Erster Mai – niemand dabei…

2. Mai 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) War etwas Wichtiges? Ah, der 1. Mai, der „Kampftag der Internationalen Arbeiterklasse.“ Arbeiter gibt es ja nicht mehr, nur noch Arbeitnehmer. Von daher blieb es ruhig in meiner Region. Arbeitnehmer nehmen Arbeit.  Alle bereit gehaltenenWinkelemente, man weiß ja nie, blieben mangels Einsatzmöglichkeiten in diesem Jahr wieder ungenutzt…

Die Zeit der roten Nelken, lieblos eingebunden in frisches Birkengrün aus DDR-Zeiten ist längst vorbei. Mit Nelken würzt man, aber doch keine Demo! Doch wozu gibt es eigentlich noch diesen unproduktiven Feiertag? Selbst die Börsen sind geschlossen. Langweilig.

Wofür sollte man auch demonstrieren? Höhere Löhne? Bessere Arbeitsbedingungen? Kostenloses Schulessen? Ich weiß es nicht, vielleicht lag es auch an den reichlichen „Gegenveranstaltungen“ in vielen Orten, dass so wenig Leute auf den Straßen waren, die aber anderswo die Faust der Arbeiterklasse gekonnt um den Henkel der Bierkrüge krampften.

Mangels Demonstrations-Losungen und Forderungen nach was auch immer, wendet man sich den schönen Dingen des Lebens zu. Das Wetter war gut. Auch die Bauern scheinen gut gelaunt zu sein, wächst doch jetzt der Spargel in der Region und die Erdbeeren schicken sich an, ihr Rot in die grünen Flächen zu drücken. Das Zeug ist lecker, wenn es frisch vom Feld kommt. Polnische Aushilfskräfte und andere Leute in „prekären Arbeitsverhältnissen“, früher sagte man Tagelöhner, hatten viel zu tun und damit auch keine Zeit für Demonstrationen. Der Spargel, wenn er schießt, kennt keine Gnade. Die Preise auch nicht.

Bauern haben immer schon versucht, die Natur zu überlisten. Es ist in Mode gekommen, Erdbeeren unter Rotlicht zu setzen wie früher die DDR-Bürger vor den Schirm der Aktuellen Kamera. Die Rotlichtbestrahlung bringt die Pflanzen so in Wallung, dass der Bauer jetzt schon mit der Erne beginnt. Ein Schälchen für knapp acht Mark, Pardon, 3,90 Euro ist gut für die Gesundheit, schlecht für den Geldbeutel. Man muss sich entscheiden.

Wie sie da leuchten! Einigen Spritztouren mit dem Giftfass übers Feld lassen kerngesund aussehendes Obst entstehen. Nur als Radfahrer muss man auf die Windrichtungen achten, dass man den Wolken der Unkrautverichtungselexiere rechtzeitig ausweicht. Das wird sonst schwer, seine Plakate auf nicht stattfindenden Demonstrationen hoch zu halten. Leute in der Stadt haben davon keine Ahnung.

Es gab etwas Krawall in Berlin und etwas mehr Krawall im Fernsehen. Auf dem Balkon versuchten die Vögel dem etwas entgegen zu halten, was ihnen dank dieser Temperaturen auch gelungen ist.

Fazit: 3,90 Euro für Erdbeeren, 10 Euro für ein Kilo Spargel, eine Kugel Eis für einen Euro, verdorrte Nelken im welken Birkengrün und eine Dusche Schädlingsbekämpfungsmittel nahe eines Rapsfeldes – das war mein 1. Mai. Ich hätte besser Bier trinken gehen sollen. Aber das war mir zu teuer.


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7 Kommentare auf "Erster Mai – niemand dabei…"

  1. rolandus sagt:

    Wunderbar, selbst im Schanzenviertel blieb es in dieser Nacht ruhig, Polizisten standen an jeder Strassenecke und in den Wawemos (Wasserwerfermoinstern) wurde das Wasser schal.
    An der Tankstelle in der Nähe des Brennpunktes versorgte sich die Jugend in Schwarz nachts um 2 mit Tiefkühlpizza um den blassen Kindergesichtsausdruck weiter zu manifestieren und gingen ihrer Wege in die Nacht.

    Aber am auffälligsten: In der Schanze waren es dieses Jahr die Anwohner, die dem Pöbel selbst befahlen, das Feuer zu löschen, das sie zündeten und…sie taten es ! Im Piratenland sehr auffällig.

    Schön Gruß ins Ried und die Welt
    rolanndus

  2. Andre sagt:

    Wirklich hervorragend geschrieben!
    Grüße
    i.l.s

  3. ACHIM sagt:

    Danke Frank,
    wieder einmal köstlich amüsiert!
    Apropos Rotlicht und AK, was macht eigentlich der schwarze Kanal? Verstrahlt der jetzt die Gold und Silberbugs?

  4. Wollen sagt:

    Irgendwie alles ausgelutscht, dieses ewige Demonstrieren:D

    Ja,eine in der letzten Zeit mit einer der besten Seiten , qualitätsmäßig, medialinformell Verwertbares fürs Hirn, auch von Komentaren mancher User her gesehen.

    Das Zeug:),und wie sie leuchten..,wie wahr,und wie sieht es aus bei den Grundnahrungsmittelprodukten mit wichtigen Mineral Spurenelementen,die ja der Mensch braucht?,nö, weggespritzt,oder ersetzt durch industrielles Gemischkonzentratzusatzgeschmacksverstärktememulgaturenparfürmiertes..Pulver.. soll zumindest so riechen als wäre es Erdbär:)=billig Hauptsache es leuchtet, soll ja gut aussehen,und mindestens zwei Wochen halten,OK?,bin ich dann konsequent mangelernährt…suuppper,manche Ärzte ,Pharmakonzerne werden sich die Hände reiben in zwanzig Jahren..,zum Glück gibts da mittlerweile nicht wenige, die so wenig wie möglich,zurück zu den Anfängen Landwirtschaft betreiben und nicht einen Agrarindustriekonzern kreieren wollen..
    Fleisch sind die Vitamine fürn Mann..;)

  5. 6zylinder sagt:

    Ich war Bier trinken mit Freunden im Freien bei Jazzmusik und Sonnenschein. Hoher Bierpreis? 0,5L Weizen für 3€ = 6 DM. Ich gab dafür bunt bedrucktes Papier, das Bier ist auch schon wieder verdaut, doch das Erlebnis mit Freunden ein gutes Gespräch in super Atmosphäre geführt zu haben kann mir niemand mehr nehmen.

    RNU

  6. schlussstrich sagt:

    Wieso noch demonstrieren? Dafür gibt’s doch kostenlose Blogs, wo man sich en Detail austauschen kann, philosophieren, Welt verbessern, das ganze Jahr über, Tag und Nacht 24/365. Eine supertolle Sache! Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man konstruktive Vorschläge einschl. Umsetzung in die Realität macht (nein, keine Revolution, ganz einfache Alltagsthemen) wird da sehr schnell drüber hinweg geschrieben.
    Ist das das neue Opium für’s Volk? Ein Sammelbecken für virtuelle Kritik? Muss man da überhaupt noch wählen gehen? Fragt sich nur: Wer hat’s erfunden?

  7. Fnord23 sagt:

    Hallo in die Runde,

    nu macht mir doch mal den 1. Mai nicht madig.

    1. Das ist einer von wenigen nichtchristlichen gesetztl. Feiertagen. (ohne Berücksichtigung des Sonntags)
    2. Das ist auch der Gründungstag der Illuminaten. 🙂
    3. Der Tag der Einweihung unseres neuen Hühnerstalls.
    In den Genuss des Rotlichts kommen nur die Küken.
    4. Ich wäre für einen Feiertag der sinnvoll genutzten Freizeit.

    Demonstrieren war aus meiner Nachbarschaft keiner. Alle haben mehr oder weniger lautstark gewerkelt. Über das System geschimpft wurde erst am 2.Mai wieder.

    @Frank,
    @wollen

    zum Thema Änderung des Verbraucherverhaltens/Lebensmittel:

    Hofgemeinschaften:
    h t t p://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,827252,00.html

    VG aus dem Erzgebirge

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