Entzauberungen – Die Dinge stehen auf dem Kopf

8. Februar 2009 | Kategorie: Kommentare

Die „Krise“ wird zwei Jahre alt. Sie begrüßte die Welt mit einem Subprime-Donnerschlag und deckte rasch Dinge auf, die schon sehr lange schiefgelaufen sind. Dabei tauchen immer mehr Verstrickungen, Betrügereien und andere interessante Details auf, die ohne diese Lawine gar nicht sichtbar oder niedergerissen geworden wären. Für den Betrachter dieser ins Tal stürzenden Lawine ist es ein großes Schauspiel. Einige rennen um ihr Leben, andere haben sich längst in Sicherheit gebracht. Bald müssen die Trümmer beiseite geräumt werden. Doch inmitten dieser sich ausgetobten Lawine beginnt auch das Nachdenken über die Zukunft.

Allein die Nachrichten der letzten Wochen offenbaren eine gehörige Portion Gerissenheit, Skrupellosigkeit und Dummheit. Der Stress im Geldsystem blockierte Kreditflüsse und zeigt jetzt die Abhängigkeit der Welt von mehr und schnellerem Kredit. Mit dem Misstrauen der Banken untereinander, begann auch deren Angst bei der Vergabe von neuen Krediten. Die Trinker wurden nüchtern. Entzugserscheinungen bestimmen das Bild in der Presse. Akteure straucheln, die Opfer werden in schnöden Zahlen gemessen und tauchen in Statistiken auf – sachlich und steril. Die Bereinigung beginnt…

Die Heuschrecken sind entzaubert. Müntefering hatte recht. Sie kommen, fressen und ziehen weiter. Doch wohin? Edscha, Märklin, Pro7Sat1 und Hertie sind nur einige Beispiele für die Hinterlassenschaften von Finanzinvestoren, die wie Parasiten den Wirt befielen, ihn aussaugten und sich währenddessen schon das nächste Opfer aussuchten. Wichtig war die Rendite, unwichtig irgendwelche Verantwortungen oder gar moralische Aspekte. Man hat sie gewähren lassen, es als Innovation verkauft und sie auf Veranstaltungen ausgezeichnet. Nun brechen die fremdfinanzierten Übernahmen zusammen und hinterlassen ein Bild des Grauens. Die Heuschrecken beginnen sich selbst zu fleddern.

Die Rentenfonds sind entzaubert. Obwohl der Rentenmarkt zu einer gewaltigen Blase angewachsen ist und die Kurse ewig stiegen, fielen die Preise etlicher Rentenfonds. Manager haben sie mit Giftpapieren infiziert, die woanders nicht mehr loszubekommen waren. Etliche Fonds hatten diese „Investments“ schon länger, da sie bis zum Knall höhere Renditen einbrachten. Das fällt aber nur denen auf, die sich die Fonds auch mal genauer anschauen, wenn sie ihre Positionen regelmäßig melden. Doch wer macht das schon. Es ist ja bloß die Altersvorsorge bzw. ein Traum, den man besser nicht anzweifelt.

Die Versicherungen werden sich wohl demnächst entzaubern. Woher soll die garantierte Verzinsung kommen, wenn Aktien die Hälfte eingebüßt haben, der Anleihemarkt gerade ins Rutschen kommt und sich Immobilien als wenig rentierlich herausstellen? Zudem haben Versicherer massenhaft diese unverkäufliche Strukturen eingekauft. Das erzählen mir die Verkäufer dieser Papiere, die man in Frankfurt auch mal beim Abendessen treffen kann. Und so wirft der Laie gutes Geld dem vielleicht schon schlechten hinterher. Man weiß es nur nicht. Ich bin auf die kleinen Versicherer gespannt, ob der damals wegen der Mannheimer Versicherung installierte „Protektor“ wieder aktiv werden muss.

Selbst Spareinlagen haben sich mit der Pleite der isländischen Kaupthing Bank entzaubert. Zudem besteht die reale „Chance“, dass durch die Arbeit der „Geldmacher“ die Inflation aus der Kiste springt und die mickrige Prozente auf eine Festgeldanlage zu realen Verlusten an Kaufkraft mutieren. Noch sieht es in Europa nicht danach aus. Noch nicht. Doch Inflation ist der einzige Ausweg, um die Schulden auszuradieren und die Guthaben gleich mit. Das mit der Inflation ist für Schuldner eleganter als das Rückzahlen der Verbindlichkeiten.

Vor dem Hintergrund ist die in Berlin angekündigte „Schuldenbremse“ eine Nebelkerze. Ab dem Jahr 2020 soll die Neuverschuldung verboten werden. Ha! Ha! Wann hat ein Staat jemals keine neue Schulden gemacht oder gar die vorhandenen Schulden beglichen? Es ist eines der vielen Versprechen von Leuten, die in elf Jahren mit ganz andere Aufgaben betraut sind oder ihre Pension genießen. Es ist nicht mehr als der Versuch einer Beruhigung, nachdem man so viel Schulden wegen der Konjunkturpakete gemacht hat. Nun wird geschworen, es nie wieder zu tun. Es sind Worte. Es ist Gerede.

Solche Worte liegen haufenweise auf den Tischen herum. Manche davon sind schon heruntergefallen. Die Summe aller Worte und Versprechen bringt die Tischbeine hörbar zum Knarren.

Die Welt ist vernetzt, verstrickt und hat sich in diesem Gespinst verheddert. Bevor die Welt auf dem Allerwertesten landet, gibt es ein großes Geschrei und jeder ist sich selbst der Nächste inmitten von Abhängigkeiten. Unser Geldsystem ist vom Wachstum der Geldmenge abhängig, Wirtschaften von Krediten, Konsumenten vom Job und dem Kreditberater und Politiker von Wählerstimmen. Mit der Subprime-Krise löste sich die erste Masche einer Feinstrumpfhose. Nun steht die gute Dame mit nackten und unrasierten Beinen da. Oh Schreck!

Ich finde keinen Vorteil in Abhängigkeiten. Man hängt eben, wenn die Dinge schieflaufen. Die Freiheit scheint mir größer zu sein, wenn man ohne Kredite durchs Leben kommt und ohne Bettelei um Zahlungsaufschub oder Gefälligkeiten. Freiheit ist etwas anderes, als sich auf Versprechungen anderer zu verlassen, Freiheit ist auch geprägt von Selbstbestimmtheit. Und vielleicht erinnert man sich irgendwann auch an die Tugenden unserer Alten: Weniger ausgeben als man einnimmt, und die Dinge kleiner und bescheidener zu halten.

Doch erst einmal geht es ans Aufräumen. Dabei kommen Dinge ans Licht, die erschreckend sein werden, ein Cocktail aus Selbstüberschätzung, Betrug und Dummheit. Die Gänge sind verspeist. Und jetzt kommt auch noch der Kellner mit der Rechnung um die Ecke…

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