daran nicht erinnerte.
    Er hätte mal besser sagen sollen „ER“ sich nicht erinnerte!
    …Dann wäre ihm vielleicht ein Licht aufgegangen, dem Egoisten.

  5. M.Schmidt sagt:

    KRIEG scheint wieder salonfähig zu werden….um die Wirtschaft anzukurbeln?????

    Da gibt es doch auch noch eine sehr suspekte Koaltionsvereinbarung mit einem etwas geänderten Parlamentsvorbehalt zu Einsätzen der Bundeswehr….Man höre und staune…Willy Wimmer im Juni bei KenFM…Mir wird bei solchen Meldungen GANZ SCHLECHT….ANGST PUR!!!!!

  6. Braman sagt:

    Ist es nicht so, das Kirche, Kanonen (bildlich) und Kapital schon seit mehr als 1 500 Jahren eine innige Beziehung haben? Also, woher die Verwunderung?
    Aus Sicht der jetzt herbei geredeten ‚Verantwortung‘, die Deutschland angeblich international übernehmen soll, macht die ‚Aussetzung‘ der Wehrpflicht und der Übergang zu einer freiwilligen Berufsarmee unter dem gegelten Edelmann aus Franken deutlich mehr Sinn als zu Zeiten seines unrühmlichen Abgangs.
    MfG: M.B.

  7. Entlebucher sagt:

    Guten Tag Herr Meyer,

    anbei der heutige Kommentar von Jakob Augstein zu dem Thema:
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/augstein-gegen-gauck-s-forderung-nach-mehr-deutschen-kriegseinsaetzen-a-976083.html

    Ich gehe sicher nicht immer mit der Meinung von Herrn Augstein konform,
    aber den Artikel sollte man/frau sich vor die Kühlschranktür kleben, vor der
    nächsten WM-Bier(Hugo)stapelaktion.
    Leider wird auch dieser Spiegel-Kommentar nichts in der Öffentlichkeit bewirken.
    Lieber freut wir man/frau sich auf die nächsten Bilder aus der Kabine unserer WM-Helden mit MUTTI.
    Was gebe ich jetzt für eine Zornesrede von Lothar Dombrowski.
    Ich gehe jetzt in den Keller zum Heulen.

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