Erwartete Überraschungen und überraschende Erwartungen

3. August 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

(vom Bankhaus Rott) Die Zeiten der reisenden Gaukler und Wanderzirkusse sind in Europa schon seit geraumer Zeit vorbei. Die Aufgabe der kurzweiligen Unterhaltung übernimmt seither der Staatsrundfunk und gibt sich zumindest bei Wirtschaftsthemen jede Mühe, die Manege zum Beben zu bringen.

Besonders gerne wird von öffentlichen Sendern aus Krisengebieten und von großen Sportereignissen berichtet. Der Wahn, bei Lauf- und Ballspielveranstaltungen bedeutsame Sätze eines Übungsleiters verpassen zu können, führt zu einer bemerkenswerten Situation. Achten Sie einmal darauf, wie viele Mikrofone bei Pressekonferenzen – gerne auch im sonnigen Ausland – das Logo einer Landesrundfunkanstalt tragen. Sollte eines dunklen Tages der Norddeutsche Rundfunk mitsamt seinem Archiv von einem Kometen vernichtet werden, können Sie sich beruhigt zurücklehnen. Sicher liegen auch vom WM-Erstrundenspiel Belgien gegen Saudi-Arabien aus dem Jahr 1994 noch mehrere Sicherheitskopien in verschiedenen Bundesländern vor. Bei der Ökonomie hingegen reicht der gelesene Teil des Geschichtsbuches oft nur wenige Wochen zurück.

Auch die Berichterstattung zu Wirtschafts- und Finanzthemen leidet hörbar unter mancher Fehlbesetzung. Offenbar wurden in den letzten Jahren viele Stellen in deutschen Wirtschaftsressorts mit ehemaligen Sportreportern besetzt. Anders sind viele Parallelen kaum zu erklären. So streunt, wie vor dem Quartier der Fußball-Nationalmannschaft, vor der EZB eine nach Nebensächlichkeiten heischende Meute herum. Die dabei zu Tage tretende Interpretation des Begriffes Journalismus besteht in der Verbreitung nichtssagender Aussagen von Zentralbankangestellten nach dem Motto „wir werden alles tun, um den Euro zu retten“. Ach so!

Geht es um das große Thema Euro-Krise, erinnert die atemlose Freude einiger Moderatoren ob frischer Ankündigungen der Politik an ein olympisches 20 Kilometer-Freistil-Schwimmen. Schon nach der dritten Wende wird emsig hochgerechnet und freudig erregt ein Satz wie „Kuballa nach 150 Metern auf Weltrekordkurs!“ ins Mikrofon gepustet. Sonderlich weit weg von diesem Stil ist selbst mancher „Info-Sender“ nicht mehr. Das penetranteste Beispiel ist die jedes Mal aufs Neue gefeierte vermeintliche „Rettung des Euros“ oder gleich ganz Europas. Gewohnheitsmäßig bestaunt werden darf dabei ein schwer verdaulicher Brei aus aufgekochten alten Ideen und Ankündigungen. Den allgemeinen Frohsinn indes vermag die kalorienarme Kost nicht zu trüben. Warum nur hat man mit der Rettung so lange gewartet, wenn sie doch so einfach ist?

Auch beim profanen Thema Wachstum wird weiterhin frohen Mutes der deutsche Wirtschaftsmarsch ins Horn geblasen. Das ist bemerkenswert, denn sowohl Aufträge als auch die Produktionsindizes fallen mit einer Geschwindigkeit, wie sie bisher nur im Jahre 2009 zu beobachten war.

Selig, wer noch in der Rezession einen Aufschwung erkennt …

(Markit, Juli 2012) Die Eurozone-Privatwirtschaft ist im Juli unverändert stark geschrumpft. (…). Überdies entspricht der Index damit dem Durchschnittswert des zweiten Quartals 2012, der den gravierendsten Wachstumsrückgang seit drei Jahren verzeichnete.

Die Industrie schnitt erneut schlechter ab als der Service-Sektor. So wurde die Industrieproduktion so stark zurückgefahren wie seit Mai 2009 nicht mehr, während sich die Geschäftseinbußen bei den Dienstleistern zum zweiten Mal hintereinander leicht abschwächten.

Hauptgrund für den erneuten Wachstumsrückgang waren die verstärkten Auftragsverluste.

Während der erwähnte Wachstumsmarsch bei einigen Sendern endlos weiter dudeln darf, ist die Situation vieler produzierender Betriebe bereits wieder bedrohlich. Die absurde Abkopplungstheorie landet erwartungsgemäß in der Rundablage.

(Markit, Juli 2012) Abwärts ging es im Juli sowohl in den Kern- als auch in den Peripherieländern. In Deutschland schrumpfte die Wirtschaftsleistung den dritten Monat in Folge und mit der höchsten Rate seit Juni 2009.

Unsere Juli-Daten verdeutlichen, dass sich die Lage der deutschen Privatwirtschaft im Vergleich zum ersten Halbjahr 2012 rapide verschlechtert hat. In der Krise steckt vor allem die Industrie, wo die Exportneuaufträge so stark zurückgegangen sind wie seit über drei Jahren nicht mehr.

Tja, darum gibt es auch eine Unterteilung der Unternehmen in Zykliker und Nicht-Zykliker. Der aktuelle Zyklus ist abwärts gerichtet und das war bereits vor gut einem Jahr absehbar.

Die Dynamik der aktuellen Bewegung verspricht weiter zunehmende Spannungen und ein in den kommenden Quartalen erneutes Aufflammen der Diskussionen um Staatshilfen für Industrie-Unternehmen.

Naturgemäß gehen Auftrags- und Produktionsrückgänge mit einem breit angelegten Stellenabbau einher. In der gesamten Eurozone fielen so viele Arbeitsplätze weg, wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr. Zur Einordnung: Die meisten Indizes, die die Lage von Industrie und Dienstleistern abbilden sollen, befinden sich auf dem Niveau der Tiefststände der Rezession der Jahrtausendwende. Allerdings ist keine Trendwende in Sicht, und sämtliche Parameter weisen eine hohe Abwärtsdynamik auf. Warten Sie ab…

Unterhaltsam aber leider irreführend sind viele Vergleiche, die zeigen sollen, dass Spanien „gar kein Problem hat“ und auch Griechenland im Grunde einfach in der Eurozone bleiben sollte. Dabei wird munter jeweils ein Parameter der jeweiligen Wirtschaft herausgepickt, der zeigen soll, wie wundervoll alles ist. Auch das „Basel Institute of Commons and Economics“ hat sich anscheinend dieser Methodik verschrieben. So verkündete der Vorstand dieses Instituts unlängst, die Spanier hätten verstanden, dass es gar keinen Zinsdruck der Märkte gebe, denn die Zinsen auf spanische Staatspapiere seien schließlich nicht immer mit der steigenden Verschuldung angestiegen. Auf Heise.de sagte der Herr folgendes:

(Dill, „Basel Institute of Commons and Economics) Spätestens 1996 wussten die spanischen Finanzpolitiker: Es gibt keinerlei Zusammenhang zwischen Zinssatz und Staatsschulden. Mit dem EU-Eintritt konnten die Spanier diese Annahme bis heute beweisen. Obwohl Spanien seit 1996 seine Schulden noch einmal mehr als verdoppelt hat, rufen die Märkte nun, nach vier Jahren angeblicher Weltfinanzkrise, ein strafendes „7,5 Prozent“.

Wir stellen fest: Die Spanier und ihr tüchtiger Tesoro Público haben die weltweiten Finanzmärkte fest im Griff. Sie wissen, dass die von den Volkswirten und Funktionären verbreiteten Lehren des angeblichen Zinsdruckes „der Märkte“ reiner Nonsens sind.

Eine interessante Theorie, den absoluten Schuldenstand als einzigen Einflussparameter zu wählen. Leider geht es bei Zinsen auch um Risikoprämien, die bekanntermaßen nicht vom Schuldenstand eines Landes allein abhängen. Wie bei Unternehmen sollte man die Wahrscheinlichkeit oder Hoffnung der Investoren, ob die Schulden bedient werden können, nicht unter den Tisch fallen lassen. Kapitalflucht, Arbeitslosigkeit und verdampfende Steuereinahmen haben durchaus einen gewissen Einfluss auf die Risikowahrnehmung und sind einige der Gründe, warum Spanien den Marktzugang in diesem Jahr vollends verlor. Zudem geht es bei der aktuell in Küblen ausgeschütteten Liquidität um Alternativen, die nicht gesund sondern lediglich weniger krank sein müssen, um für einige attraktiv zu erscheinen.

Bemerkenswert ist diesbezüglich die absurde These des Verfassers, spanische Anleihen und deren Renditen hätten noch irgendetwas mit einem Markt zu tun. In einer Welt, in der Banken quasi für lau Geld von der Zentralbank leihen können um damit heimische Staatspapiere zu erwerben, hat der Markt zeitweise Sendepause. Werden diese Papiere noch, wie es mittlerweile allgemein üblich ist, in die hold to maturity Bücher eingebucht – also unter Umgehung einer fortlaufenden realistischen Bewertung – kommt auch durch Marktwertverluste kein Druck auf. Ganz im Gegenteil, viele Banken könnten ihre Papiere, die oft zu pari in den Portfolios stehen, nicht am Markt verkaufen ohne einen gewaltigen Krater in ihr restliches Eigenkapital zu reißen. Das ist schon ein interessanter „Markt“.

Das Ausblenden wichtiger Einflussfaktoren ist ein maßgeblicher Punkt für das Scheitern hübsch klingender Wunschvorstellungen. Ein Beispiel dafür ist die Fantasie vom Rückkauf der gesamten Staatsschulden zu niedrigeren Kursen. So gibt es eine Initiative, die die griechischen Staatspapiere zu aktuellen Kursen zwischen 10% und 15% vom Nominalwert zurückkaufen möchte. Super, € 300 Milliarden für € 30 Milliarden gekauft und dann storniert – alle Sorgen über Bord! Dumm nur, dass gerade der Rückkauf zu niedrigeren Kursen ja bei den Vorbesitzern exakt einen Verlust von 270 Milliarden in die Bücher reißen würde, von denen lediglich ein winziger Teil bisher bilanziert wurde.

Ein solcher Rückkauf wäre im Prinzip nichts anderes als eine Teilnahme der Verkäufer an einem freiwilligen Schuldenschnitt. Von dieser Freiwilligkeit sollte man sich nicht allzu viel versprechen. Ohne Rekapitalisierung der Banken läuft nichts, aber wer stellt schon Eigenkapital bereit, um damit bestehende stille Lasten zu decken. So ist, erstaunlicherweise ein selten erwähnter Sachverhalt, auch der Kauf der griechischen Staatspapiere beim ersten Schuldenschnitt in diesem Jahr per Kredit finanziert worden. Wie sollte das auch sonst funktionieren. Auch zum Rückkauf eigenen Anleihen braucht das Schatzamt Geld. Die nötige Summe liehen sich die Griechen beim EFSF, offiziell einsehbar auf der Seite des EFSF.

Die aktuellen Reden der Großauguren der EZB und der europäischen Politik sollte man daher als das einstufen, was sie sind. Der Versuch über Markteingriffe die Assetpreise zu manipulieren. Das mag immer mal wieder eine Weile funktionieren, wird jedoch der Realwirtschaft nichts bringen. Wer immer noch an Draghi und Konsorten glaubt, sei an den Vorgänger, Herrn Trichet erinnert, der 2011 den folgenden Satz zu Protokoll gab.

Speculating on Greece defaulting is a sure way to lose money, European Central Bank President Jean-Claude Trichet was quoted as saying in remarks released on Wednesday.

„Such a speculation would be a sure-fire way of losing money given the decisions taken last Thursday,“ Trichet told French magazine Le Point, according to a transcript of the interview provided by the ECB.

Nun wurden Trichet und seine Jünger nicht nur Opfer der Realität. Der ehemalige Chef der EZB verwechselte auch – was leider auch im Mainstream verbreitet ist – die Entscheidung, etwas nicht zu kaufen, mit einer Spekulation auf fallende Kurse. Nicht jeder, der keinen Volkswagen kauft, spekuliert auf fallende Preise der entsprechenden Modelle. Manch einer gibt sein Geld lieber anderweitig aus.

Nun ist der Werkzeugkasten der Zentralbank voller hübscher Zangen und Schraubendreher. Es wird sich zeigen, ob und wie lange welcher Schraubenschlüssel funktioniert und welche Probleme sich anderweitig durch den Werkzeugeinsatz auftun. Eine Zinssenkung vom aktuellen Niveau ausgehend jedenfalls darf man durchaus als rein symbolischen Akt der Hilflosigkeit werten. Was bringt noch billigeres Geld, wenn die Industrie bereits jetzt in Überkapazitäten schwimmt. Niemand baut eine weitere leere Produktionsstätte, weil sie so hübsch aussieht. Erwartet man wirklich eine Stützung der Realwirtschaft durch lebensverlängernde Injektionen in ein krankes europäisches Bankensystem und die künstliche Verteuerung von Assetpreisen?

Zur Erinnerung, es handelt sich beim europäischen Bankensystem um einen Moloch, der gemessen an der Wirtschaftsleistung die dreifache Größe des US-Systems aber leider nur eine halb so große Eigenkapitalausstattung hat. Eine böse Mischung angesichts der in einigen Ländern bereits jetzt absurd hohen Kreditausfallraten. Aber wer weiß, vielleicht glauben ja manche Abgeordnete in den Parlamenten tatsächlich, die dauerhaft niedrigen Zinsen würden dazu führen, dass sich die Eurozone einfach, schnell und kostenlos aus dem selbst gegrabenen Loch herauswächst. Wer geringere Neuverschuldung mit Sparen verwechselt, dem ist einiges zuzutrauen.

Auch die Transferunion verbreitet langsam Ungemach. Es darf mit Spannung beobachtet werden, wie lange die Italiener Spaß daran haben, 5 Milliarden Euro neu eingeführter Grundsteuer abzuliefern, während sie gleichzeitig 18 Milliarden für spanische Banken auf den Tisch legen.

Starrt man nicht immer nur auf Deutschland als vermeintlichem Geldgeber und „Retter“, ergeben sich sogleich viel interessantere Blickwinkel. Wie lange würden wohl die Italiener – lassen wir einmal die dortigen Probleme beiseite – als Nettozahler Freude an all den bunten und stets wachsenden Rettungsschirmen haben. Wir wissen auch nicht, ob das Spanische Schatzamt freigiebig die Steuern erhöhen würde, um dann ein paar Milliarden nach Zypern zu überweisen, weil dort schlecht geführte Banken ohne Geschäftsmodell implodieren. Wetten würden wir darauf nicht. In Deutschland ist das Bewusstsein für die fälligen Belastungen derzeit noch nicht weit verbreitet, was zu einer gewissen Entspanntheit – oder auch Trägheit – führt. Fallen die ersten haushaltswirksamen Zahlungen an, dürfte sich dies ändern.

Die € 29 Mrd. die Deutschland für die spanischen Banken an den ESM (so er denn kommt) zahlen müsste, wären nur ein erster Schritt. Ohne weitere Abstimmung könnte der ESM auch den vorläufigen Gesamtanteil Deutschlands in Höhe von € 190 Mrd. anfordern. Das wäre auch für Deutschland kein Pappenstiel. Zudem muss man sich vergegenwärtigen, dass auch diese Summe nicht ausreichen kann, wenn der europäische Bankensektor in größerem Maßstab gestützt werden muss, wovon man ausgehen sollte. Allein die spanischen Banken haben eine aggregierte Bilanzsumme von etwa € 4.000 Milliarden. Der Anteil der in Verzug befindlichen Kredite in Spanien steigt monatlich und erreichte im letzten Monat einen Wert von rund 9%. ¡Qué se diviertan!

In dieser von den Zentralbanken und Eurokraten ausgerufenen großen Schlacht um Zahlen auf Bildschirmen geht es ebenso wenig um die Realwirtschaft, wie es in Kriegen darum geht, Menschen zu helfen. Von daher sollte man sich von allen Narreteien nicht verrückt machen lassen. Zum Glück haben die meisten Menschen im Sommer ohnehin besseres zu tun.


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