Ende mit Schrecken? Nein, Schrecken ohne Ende!

25. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Es gab Zeiten, da beschäftigte sich der Durchschnittsbürger mit Griechenland allenfalls im Rahmen der Urlaubsplanung. Diese Zeiten sind vorbei. In den letzten Tagen gibt es wieder mehrmals täglich Updates von der griechischen Euro-Sollbruchstelle. Niemand mag es mehr hören…

Eine überwältigende Mehrheit der Deutschen plädiert für das Ende mit Schrecken und auch in Griechenland hat man die Nase voll von Euro, Brüssel und Politikerversprechen. Da mag das Volk hüben wie drüben zetern wie es will, mitzureden hat es beim Euro auch weiterhin nichts.

Dass ein Land die Eurozone verlassen darf, ist etwa so wahrscheinlich wie einst ein Austritt aus dem Warschauer Pakt. Letzterer wurde – das sei als kleiner geschichtlicher Hinweis gestattet – schließlich insgesamt aufgelöst. Die militärische Analogie ist gar nicht so weit hergeholt, wie es auf den ersten Blick erscheint: Der griechische Regierungschef Tsipras flirtete wiederholt mit dem russischen Präsidenten Putin. Ein Signal, das insbesondere in den USA richtig verstanden wurde – sie drängten am Wochenende Griechenland und dessen Gläubiger zur Einigung.

In Deutschland hofft man vor allem am Aktienmarkt auf einen Erhalt der Eurozone in den Grenzen von 2015. Denn hier werden die großen Profiteure dieses Konstrukts gehandelt. Natürlich glaubt niemand, dass es sich bei Griechenland um einen bedeutenden Absatzmarkt für die deutsche Industrie handelt.

Die Sorge um einen „Domino-Effekt“, dem – angestoßen durch einen griechischen Austritt – weitere Euro-Krisenländer zum Opfer fallen, klingt dagegen glaubwürdig und strotzt nur so vor europäischem Verantwortungsbewusstsein. Dagegen will man das eigentliche Kalkül eher nicht an die große Glocke hängen: Solange dem Euro öffentlichkeitswirksam Mühlsteine wie Griechenland um den Hals baumeln, wird er allenfalls mit angezogener Handbremse aufwerten – falls überhaupt. Die tendenzielle Unterbewertung der Heimatwährung ist aber genau der Treiber für die deutsche Exportindustrie schlechthin.

Schrecksekunde vor dem Ausbruch

Seit der US-„Anregung“ zur Einigung in der griechischen Angelegenheit wähnen die Börsianer die Sache in trockenen Tüchern. Mit diesem Rückenwind sprang der Index am Montag um 420 Punkte nach oben. Charttechnisch bestätige sich damit das zuletzt an dieser Stelle beschriebene zweimalige Aufsetzen auf der unteren Begrenzung der blauen Flaggenformation (vgl. Abb., gelbe Markierungen).

DAX-24.06

Innerhalb von nur einer Handelswoche wurde diese Flagge nun komplett von unten nach oben durchschritten. Gestern prallte der kurzfristig stark übergekaufte Kurs erst einmal an der oberen Begrenzung ab. Auslöser war erneut Griechenland.

Die Meldung, wonach die Reformliste der griechischen Regierung bei den Gläubigern durchgefallen sei, sorgte in wenigen Minuten für einen Kurssturz von 140 Punkten. Im Tageschart sieht dies freilich nicht besorgniserregend aus. Auch ohne diesen äußeren Anlass ist es ein Teil der Normalität, dass vor wichtigen Marken wie der blauen Begrenzungslinie noch einmal Luft geholt wird – besonders, wenn der Markt sie in einem übergekauften Zustand ansteuert.

Nachhaltig verunsichern ließen sich die Börsianer durch den Theaterdonner jedenfalls nicht. Der DAX stabilisierte sich rasch und konnte in wenigen Stunden mehr als die Hälfte der Verluste aufholen. Unsere Erwartung ist, dass sich die blaue Flagge letztlich als trendbestätigende Konsolidierung erweisen wird. Ein Ausbruch nach oben würde Spielraum bis zum alten Allzeithoch bei 12.390,75 Punkten eröffnen.

Falls auch dieses bricht, was wir auch vor dem Hintergrund der anhaltenden EZB-Geldschwemme für wahrscheinlich halten, geht der Spielraum bis in den Bereich von 13.000 Punkten. Diese Erwartung ist übrigens durchaus kompatibel mit den Einschätzungen von Martin Armstrong im Smart Investor 5/2015. Erst nach dem eher unbeschwerten Sommer erwarten wir dann einen äußerst schwierigen Börsenherbst.

Bargeld im Visier

Zum Wochenende erscheint der neue Smart Investor 7/2015. In unserer Titelstory beschäftigen wir uns mit einem mögliches Bargeldverbot. Dabei spüren wir den eigentlichen Motiven hinter einer solchen Maßnahme nach. Rede und Antwort steht uns zu diesem Thema auch Professor Gerald Mann, der Co-Autor des Buchs „Bargeldverbot“, das soeben im FinanzBuch Verlag erschienen ist. Wer sich bereits jetzt auf das Thema einstimmen will, dem sei ein Interview empfohlen, das Sonja Hubl von „Responsa Liberta“ mit Smart-Investor-Chefredakteur Ralf Flierl führte. Das Gespräch wurde am Rande der Hamburger Mark Banco Anlegertagung des Instituts für Austrian Asset Management (IfAAM) am 6. Juni aufgezeichnet.

Fazit

Die aktuelle Griechenland-Inszenierung nähert sich ihrem Höhepunkt. Am Ende werden alle ihre „große Erleichterung“ staatstragend in die Fernsehkameras lächeln – bis zum nächsten Mal.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor



 

2 Kommentare auf "Ende mit Schrecken? Nein, Schrecken ohne Ende!"

  1. cubus53 sagt:

    Wer von der Politik vernünftige Entscheidungen erwartet, hat nicht begriffen, dass der Wille zur Macht stärker ist als jede Vernunft. (Roland Baader)

  2. hanny sagt:

    da habe ich doch mal eine Frage, wann werden wir endlich mit Gold und Silber unsere Rechnungen bezahlen dürfen? Erst wenn Europa zerfallen ist oder sollte es da doch noch eine andere Lösung geben? Wir drucken soviel, dass schon keiner mehr weiß wie viel überhaupt unterwegs ist, das kann doch nicht der Sinn der Sache sein! Wir haben keine richtige Arbeit mehr wovon man Leben kann, die Jugend hat noch weniger zu tun am schlimmsten in Griechenland und Frankreich, wie soll das nur alles weiter gehen? Man kann doch nicht in Aktien gehen da das Geld doch nicht verdient wird sondern gedruckt ist, hoffentlich müssen wir auf die richtige Lösung nicht zu lange warten !!!

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