Erfolg durch Abwerten?

24. Januar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Eine Frage, die sich viele Menschen nicht erst seit der EZB-Entscheidung vom Donnerstag stellen: Warum legen es die Währungshüter in Frankfurt darauf an, den Euro durch Abwertung kaputt zu kriegen?

Drei Antworten stehen zur Auswahl, darunter zwei gängige und eine, die überwiegend hinter verschlossenen Türen diskutiert wird:

1. Weil sich das Inflationsziel der EZB von etwas unter 2 Prozent so leichter erreichen lässt.

2. Weil die Euro-Abwertung dem Export hilft und damit Arbeitsplätze schafft.

3. Weil die Inflation, sobald sie in Gang gekommen ist, bei 2 Prozent nicht einfach wie auf Befehl Halt machen, sondern weiter steigen wird, sodass die hoch verschuldeten Staaten einschließlich der Banken sich dann mit mehr oder weniger entwertetem Geld entschulden können, bekannt unter dem Begriff finanzielle Repression.

Wenn wir die Antworten durchgehen, stoßen wir auf so manche Ungereimtheit. So ist beispielsweise fraglich, ob man überhaupt ein von vornherein fixiertes Inflationsziel erreichen kann. Bisher ist das bekanntlich weltweit noch nicht gelungen. Stattdessen erleben wir seit Jahren eine beispiellose Inflation der Anleihenkurse, seit 2009 auch wieder der Aktienkurse und Immobilienpreise. Seit Beginn dieses Jahres flüchten die Menschen erneut verstärkt in Gold und Silber. Wie soll das alles dem Erreichen des Inflationsziels dienen? Das ist unlogisch.

Geradezu abenteuerlich wird es, wenn der schwache Euro als Exporthilfe ins Gespräch kommt. Zugegeben, rein rechnerisch lässt sich an diesem Argument kaum rütteln, aber für die praktische Anwendung taugt es nicht, schon gar nicht im heterogen zusammengesetzten Euroraum.

Der deutsche Export florierte jahrzehntelang, während die Mark gegen andere Währungen, wie Dollar und Pfund, sukzessive aufgewertet wurde. Ähnliches galt für den Schweizer Franken und wird auch weiter für ihn gelten. Die Aufwertung sorgte in Deutschland und in der Schweiz dafür, dass Unternehmen wie Siemens und VW, Nestlé und Novartis immer mehr rationalisierten und zu erfolgreichen Multis wurden. Dagegen ließen es zum Beispiel französische und italienische Konzerne gemütlich angehen. Der Euro mag noch so abgewertet werden, Autos von Peugeot oder Fiat werden dadurch nicht besser.

Die dritte unter den eingangs gegebenen Antworten hat es in sich. Offiziell streiten Zentralbank- und Regierungskreise natürlich kategorisch ab, was sie mit der finanziellen Repression im Schilde führen, doch insgeheim arbeiten sie schon längst daran. Die EZB-Entscheidung vom Donnerstag ist ein Teil dieser Arbeit. Und immer wenn das Thema einzuschlafen droht, meldet sich der Internationale Währungsfonds, die OECD oder irgendein EU-Bürokrat zu Wort, um vor der nahenden Deflation zu warnen. Das klingt besonders dann überzeugend, wenn die Inflationsrate im Euroraum mal wieder gesunken oder wie zuletzt sogar ins Minus gerutscht ist.

Dennoch ist es an den Haaren herbeigezogen. Denn Deflation, üblicherweise definiert als kontinuierlicher Preisrückgang in ganzer Breite, kommt nur bei nachhaltiger Abnahme der Geldmenge zustande. Davon kann derzeit natürlich gar keine Rede sein, im Gegenteil, in unserem Papiergeldsystem bzw. ihrem elektronischen Äquivalent ist die Geldmenge beliebig vermehrbar.

Das Ganze hat viel mit Psychologie zu tun, und EZB-Chef Mario Draghi ist der Oberpsychologe. Bisher hat er seine diesbezüglichen Aufgaben mit großem Erfolg verbal bewältigt, und die Börsen als nicht minder psychologische Institutionen haben es ihm mit Kurssprüngen gedankt. Doch seit Donnerstag gilt neben dem Wort auch die Tat. Das bedeutet konkret: Kauf von Staatsanleihen ohne Rücksicht auf Einwände von deutscher oder sonstiger Seite. Wenn es schon im Vorfeld etwas gab, was diesen Umbruch ankündigte, dann war es der Anstieg des Goldpreises.

In Zentralbank- und Regierungskreisen macht zuletzt wieder mehr als früher ein Begriff die Runde, der seit dem offenen Ausbruch der Griechenland-Krise vor knapp fünf Jahren in Mode gekommen ist: Strukturreformen. Fragt man bei Leuten nach, die ihn besonders gern verwenden, ist die Antwort meistens nichtssagend.

Der Begriff ergibt erst im Zusammenhang einen Sinn (falls hier überhaupt von Sinn die Rede sein kann): Die schwachen Euroländer rund ums Mittelmeer sollen gefälligst mehr arbeiten, den Gürtel enger schnallen und sich bitteschön an Deutschland ein Beispiel nehmen, bevor sie Hilfe von der EZB erwarten können. Die Reaktion aus diesen Ländern lässt dann in der Regel nicht lange auf sich warten: Die EZB soll vorher die Kohle rüberrücken, danach werde man Strukturreformen durchsetzen. So geht es nun schon seit jenen knapp fünf Jahren.

Insofern ist die EZB-Entscheidung vom Donnerstag endlich mal ein Befreiungsschlag. Das heißt, Draghi hat als Herrscher über den Euroraum noch mehr an Macht gewonnen, und die wird er bis zum Ende seiner Amtszeit nutzen, um als Retter der Gemeinschaftswährung in die Geschichtsbücher einzugehen. Wie viel diese Währung dann noch wert sein wird, steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls viel weniger als heute.

Manfred Gburek – Homepage


 

2 Kommentare auf "Erfolg durch Abwerten?"

  1. bluestar sagt:

    „Das heißt, Draghi hat als Herrscher über den Euroraum noch mehr an Macht gewonnen, und die wird er bis zum Ende seiner Amtszeit nutzen, um als Retter der Gemeinschaftswährung in die Geschichtsbücher einzugehen“
    Wird er das wirklich ? Dann müsste ja die Totgeburt Euro überleben und das halte ich für ausgeschlossen. Mittlerweile haben wir ja in Europa feudalistische Verhältnisse, ein einzelner demokratisch nicht legitimierter Mensch entscheidet wie im Königreich. Das Abdriften in die offene Diktatur sieht man in allen gesellschaftlichen Bereichen dieser EUDSSR und das Tempo nimmt zu. Es sind die klaren Symptome des Untergangs. Gleichzeitig wird der Polizei-und Überwachungsstaat ( von BILD gefeiert ) zügig ausgebaut, damit für die ganzen Schmarotzer und Plutokraten dieses kriminelle Systems noch eine Weile erhalten bleibt.

    • Argonautiker sagt:

      Bravo!

      Man muß auch mal Klartext reden. Das berühmte Tote Pferd wird weiter geritten. Warum? Weil man im Hintergrund für den großen Paradigmenwechsel eben noch nicht ganz bereit ist. Man wartet noch sehnsüchtig auf DIE Idee, welche die wirtschaftliche Eierlegendewollmilchsau hervorzaubern würde. Die nächst größere Lüge. So was wie das abkoppeln des Geldes vom Gut, was ihnen in den 70er Jahren den Kopf rettete. Aber der Euro ist abgeschrieben, beziehungsweise war nie ganz ernst gemeint, anderenfalls ist dieses Geldfluten nicht zu verstehen. Aber obwohl alles schon nicht mehr nur bröckelt, sondern bricht, glaubt man immer noch an den Endsieg, ohne dabei zu sehen, daß Wirtschaft als Bestimmer, einfach nicht taugt. Geld ist ein Diener des Menschen und als solches muß es sich verhalten.

      Es ist vollkommen egal welches Finanzkonstrukt man nun aus dem Hut Zaubern will, dient es nicht, sondern will bestimmen, dann ist es dem Untergang geweiht, und wird alles mit sich reißen was an ihm hängt. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Leider will es das Leben derzeit unbedingt Bestimmen. Aber man kann das Gehen, also eine Funktion, nicht über die Statik stellen, die erst zum Gehen befähigt.

      Zu glauben das dies geht, ist falsches technisches Denken. Man kann einen Roboter so bauen, aber bei einem Lebewesen bestimmt die Statik das Gehen.

      All das, was gerade probiert wird, sind technische Meisterleistungen, die vollkommen am Leben vorbei gehen. Und zwar, wie Sie schon sagten, um die Schmarotzer in ihrer gottgleichen Position zu halten. Ein Schmarotzer stirbt jedoch mit seinem Wirt, und das Pferd ist längst tot geritten. Es zuckt nur noch ein wenig, wodurch Einige glauben, vielleicht berappelt es sich noch mal. Aber kaum berappelt es sich, sind sie auch schon wieder da, und saugen. Die riesigen Mengen an Geld, warten doch nur darauf, daß sich irgendwo was lebendiges bewegt, um sich mittels Investments draufzustürzen, und schwubbs ist es leer gesaugt.

      Schönen Gruß an die Oberweser

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