Es geht nicht darum, Deflation zu verhindern, sondern Inflation zu schaffen

24. November 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Prof. Thorsten Polleit) In einer Rede am 16. November 2012 verteidigte der Gouverneur der französischen Notenbank, Christian Noyer, die geplanten Aufkäufe von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB). Gleichzeitig bezog er damit Stellung gegen die Position, die der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, im Rat der EZB vertritt…

Er lehnt Staatsanleihekäufe, wie sie der EZB-Rat durchführen will, ab. Interessant ist nun das Argument, das Noyer vorbringt: dass nämlich die Weigerung, Staatsanleihekäufen zuzustimmen, die Preisstabilität im Euro-Währungsraum gefährde.

Würde der EZB-Rat nicht zu einer solchen Maßnahme greifen, so lässt sich Noyers Worten entnehmen, wäre Deflation, also ein Rückgang der Preise (auf breiter Front) die Folge. So ganz unbegründet ist diese Einschätzung nicht. Denn die Bankkredite im Euroraum (ohne Kredite an Staaten gerechnet) schrumpfen bereits.

Wenn aber die Bankkredite schrumpfen, nimmt auch die Geldmenge in der Volkswirtschaft früher oder später ab.2 Und schrumpft die Geldmenge, so werden früher oder später auch die Preise auf breiter Front absinken, es kommt zur Deflation. Bei einer Deflation gehen absehbar Staats-, Banken-, Unternehmens- und Konsumentenschuldner Pleite. Ihre Einkünfte reichen dann nicht mehr aus, ihrem Schuldendienst nachzukommen.

Solch eine Entwicklung wird natürlich gefürchtet – allen voran von den chronisch auf Pump lebenden Staaten beziehungsweise den von ihnen begünstigten Gruppen.

In der Öffentlichkeit wird dann die Sorge vor Deflation so dramatisiert (nicht selten angeführt von politisch vereinnahmten Ökonomen), dass zur Abwehr eines solchen „Unheils“ jede Maßnahme gerechtfertigt erscheint – wie zum Beispiel die Aufkäufe von Staatsanleihen durch die Zentralbank.

Nun könnte man denken, dass ein Aufkaufen von Staatsanleihen und die damit verbundene Ausgabe von neuem Geld gerechtfertigt seien, wenn es nur dazu beiträgt, die Geldmenge vor dem Schrumpfen zu bewahren.

„Damit die Inflation ihre ursprüngliche stimulierende Wirkung beibehielte, müßte sie mit einer Geschwindigkeit fortgesetzt werden, die immer größer ist, als erwartet wird.“ (Friedrich A. v. Hayek (1960), Verfassung der Freiheit, S. 417.)

Das aber würde die Konjunkturen nicht stützen, würde den Abschwung nicht verhindern. Der Grund ist: Ein mit billigem Geld angefachter Aufschwung bleibt nur in Gang, wenn immer mehr Kredit und Geld, bereitgestellt zu immer tieferen Zinsen, in Umlauf gebracht werden. Hat der EZB-Rat erst einmal begonnen, die Geldmenge durch Staatsanleihekäufe auszuweiten, und bleibt die erhoffte Wirtschaftsbelebung aus (wovon auszugehen ist), so ist die darauf folgende (Politik)Reaktion absehbar.

Es wird nach noch größeren Geldmengenausweitungen gerufen, um die erhoffte Wirkung zu erzielen. Man müsse nur „aggressiver“ und „beherzter“ voranschreiten, so wird die Aufforderung der „Experten“ lauten, dann werde es schon gelingen, Wachstum zu schaffen. Eine solche Argumentations- und Handlungsweise ist der Wegbereiter einer Inflationspolitik, die sich unter dem Deckmantel der Deflationsbekämpfung versteckt.

Die Euro-Geldpolitik, wie sie unter anderem EZB-Ratsmitglied Christian Noyer verfolgen will, ist darauf angelegt, Inflation zu schaffen, sie endet nicht dort, wo Deflation verhindert wird... (Seite 2)

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