Erst verbrüht und dann gerupft

11. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Fünfzehn Cents. Soviel warf der Durchschnittsamerikaner im vergangenen Jahr pro Tag in Verkaufsautomaten. Neunzehn Milliarden Dollar kamen so zusammen, real rund ein Drittel weniger als noch vor zehn Jahren. Die schrumpfenden Realeinkommen und der Kollaps der privaten Vermögen fordert mittlerweile auch bei den kleineren Alltagsausgaben seinen Tribut.

Die Automatenumsätze fielen zuletzt auf das Niveau der späten neunziger Jahre zurück. Auch der Versuch, in den vergangenen beiden Jahren über höhere Preise den Mengenrückgang zumindest finanziell zu mildern, bewirkte  nicht viel. Das ist nicht überraschend, denn höhere Preise führen auch bei billigen Produkten schnell zu rückläufigen Verkaufszahlen.

Wären es nur die Verkäufe von Limo und Snacks, die vor sich hinvegetieren, es gäbe Grund zum Jubeln. Doch haben in den vergangenen Jahren sowohl die Einkommen als auch die Vermögen der US-Amerikaner Federn gelassen. Um mehr als 40% ging der Median der Nettovermögen der Bürger allein seit dem Jahr 2007 zurück. Ein Einbruch, denn man durchaus drastisch nennen darf.

Noch vor fünf Jahren hatte jeder Zweite in den Staaten ein Nettovermögen nördlich von 125.000 Dollar. Im Jahr 2010 waren es 40% weniger. Da der Großteil der Vermögen, vor allem in der Mittelschicht, in Immobilien gebunden ist, und die Talfahrt der Hauspreise auch in den vergangenen Jahren weiterging, dürfte der materielle Wohlstand nach 2010 weiter gesunken sein. Die Vermögensberichte der kommenden Jahre versprechen nicht lustig aber interessant zu werden.

Beachtenswert ist auch das Verhältnis der Medianvermögen zu den Medianeinkommen. Im Jahr 2010 lag der Wert der Vermögen bei lediglich 1,68 Jahreseinkommen. Das ist kein übermäßig großer Puffer in Zeiten anhaltend hoher Arbeitslosigkeit, selbst wenn die Zinsbelastung weiterhin mit allen Mitteln künstlich niedrig gehalten wird. Die geringe Belastung des Schuldners ist bekanntlich nur die eine Seite der Medaille. Für den Sparer, der um Schulden einen Bogen machte, ist sie eine Strafe.

Während die Zinsen für 30-jährige Hypotheken im dargestellten Zeitraum von 6,4% auf 4,3% sanken, zerfielen die Zinsen für Dreimonatsgelder komplett. Lag dieser Zins 2007 noch bei 5,5% so verblieben 3 Jahre später noch 0,28%. Die Differenz zwischen beiden Sätzen stieg von 0,9% auf 4%. Des einen Freud, des anderen Leid. So bleibt das Schuldenmachen auf Teufel komm raus das beherrschende politische Prinzip. Ein Weltspartag ist angesichts solcher Daten eine in der Tat humoristische Veranstaltung…

Auch ein Blick auf die vergangene Dekade lohnt. Die folgende Grafik verdeutlich das Ausmaß des Rückgangs relativ zu den vorangegangenen Perioden. An der oberen Spitze der Vermögenspyramide ist von den Schmerzen übrigens nicht viel angekommen. Das Missverhältnis zwischen dem Rückgang von Median und Mittelwert verdeutlicht dies.

Ein bedeutender Teil dieser Diskrepanz erklärt sich aus der Asset Allokation verschiedener Bevölkerungsschichten. Neben einem wachsenden Teil der Bürger, die über kein nennenswertes Vermögen verfügen, existiert eine schwindende Mittelschicht, deren Vermögen sich im Eigenheim ballt. Je weiter man die Pyramide hochklettert, umso geringer wird der Immobilienanteil. Die Vermögen verlagern sich in Richtung Aktien, Bonds und anderer Finanz-Assets.

Der Niedergang der Mittelschicht zeigt sich noch deutlicher, wenn man ein wenig in den Daten gräbt. Die Entwicklungen der Vermögen verschiedener Altersklassen weisen gravierende Unterschiede auf. So hat es nicht, wie man vielleicht erwarten würde, die unter 35-jährigen am stärksten erwischt. In dieser Gruppe habe ohnehin viele kein sonderlich großes Vermögen. Die meisten Federn hat die Altersschicht von 35 bis 44 Jahren gelassen.

Der Rückgang des Medianvermögens lag hier bei mehr als 50% – wohlgemerkt in ein paar Jahren. Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung zu verschiedenen Zeitpunkten. Das Basisjahr ist jeweils 2001.

Die Menschen jüngeren bis mittleren Alters sind diejenigen, die sich exakt in der falschen Periode mit hohen Finanzierungen in den überteuerten Immobilienmarkt gestürzt haben. Die Schulden sind geblieben, nur die Häuserpreise haben sich im Mittel fast halbiert. Da die Verschuldung der Menschen relativ stabil war, die Assets jedoch abschmolzen, ist der finanzielle Hebel deutlich angestiegen. Einen bedeutenden positiven Kreditimpuls sollte man daher von breiten Schichten in den USA in den kommenden Jahren nicht erwarten.

Das Programm heißt zukünftig Deleveraging. Wie schwer das sein kann, zeigt die trotz stabiler Verschuldung gestiegene Leverage-Ratio. So schnell wie die Assetpreise gefallen sind, konnte niemand seine Kredite abbauen.

Die Daten der Fed zeigen den Anstieg des Hebels. Die Hälfte der US-Bürger unter 35 Jahren sitzt für jeden Dollar an Assets auf mehr als 50 Cents Schulden. Vor 9 Jahren waren es noch 33 Cents. Auch die beiden darüber liegenden Altersklassen bis 54 Jahre haben ihren finanziellen Hebel zwar ebenfalls unfreiwillig aber deutlich hochgefahren. Nun ist die Verschuldung relativ zu den Vermögenswerten deutlich angestiegen und dummerweise müssen diese Schulden nun auch noch aus sinkenden Einkommen bedient werden.

Die in den Staaten in den letzten Jahren teils gestiegenen Konsumausgaben haben nichts mit einer realen Verbesserung der Situation zu tun. Sie wurden entweder über staatliche Transferleistungen – sprich über neue Schulden der öffentlichen Hand – oder über neue private Schulden finanziert. Wie sich in diesem Umfeld die Situation für Uniabgänger mit $50.000 Schulden und ohne Job darstellt kann man sich leicht ausmalen. Da wird es schnell eng und der eine oder andere denkt vermutlich darüber nach, ob 15 Cents pro Tag nicht doch ein bisschen zu viel ist.




Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , , , , ,

4 Kommentare auf "Erst verbrüht und dann gerupft"

  1. FDominicus sagt:

    Also wurde nicht gelernt:
    Schuldenmachen bleibt in.

    Nun ja dann kann es ja „nur besser werden“.

  2. wolfswurt sagt:

    Besser ist es wirklich Schulden zu machen.

    Nachdem sogar das Handelsblatt einer Zwangsanleihe das Wort redet, kann man mit Vermögen nur verlieren.

    Was ist eigentlich aus den vom HB angepriesenen Griechenanleihen geworden?

    • FDominicus sagt:

      „Was ist eigentlich aus den vom HB angepriesenen Griechenanleihen geworden?“

      Ich weiß, ist eine rhetorische Frage. Aber nun ja die angepriesenen Anleihen gibt es nicht mehr. Als Privater bekam man „wunderbare“ neue Anleihen (angeblich bis zu 24 Stück) mit einem Nominal wert von irgendwo um 20 %. Beim Verkauf der 24 Stück wollten die Banken noch mal abkassieren. Was offensichtlich nicht sonderlich gut aufgenommen wurde und das Handelsblatt schweigt. Den in diesem Fall wissen Sie mit Sicherheit: „Reden ist Silber,Schweigen ist Gold“.

      Ich habe auch dazu geraten freiwillig keine Staatsanleihen mehr zu zeichnen, und ich denke damit fahre ich und diejenigen die darauf eingingen ziemlich gut. Wer will kann gerne bei mir vorbeilesen.

    • Bankhaus Rott sagt:

      @wolfswurt

      Die alten Bonds, die nach griechischem Recht begeben wurden, wurden in neue Papiere getauscht. Das seinerzeit so genannte „freiwillige Umtauschangebot“ wurde durch de facto nachträglich in die Anleihebedingungen eingefügte collective action clauses ab einer gewissen Annahmequote für alle Anleihehalter bindend. Die griechischen Anleihen in den Büchern der EZB wurden durch ein vorhergehendes Geschäft von der Einfügung der Klauseln und dem Umtausch ausgenommen.

      Der nominale haircut, also der Verlust an Nominalwert lag bei 53,5%. Da die neuen Papiere niedrige Coupons hatten, aber natürlich auf das herrschende Renditeniveau fielen, halbierten sich die Kurse der Anleihen direkt bei ihrer Schöpfung. Der reale haircut lag bei rund 74,5%.

      Investoren, die Anleihen hielten, bekamen für eine alte Anleihe folgenden Wust an neuen Papieren eingebucht:
      Investoren erhielten für eine alte Anleihe 24 neue einzelne Emissionen, diesmal nach britischem Recht, was bei einem harten default aber auch keine Rolle mehr spielen wird.

      • 20 griechische Staatsanleihen mit Laufzeiten von 2023 – 2042
      • in 1-jährigen EFSF Bonds
      • in 2-jährigen EFSF Bonds
      • EFSF 6M-Bills für die aufgelaufenen Stückzinsen der alten Bonds
      • einen GDP-Warrant

      Die Kurse der Papiere sind seither nochmal um bis zu 50% gefallen.

      Viel gebracht hat das Ganze nicht, denn den Rückkauf der alten Anleihen konnte Griechenland mangels Geld natürlich nicht selbst bezahlen. So wurden halt per EFSF ein neue Kredite an Griechenland vergeben, um diese Aktion durchzuführen. Insgesamt haben diese einen Rahmen in Höhe von 118,5 Mrd. Die Reduktion der Schulden betrug 105 Mrd. Wenn schon absurd, dann richtig …

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.