Erichs Erben

6. September 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die Sendungen „Tagesschau“ und „heute“ werden möglicherweise bald umbenannt. Um die Vermischung von Bericht um Kommentar zu finalisieren wird am neuen Konzept „Erichs Erben“ gearbeitet. Erklärtes Ziel seien Einschaltquoten von „99% plus X“.

Da sowohl der Wetterprophet als auch der Börsenonkel beim Blick in die Zukunft in der Regel versagen, konzentrieren sich die Macher beider Sendeblöcke fortan konsequent aufs gestern. Der einzige Unterschied werden die verschiedenen Sichtweisen sein.

Am Finanzmarkt betont man den Sonnenschein, um die gerade sorgfältig eingestielte Abhängigkeit der künftigen Rentner von den Aktienmärkten nicht in ein falsches Licht zu rücken. Beim Wetter hingegen legt man Wert auf ein ordentliches Ausweiden großer und kleiner Katastrophen. Eine beliebige Jahrhundertsituation lässt sich durch einfache Kombination verschiedener Faktoren leicht konstruieren.

(Erichs Erben, Wetterbericht, Anfang Juli 2018) „Noch nie lag in den letzten hundert Jahren die Temperatur in der ersten Häfte der dritten Juliwoche so hoch wie jetzt wenn es gleichzeitig exakt 7,3 Kilometer Stau auf der A2 und A44 gab“.

Wird so eine Hammernachricht nur atemlos genug vermeldet, entweder auf der Zugspitze stehend mit dem fusseligen Mikrofon in der Hand oder auch untermalt von einer sinnlosen 3-D Visualisierung, dürfte es ein Knüller werden. Die Trefferquote bei einem Wetterbericht, der das Wetter von gestern behandelt, dürfte auf rund 73% in die Höhe schießen.

Beim Börsenbericht betont man wie erwähnt künftig die positiven Dinge um die Riesterherde nicht zu verschrecken. Die Finanzberichterstattung muss sich folglich nicht großartig umstellen. Ob an der Eurex auch Optionen eingeführt werden, mit denen man rückwirkend die Kurse von gestern handeln kann ist nicht überliefert. Für viele Rentner wäre das sicher eine gute Nachricht.

Der über die real nicht existierende Plattform ErichLeaks durchgesickerte Fünf-Jahres-Plan der Einschaltquoten lässt die zu erwartende Begeisterung der Zuschauer bereits erahnen. Sie ist bestenfalls mit der Jubelstimmung der Teilnehmer an Fackelzügen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts vergleichbar.

Um Synergien zu heben fusioniert der öffentliche Rundfunk zudem mit einigen sonstigen Medien. Mancher meint, die Süddeutsche Zeitung könnte gut in so einen Zusammenschluss passen. Die Berichterstattung zur US-Wahl ist eine feine Schablone, die sich künftig bei Erzählungen über etwaige politisch nicht gewollte Elementen wiederverwenden lässt. Und Recycling, das weiß der emsige Bürger, ist nicht erst seit der großen Klimanummer in diesem unseren Lande ein Renner.

In der ersten Ausgabe von „Erichs Erben“ wird sicherlich der neue starke Mann Europas – Sie wissen schon, die Wirtschaftsmacht Italien – im Fokus stehen. Dann erfährt der mündige Zuschauer, warum es gut ist wenn sein Geld absichtlich entwertet wird, wie negative Zinsen das perpetuum mobile der europäischen Erfolgswirtschaft am laufen halten und warum wir trotz Wohlstandsschöpfung aus dem Nichts alle noch arbeiten dürfen. Als regionale Spezialität darf abschließend Frau Kraft aus ihrem zumindest schuldentechnisch aufwärts strebenden Bundesland des verstetigten Strukturwandels berichten. Der Bericht aus den Städten des Ruhrgebiets unter dem Motto „Rückstand gleich Aufholpotential“ wird begleitet von Musik der Gruppe „Einstürzende Neubauten“. Auch diese lässt sich gegebenenfalls in Berlin wiederverwenden.

Also Genossen, Kameraden und was es sonst noch so gibt: Gestern immer, morgen nimmer! Forza!

 

Schlagworte: , , , , , , , , ,

3 Kommentare auf "Erichs Erben"

  1. JayJay sagt:

    Mit der Fahne der EUDSSR in der linken Hand und gerecktem Arm mit geballter Faust rechts, heißt wieder vorwärts immer, rückwärts nimmer.
    Der Sozialismus siegt. Rot Front.

    😉

    • Skyjumper sagt:

      Nein, nein. Das ist zu offensichtlich. Da muss was viel „moderneres“ her:

      „Wenn die blauen Fahnen wehen,
      geht die Fahrt wohl an die Wand.
      Woll’n wir schöne Märchen sehen,
      stell’n wir uns den Kleber an.
      Leuchtet der Euro, ziehen die Kurse,
      klingt die Parole, weit übers Land“

  2. deutelmoser1994 sagt:

    wie wahr – die Tagesschau läuft bei uns schon seit geraumer Zeit unter dem Begriff „aktuelle Kamera“.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.