Erholung à la 2011

5. April 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Bankhaus Rott

Ja, die Börs’, ja die Börs’,  die hat immer Recht, möchte man fast anstimmen, angesichts der seltsamen Tendenzen vieler Medien. Natürlich hat die Börse recht. Preislich. Der Preis, den ich sehe kann, ist bis zu einer gewissen Positionsgröße – auch handelbar. Aus einem steigenden Aktienmarkt aber gleich die Wunderheilung der Wirtschaft abzuleiten geht dann doch ein bisschen weit…

Aber Sie kennen das sicher! Steigen Ölpreis und Dax im Gleichschritt, dann weist der steigenden Ölpreis auf eine „stabile Weltwirtschaft“ hin. Steigt der Ölpreis und die Aktien fallen, so „wird der Ölpreis von Börsianern als Bedrohung für das Wachstum gesehen“. Ächz! Wir wissen nicht, ob sich überhaupt noch jemand diesen Unfug freiwillig anhört, gesendet wird er jedenfalls.

Nun darf ja jeder senden was er mag, allerdings wäre es vielleicht sinnvoller, wenn sich nicht 500 Korrespondenten gleichzeitig um die Stadionwurst bei der Fußball WM in Südafrika kümmern würden, während Großdemonstrationen in London anlässlich eines kollabierenden Finanzhaushaltes Großbritanniens an den Nachrichtenvorlesern scheinbar ungesehen vorbeigehen.

Betrachtet man nicht die täglichen Zuckungen von „Märkten“, die durch die massivsten Zentralbankeingriffe aller Zeiten jeglichen Nutzen als Wirtschaftsindikator eingebüßt haben und konzentriert sich hingegen auf eher Grund legende Daten zur Volkswirtschaft, so ergibt sich ein realistischeres Bild der Situation. Werfen wir daher einen kurzen Blick über den großen Teich. Die Probleme am Arbeitsmarkt werden auch vom großen Vorsitzenden der FED regelmäßig zitiert, wobei er diese mal genau und mal sehr genau beobachten will…

Diese Formulierungen erinnern schon entfernt an die unwürdige Lachsbrötchenhusterei des alten Recken des langen Zinsmarsches – Alan Greenspan. Hatte der seine Speckledertasche vor einer Rede unter dem rechten Ärmchen, dann war Cisco am Tag darauf ein paar Milliarden teurer. Die Tasche unter dem linken Arm wurde hingegen als Warnzeichen verstanden. Vielleicht war es auch andersherum, was soll’s. Gesagt hat er in der Regel nichts. Diese Eigenschaft hat der nicht mehr ganz so neue Mann an der Spitze der Fed übernommen.

Aber die Arbeitslosigkeit, so Bernanke, die bereite ihm schon Sorgen. Im gleichen Zuge hat er als Allheilmittel die künstliche Steigerung der Assetpreise, namentlich der Aktienkurse, ausgemacht und treibt diese voran. Dass nur wenige Menschen in den USA Anteil an einer Steigerung dieser Assetpreise haben, trübt den sportlichen Ehrgeiz nur wenig. Kurzfristig mag sich der ein oder andere darüber freuen, wenn seine in Aktien angelegten $10.000 auf $20.000 gestiegen sind. Im Mittel reicht dies dann aber doch nur für gut ein Jahr Zinsen und Tilgung auf die Hypothek statt für sechs Monate. Der Medianwert der eingezahlten Beträge auf US Altersvorsorgekonten liegt derzeit ohnehin nur bei zweitausend Dollar, da hilft auch eine Verfünffachung nur wenig. Es sind nun einmal nur sehr dünne Schichten der Bevölkerung, für die dieses Konzept Vorteile hat.

Werfen wir einen Blick auf eine Schicht, die eher mit den Nachteilen der desolaten strukturellen Situation zu kämpfen hat und die auch die desaströsen Folgen für die Währung später voll zu spüren bekommen wird. Wir sprechen von den Langzeitarbeitslosen. Deren Zahl hat sich in den Staaten in den letzten Jahren dramatisch nach oben entwickelt.

 

 

Die Zahl der Betroffenen liegt mittlerweile mehr als drei Mal so hoch wie am letzten Hochpunkt des Jahres 2003 – ebenfalls kein Goldilocks-Zeitpunkt. Auch der prozentuale Anteil der Langzeitarbeitslosen hat trotz stetig wachsender Bevölkerung alle üblen Szenarien der Vergangenheit weit hinter sich gelassen. Deren Wert liegt derzeit bei 4% der gesamten Erwerbsbevölkerung, der letzte Gipfel aus dem Jahr 1983 lag bei 2,6%. Die gesamte Arbeitslosigkeit liegt in der prozentualen Betrachtung derzeit auf einem vergleichbaren Niveau wie in den 80er Krisenzeiten. Die strukturellen Probleme längerfristiger Beschäftigungslosigkeit haben sich also verfestigt.

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5 Kommentare auf "Erholung à la 2011"

  1. khaproperty sagt:

    Erfrischende Offenheit über die miese Situation, in der wir uns alle derzeit bewegen. Noch allerdings richten sich die Fliegen nach den für sie so angenehmen Nachrichten und lassen sich dort nieder, wo (fast) alle bereits sitzen. Dort duften sie vor sich hin und bedienen sich am vermeintlichen Manna. Da möchte man denn doch lieber keine Fliege sein – und ein wenig zuwarten – bis den Future-Päppelern die Lust oder das Geld ausgeht. Sollte staatlicherseits dann auch noch die Realität für Zurückhaltung sorgen, ließe sich vielleicht sogar mit eigenem Denken und Wissen (neben dem erforderlichen Bauchgefühl) an Märkten ehrliches Geld verdienen – abseits der gegenwärtig eingerissenen Inside-Zockerei.

  2. JayJay sagt:

    Für die meisten, nicht nur in Amiland, ist doch die Welt noch in Ordnung, und sie schaut einfach weg. Geschweige denn das sie irgendeine andere Meinug hören will,(außer von den “normalen“ Medien) die Mahner wie hier im Blog, werden doch nur ausgelacht, für die sind wir doch alle nur, eine Handvoll Spinner.
    Daher wundert es mich nicht, das steigende Märkte, gleich gesetzt werden mit einem wirtschaftlichen Wunderland.
    Gold & Silber Ahoi

  3. wolfswurt sagt:

    Eine Obrigkeit, welche in der Lage ist Wolken oder Sonne zu beeinflussen(Chemtrails), der ist es doch ein Leichtes Bits und Bytes auf jedem Bildschirm zu gestalten. Gleiches gilt natürlich für Gedrucktes in den Staatsmedien von Springer, SPON, FTD und Co.

    Um einen verläßlichen Eindruck der Wirklichkeit zu bekommen genügt ein Bummel über einen Wochenmarkt oder durch eine Fußgängerzone Wochentags um 17 Uhr.

    Es ist nur allzu natürlich, daß jedwede Obrigkeit sich gegen ihren eigenen Verfall mit allen gebotenen Mitteln zur Wehr setzt.
    Das bischen Täuschen und Tricksen mit Statistiken ist geradezu amüsant betrachtet man die Methoden in der Untergangsphase des späten Roms.

    Der Vernünftige sieht sich heute am Anfang!!! der Methoden in der Abwärtsspirale.
    Er wird selbstverantwortlich und NICHT systemrelevant handeln…

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