Aktien: Schlecht gefragt ist halb verschätzt

11. April 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Nach mehreren Stunden Kinder-Casting und der 4-D Version von Dalli Dalli,  bleiben dem deutschen TV-Publikum nur wenige Minuten für die Börse. Diese kurze Spanne genügt jedoch vollends, um mit der Menge an verbreitetem Unfug sämtliche verbliebenen „Wetten, dass…?“-Folgen zu füllen…

Das ist sehr schade, denn selbst in wenigen Minuten täglich ließe sich eine Menge Aufklärung verbreiten. Die Werbekunden jedoch, die vor und nach den Börsenberichten ihre Altersvorsorgeprodukte und Riesterfallen anpreisen, haben daran vermutlich kein Interesse.

Angesichts der zahlreichen Säue, die Tag für Tag durchs Börsendorf gejagt werden, kann man sich über die steigenden Schweinepreise nur wundern. Wenn ein Mangel offenkundig ist, dann fehlt es nicht an Schweinen sondern an den einfachsten Informationen zum Finanzmarkt. Während abends mit Schlips und Kragen oder Kostümchen und wichtiger Mine über allerlei Dinge geplaudert wird, kommt man nie über Allgemeinplätze hinaus. Die Durchseuchung der medialen Darstellung mit impliziten Werbebotschaften für Finanzprodukte hat mit Neutralität so viel zu tun wie Kühe mit dem Eierlegen. Wer sich durch eine beliebige Sendung quält, der wird in den langen fünf Minuten weder von „psychologisch wichtigen Marken“ (jede runde Zahl, die in der Nähe des aktuellen Kurses liegt) noch von Schnäppchenjägern (jeder, der kauft) und anderen Gestalten (Spekulanten, ach herrjeh!) verschont.

Gerade die Schnäppchenjäger sind eine seltsame Brut, warten sie doch offenbar nicht auf günstige Kurse sondern geben sich auf einen Kursrückgang von 0,3% um mal so richtig in die Vollen zu gehen. Fällt der Markt dann um 5% nehmen selbige Renditejäger die fälligen Gewinne mit, denn ein Aktienmarkt kann bekanntlich nur auf Grund von Gewinnmitnahmen fallen. Ob er auch nur bei Verlustmitnahmen steigen kann, ist nicht überliefert.

An welchen Kennzahlen die auch im Staatsfernsehen ausgemachten Sparfüchse ein Schnäppchen festmachen, wird nie erwähnt. Gleiches gilt für das Bewertungsniveau von Aktien. Ausgangspunkt ist stets der aktuelle Kurs. Ein Prozent tiefer ist „billig“ und ein Prozent darüber ist „immer noch günstig“. Ob der Grund für die Schlichtheit der Ausführungen in der Ausbildung der Berichterstatter oder im redaktionellen Korsett der Sender zu suchen ist, bleibt offen.

Der Blick auf ein paar langfristige Charts zeigt, dass es im Grunde für den langfristigen Anleger nicht vonnöten ist, sich täglich mit inhaltslosem Gebrabbel über den Finanzmarkt zu belasten. Wichtig ist vielmehr der Zeitpunkt, an dem es sich unter langfristigen Gesichtspunkten lohnen kann, die Aktienquote hochzufahren und wann das eher nicht der Fall ist. Damit einher geht eine deutliche Verbesserung des Chance-Risiko-Verhältnisses, das sich durch die stets hochgehaltene „Diversifikation“ in viele Aktien nicht erreichen lässt. Für diese Einsicht genügt der Blick auf die Kursverläufe der großen Aktienindizes in den vergangenen Jahren.

Zunächst ein Blick auf die aktuelle Bewertung der wichtigen US-Indizes. Über die Kennzahlen der Small Caps im Russell 2000 Index muss man nicht viele Worte verlieren. Das KGV ist absurd hoch und die Dividendenrendite trostlos. So manch ein Freund der Nebenwerte wird sich in vielen Jahren noch am Kopfe kratzen, wenn er zurückblickt. Auch abseits der Nebenwerte sind die Hoffnung und der Optimismus offenkundig. Nun sind das KGV und die Dividendenrendite nicht unsere bevorzugten Kennzahlen, aber einen ersten Anhaltspunkt bieten sie allemal, vor allem im aktuellen Umfeld, in dem Aktien als fast schon risikolose Alternative zu Anleihen gehandelt werden. Es ist bemerkenswert, wie schnell die Menschen vergessen. Vom „equities are dead“-Moment war man wohl auch im Jahr 2009 noch ein ganzes Stück entfernt.

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Beachtenswert ist hinsichtlich der Gewinnschätzungen der im Grunde immer zu hohe Optimismus. Im Laufe der kommenden zwölf Monate sinken die Gewinnprognosen sehr wahrscheinlich wie gewohnt auch in den kommenden zwölf Monaten und nähern sich den vermutlich ebenfalls schwächeren Gewinnen an. Der Effekt auf die Bewertung ist entsprechend. Die deutlich überhöhten Gewinnmargen und die zu hohe Bewertung zeigen, wie wenig Raum es für Enttäuschungen gibt. Und diese werden kommen.

Der Blick auf den S&P 500 als wichtigstem US-Index offenbart, wie ambitioniert sich dieser von seinem langfristigen Trend seit 1871 entfernt hat. Dieser Trend zeigt ein reales Wachstum von rund 2% pro Jahr.

Sollte jemand glauben, etwas entdeckt zu haben, was die Wirtschaft seit Mitte der 90er komplett verändert hat, so dass sich diese Wachstumsrate langfristig nachhaltig erhöhen sollte, freuen wir uns auf eine entsprechende Notiz. Wir konnten nichts finden. Und… (—> Seite 2)

 

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6 Kommentare auf "Aktien: Schlecht gefragt ist halb verschätzt"

  1. bluestar sagt:

    Liebes Bankhaus,

    toller Artikel in gewohnter Spitzenqualität !!!
    „Selbst in wenigen Minuten ließe sich eine Menge Aufklärung verbreiten“
    Das sehe ich genauso, nur ist es leider nicht das Ziel dieses Staatsfernsehens Menschen aufzuklären.
    Unwissenden und unselbständige Menschen sind das Ziel des vormundschaftlichen Überwachungsstaates DDR 2, auf dessen sicherem Weg wir uns mittlerweile befinden.
    Ohne die sicherlich perfekte Manipulations- und Verblödungsindustrie mit all ihren subtilen Facetten, wäre die Machtausübung durch die Gestalten der GROKO gar nicht möglich.

    Beste Grüße und ein schönes WE.

  2. Michael sagt:

    Interessant. Dividentenrendite ist ein reales Argument sagt aber auch etwas aus über die Spendierfreudigkeit und die ist von Zeit zu Zeit verhalten. Es käme jetzt ein wenig drauf an – nimmt man die vergangen 15 als Phase des Ausbreitens im Weltmarkt und steht eine länger andauernde Phase der Abschöpfung bevor?

    Die Internet Werte. Die Art und Weise wie die Börsenneulinge in spe wurden finanziert hat sich gegenüber der 2k Blase geändert. Die Inhalte sind trotzdem nicht weniger fragwürdig. In 90ern sind oft gute Ideen des öfteren falsch finanziert gewesen, könnte heute umgekehrt sein. Die guten Ideen sind noch nicht lang nicht in der Breite – sprich die Anwendung wird mal probiert. Das kann dauern.

  3. Frederico sagt:

    Interessante Kritik an den TV-Börsenberichten. Wenn die als Werbung für die Assetklasse gemeint sein sollten, so haben sie eher das Gegenteil erreicht. Die Neigung der Deutschen zur Anlage in Stammkapital von Unternehmen ist ja eher in der Nähe des All-time-Lows.
    Interessant ist die Frage, was sich in der jüngsten Wirtschaftsperiode seit 1980, und besonders seit Anfang der 90er Jahre, grunsätzlich bei den AG’s geändert hat. Da Sie ja um Hinweise gebeten haben: Die Geschäftsmodelle wurden in den vergangenen Jahrzehnten in 3 Punkten deutlich erweitert: Globalisierung, Hebel und Skalierbarkeit. Bei Coca Cola sind z.B. die Umsätze seit 1990 ziemlich genau um durchschnittlich 7,2% pro Jahr gewachsen, was natürlich nur durch die weltweite Expansion möglich war + Inflation. Eine 7,2% Kurve ergibt sich aber auch für den S&P, wenn man die letzten 35 Jahre betrachtet.
    Ich glaube daher nicht, dass die 2% Linie noch die maßgebliche Median-Linie für den S&P ist, aber 10 oder 20% kann es sicherlich runter gehen, ohne dass dafür viel passieren muss.

  4. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo Frederico,

    Danke für Ihren Kommentar. Bei der Qualität der „Werbung“ darf man sich nicht wundern, wenn die Kunden ausbleiben.

    Die im Chart dargestellte 2% Linie ist der reale, also inflationsbereinigte Trend. Nominal ist vieles möglich, das ist schlussendlich aber irrelevant. Interessanterweise sehen wir auf dem Niveau dieser Trendlinie derzeit unter Einbeziehung einer Margennormalisierung und hinsichtlich der zyklischen Natur der Unternehmensgewinne auch einen Indexstand, der halbwegs zu einer realistischen Bewertung passt. Die aktuellen Margen werden nicht zuhalten sein, gleiches gilt für die Wahrnehmung der Bewertung. Man könnte das Gefühl haben, mancher kauft Aktien aus Selbstzweck, weil es „halt langfristig besser ist“. Siehe dazu der Link im Text. Coke ist halt nur ein Unternehmen. Man wird sehen, was im Zuge der Emerging Markets Problematik und der Währungsveränderungen von den Gewinnen der Firma bleibt. Man berichtet ja schon jetzt gerne „underlying revenue growth“, wobei man schlicht die FX-Veränderungen im Ausland wieder herausrechnet. Kein gutes Zeichen, aber das ist ein anderes Thema.

    Zu denen von Ihnen genannten Punkten. Der fnanzielle Hebel wird schon immer genutzt, mal mehr mal weniger. Skalierbarkeit ist seit der Einführung der Massenproduktion gegeben, das ist schon eine Weile her. Beides sind keine grundsätzlich neuen Dinge. Die Effekte der Globalisierung, maßgeblich die Verlagerung von Teilen oder der gesamten Produktion in andere Länder, hat für manche Unternehmen positive Effekte, für andere nicht. Da jedoch die Gobalisierung nicht nur ein Unternehmen betrifft, nutzen sich die Effekte hinsichtlich der zusätzlichen Ertragskraft rasch ab. Wer einen Liter Cola trinkt, trinkt halt nicht mehr die Limo der Konkurrenz. Gewinnmargen kehren langfristig wieder zu ihrem Mittel zurück. Das war so und wird unserer Meinung nach so bleiben.

    Den Beginn der jüngsten Wirtschaftsperiode würden wir eher um das Jahr 2000 herum verorten, aber das ist natürlich Geschmackssache.

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

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