Emissionswelle im Crypto-Land

5. Mai 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Vor einigen Jahren waren Börsengänge das hippste an dem man teilnehmen konnte. Zur Zeit sind es die wie Pilze aus dem Boden sprießenden digitalen „Währungen“ die von sich reden machen. Eine Bezeichnung gibt es natürlich auch: ICO. Initial Coin Offering. Von guten Ideen über Wahnsinn bis zum angekündigten Scherzprodukt ist alles erhältlich…

Die aktuellen Entwicklungen um verschiedene Blockchains darf man als durchaus dynamisch bezeichnen. Vor allem die Vielseititigkeit der Ethereum-Blockchain (Link zum Ethereum Projekt), die die Schaffung digitaler Tokens quasi beliebiger Spielarten stark vereinfacht hat, sorgt derzeit für Schwung.

Es gibt mittlerweile mehrere hundert verschiedener tokens, darunter bekanntere wie Dash oder Litecoin, die beide auf Bitcoin basieren oder andere wie Zcash und Golem. Wer sich einen ersten Eindruck vom Spektrum all dieser „digitalen Währungen“ machen will, der sollte etwas Zeit mitbringen und sei vor dem ihn erwartenden Wust gewarnt. Es gibt alle denkbaren Spielarten. So gibt es etwa die Dogecoin, etwas, das man wohl auch im Sinne der Macher als Spaßprojekt bezeichnen könnte. Das hinderte die Marktteilnehmer nicht, ihm im laufenden Jahr eine Verdreifachung zu bescheren.

Der Anteil der bitcoins an der gesamten Marktkapitalisierung schwindet unter dessen weiterhin (siehe schon unser Artikel Der Marsch der Cryptos). Mittlerweile ist sie an der 60% Marke angelangt. Es folgen ältere Bekannte wie Ether und dann mit Abstand Ripple, Litecoin und Dash. Ein Grund für den schwindenden Marktanteil sind die extremen Kursanstiege der neuen Kollegen des bitcoin und natürlich die neu geschaffenen Mitglieder der Cryptofamilie. Fallen kann man bekanntlich nur auf Null, steigen hingegen mehr als hundert Prozent. Die gesamte Kapitalsierung all dieser „Coins“ liegt in etwa auf Höhe der Marktkapitalisierung des Börsenbetreibers CME. Um den Wert von Apple zu erreichen müsste sich der Marktwert noch gut verzwanzigfachen, womit mir weder sagen wollen dies sei sinnvoll noch das sei nicht möglich.

Es gibt zahlreiche Unterschiede, und zwischen einigen reinen Klonen gibt es zahrleiche interessante und  einige eher unterhaltsame Konzepte. Wer nicht nur kurzfristig hin- und herhandeln möchte, für den sind natürlich einige technische Faktoren nicht uninteressant. So ist etwa im Vergleich zu bitcoins bei den Dogecoins die Menge nicht technisch auf eine bestimmte Menge begrenzt sondern de facto beliebig vermehrbar.

Auf Grund des für viele noch immer undurchsichtigen Prozederes, wie man denn eigentlich sein normales Geld gegen diese neuen tokens oder Digitalwährungen wechseln kann, und wie man diese dann untereinander tauschen kann, tummeln sich wohl noch nicht so viele Anleger in diesem Segment, wie man es von haussierenden Aktienmärkten gewohnt ist. All dies, so fühlt es sich für manchen an, findet auf einem anderen Planeten statt. Lediglich die Preisentwicklungen erinnern bereits jetzt an die besten Zeiten des neuen Marktes. Spannend ist vor allem die Mischung aus echtem Interesse an einer digitalen Währung, wie etwa im zwangsweise von einer Menge Bargeld erlösten Indien, das sich vor allem auf bitcoins auswirken solllte, und dem spekulativen Hype, der sich bei vielen so genannten „Altcoins“ zeigt, von denen einige einen recht klaren Eindruck möglicher Einsatzzwecke vermitteln und andere einfach so mitlaufen, was legitim ist aber in vielen Fällen später einmal für Probleme beim Loswerden sorgen dürfte.

Auf Grund der gefühlt simpleren und irgendwie bekannten Herangehensweise tummeln sich viele spekulativ Interessierte an den Börsen. Das ist zunächst einmal der einfachste Schritt, da man mit einem Konto zahlreiche unterschiedliche tokens kaufen und untereinander tauschen kann was nicht mit jedem wallet funktioniert. Allerdings ist eine Börse für digitale Währungen nicht das gleiche wie ein wallet, also eine Software, die für die „Verwahrung“ digitaler Währungen. Verwahrung ist bei blockchain-basierten tokens ein nicht ganz zutreffender Begriff, da je nach blockchain gar kein Zustand, sprich Kontostand, gespeichert wird, sondern sich aus allen historischen Transaktionen der aktuelle Bestand ergibt. Sei es wie es ist, für den Zweck der Einsicht in den gehaltenen Bestand und für den Empfang und das Senden von bitcoins und Co gibt es eine Menge verschiedener wallets. Schicken Sie bitcoins an eine Adresse so findet eine Transaktion zwischen Ihrem und einem anderen wallet statt.

Das ganze sieht auf Grund der Adressen sehr kryptisch aus. Nutzt man einen QR-Code und den QR-Scanner des Smartphones ist es jedoch ein Kinderspiel eine Transaktion durchzuführen. Wer Kinder hat sollte das Telefon also noch ein bisschen besser sichern, wenn das wallet darauf liegt. Es gilt schließlich erste Erfahrungen mit digitaler Flüchtigkeit zu vermeiden. Einmal initiierte Transaktion sind nicht reversibel, schicken Sie also nur Geld wenn Sie es nicht mehr haben wollen oder wissen, wem Sie es schicken.

An den erwähnten Börsen gibt es oft kein echtes wallet. Der Dienstleister aggregiert Kundenorders, wie dies auch bei bestimmten FX-Trading Anbietern der Fall ist. Wenn man kein wallet hat sondern nur einen Verweis auf eine bestimmte Anzahl bitcoins in einem übergordneten Konto, benötigt man eine ganze Menge Vertrauen, aber können auch Bankkunden ein Lied singen. Bedenken sollte man jedoch folgendes: Hat der Kunde kein individuelles wallet sondern bekommt lediglich einen Buchungseintrag mit den ihm zugeordneten Betrag zu Gesicht, so ist das bequem, widerspricht aber durch diese Re-Zentralisierung dem Kerngedanken der blockchains. Diese Dezentralisieriung sollten eben deshalb eingesetzt werden um autonome und stabile Netzwerke zu schaffen, die weg von der zentralen Struktur der Finanzmärkte mit ihren Intermediären und hin zu einer dezentralen Struktur führen. Wer sich einen digitalen Notgroschen schaffen will, der sollte dies über ein wallet erledigen, nicht über ein Konto bei einer der Börsen. Hier gibt es die verschiedensten Wege, von der Smartphone-App, über den USB-Stick bis hin zum paper wallet. Den Schlüssel dazu schreibt man auf und schließt in weg. Man kann ihn sich auch merken, quasi im brain wallet, und hat ihn dann nicht nachweisbar immer dabei. Das ist durchaus charmant, spart den Safe und ist eine sichere Sache solange man ihn nicht vergisst. Dann ist alles weg, denn sicher heißt in jeder Hinsicht sicher.

Vorsicht also vor der Re-Zentralisierung. Viele Probleme mit bitcoin-Börsen sind daher kein Problem mit der blockchain sondern ein Problem mit der Sicherheit des Anbieters. Das gilt nicht nur für die technisch schlicht überforderte Mt. Gox. Wer erinnert sich nicht noch an die Skandale des großen Brokers MF Global und seiner vermeintlich „segregated accounts“.

Private Nutzer sollten sich bei noch vorhandenen Wissenslücken nicht allzu sehr grämen. Die meisten Banken reden zwar viel von blockchains, wollen aber wohl eher so wirken, als würden sie sich ernsthaft mit der Technologie beschäftigen. Den wichtigsten Punkt und die zumindest im Finanzsektor spannendste Möglichkeit besteht jedoch in der Dezentralisierung und somit der Abschaffung der Finanzintermediäre. Für Kunden bedeutet dies eine massive Senkung der Kosten. Von dieser Möglichkeit möchte man im Sektor lieber nicht sprechen und versucht das Ganze zu domestizieren. Sicher ein Zufall.

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