Ersoffen in Aktien

29. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Es ist besser auf dem Boden zu sein und davon zu träumen zu fliegen als zu fliegen und davon zu träumen auf dem Boden zu sein lautet ein alter Spruch aus der Luftfahrt. Der Spruch gilt in ähnlicher Form für die Seefahrt und für den Finanzmarkt…

Manch ein Käufer von Bergbautiteln wird sich ähnlich fühlen wie der Pilot, der darauf wartet, dass sich das Fahrwerk endlich wieder ausfahren lässt.

Tiefe Preise bei Rohstoffen setzen bekanntlich einen schmerzhaften Selbstheilungsprozess in Gang. Dieser wird viele Firmen die Eigenständigkeit und manche die Existenz kosten. Denn wer auf glimpfliche Konsequenzen der niedrigen Rohstoffpreise setzt, der betrachtet die Lage zumindest nicht aus Sicht der Minen, Ölförderer und der Bergbauausrüster.

Der aktuelle Rohstoffpreisverfall ist aus mehreren Gründen für die Firmen problematisch. Zum einen greift der normale betriebswirtschaftliche Ablauf bei stabilen bis steigenden Kosten und sinkenden Preisen. Das geförderte Produkt sinkt im Preis, was bei  stabiler Fördermenge zu sinkenden Einnahmen führt. Um die Cash-Flows stabil zu halten fahren viele Unternehmen die Förderung bei sinkenden Preisen derzeit sogar hoch, was den Druck auf die Preise erhöht. Das machen die Firmen nicht, von Ausnahmen einmal abgesehen, weil Sie um die Problematik nicht wissen.

Für viele Unternehmen sind die Zahlungsströme existenziell wichtig, weil Kredite bedient werden müssen und laufende Ausgaben anstehen. Um sich in einem extrem angespannten Umfeld wie jetzt finanziell über Wasser zu halten, genügt die Ausweitung der Förderung allein allerdings nicht mehr. Während einige Anlagen an der Kapazitätsgrenze fördern, werden andere entweder temporär stillgelegt um die laufenden Kosten zu senken oder sie werden verkauft, wenn man jemanden findet, der einen halbwegs erträglichen Preis zu zahlen bereit ist.

Solange die Aktienkurse es noch zulassen, werden hoffnungsfrohen Anlegern neue Papiere verkauft. Was dabei heraus kommt, wissen nicht nur die Besitzer von Goldminenaktien bestens.

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Die Verwässerung durch den ständigen Verkauf neuer Papieren ist derart hoch, dass das Anschauen von Preischarts oft keinen Sinn mehr ergibt. In solchen Fällen sollte zumindest der Verlauf der Marktkapitalisierung zusätzlich herangezogen werden um grobe Fehleinschätzungen und Schnellschüsse zu vermeiden. Oft sieht man immer noch Charts, die nur die Kursverläufe darstellen. Nur weil aber der Kurs von Barrick Gold auf dem Stand von 1990 ist, bedeutet das natürlich nicht, dass der Preis für das Unternehmen auf dem Niveau von 1990 liegen muss. Die folgenden Grafiken sollen die Problematikverdeutlichen.

 3Das ganze Spiel kann man auch mit dem Enterprise Value durchexerzieren. Diese Kennzahl gibt den Preis aller Aktien und Kredite des Unternehmens an. So verliert man die bei Minen gewachsene Bedeutung der Fremdkapitalfinanzierung nicht aus den Augen.

Die folgende Grafik zeigt die drei oben dargestellten Kennzahlen im Verhältnis zum Goldpreis. Alle Werte wurden per 1990 auf 1 gesetzt. Dass es unsinnig ist, nur auf einen Preis zu achten, ist klar. Wie unsinnig es in bestimmten Fällen sein kann, zeigt der Chart. Das Verhältnis vom Preis einer Barrick-Aktie zum Goldpreis mag deutlich unter dem Stand von 1990 liegen, für den Börsenwert gilt das (noch) nicht und für den Enterprise Value dank der massiv angestiegenen Verschuldung des Konzerns erst recht nicht.

2Das gern gezeigte Verhältnis vom Goldpreis zum Preis des einen oder anderen Minenindex sollte ebenfalls nicht alleine betrachtet werden. Ohne einen Blick auf den Börsenwert oder den Enterprise Value führt eine solche Auswertung in die Irre. Wer nach Value sucht oder sich für mögliche Niveaus nach einer Kapitulation der Anleger umschaut, sollte sich neben anderen Werten zumindest auch die beiden genannten Kennzahlen anschauen.

Interessant an der aktuellen Baisse der Rohstoffe sind zwei Punkte. Wie bei Währungen gibt es Profiteure einer Abschwächung als auch Profiteure einer Stärkung. Von den Profiteuren sinkender Rohstoffpreise wird derzeit aber ebenso selten gesprochen wie in Europa oder Japan von den Profiteuren einer starken Währung. Beim Öl ist das Beispiel der Fluglinien wohl das bekannteste. In diesem Sektor ist der Wettbewerb allerdings derart hart, dass man vermuten möchte, auch bei Gratis-Kerosin würden es die Gewinnmargen vieler Firmen nicht über die Nulllinie schaffen. Dafür ist natürlich nicht der Ölpreis verantwortlich.

Der zweite interessante Punkt ist die Schwere der Krise, die zu einem drastischen Rückgang der Investitionen führt. Angesichts zahlreicher weiterer Faktoren wie sinkenden Erzgrade, einer sich rasch verausgabenden Shale-Gas Industrie und generell komplizierter und damit oft deutlich teurer werdender Fördermethoden oder anspruchsvollerer Umgebungen darf man derzeit hautnah beobachten, wie eine kommende Rohstoffknappheit ihren Anfang nimmt. Das ist kein Grund, um heute naiv und frohlockend in den Markt zu springen. Aber es ist einen ersten dicken Eintrag ins Notizbuch wert, der daran erinneren soll, die Zahlen zu Förderung, Verbrauch und Lagerbeständen nicht aus den Augen zu lassen.

Vorher aber schlägt in den kommenden Quartalen die Stunde der Käufer von distressed assets. Viele haben vergessen, wie übel eine Energie- und Rohstoffpreiskrise sich für die betroffenen Firmen auswirkt. Das letzte Mal ist ja auch schon eine Weile her.

 

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2 Kommentare auf "Ersoffen in Aktien"

  1. Bernd Fritze sagt:

    Hallo,
    aus verschiedenen Gründen bin ich weder ein großer Freund von Barrick noch besitze ich Aktien dieser Firma und kann die Kritikpunkte in Ihrem Artikel durchaus verstehen. In ihrer Betrachtung wird meiner Ansicht nach aber übersehen, daß die Firma im Jahr 1990 eine andere war als heute. Bezieht man Veränderungen (1990/2015) der Größen wie Umsatz, Buchwert, Mitarbeiterzahl mit in die Gesamtbetrachtung ein, ergibt sich schon etwas anderes Bild.
    Beste Grüße Bernd Fritze

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Herr Fritze,

      vielen Dank für Ihren Kommentar.

      Natürlich wollen wir niemandem dazu raten, eine derartige „Analyse“ auf Basis von ein paar Kennzahlen von Firmen für ausreichend zu halten. Wir kriegen das kalte Grausen, wenn wir an das medial breitgetretene KGV denken.

      Uns geht es im Artikel gerade darum, die oft zu lesenden Blitz-Bewertungen ins rechte Licht zu rücken und auf die Sinnlosigkeit mancher Kennzahl hinzuweisen. Unabhängig von der Entwicklung bzw. Veränderung eines Unternehmens kann man oft anhand weniger Kennzahlen recht schnell erkennen, ob eine Firma ein existenzielles Problem hat.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

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