Einmal nasses Handtuch, bitte!

4. August 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Der Aktienmarkt hat in den letzten Monaten allerhand verdaut, ohne auch nur ansatzweise in die Knie zu gehen. Jetzt auf einmal rutschen die Kurse ab – und das ausgerechnet besonders intensiv am deutschen Aktienmarkt, der Insel der Glückseligen. Warum nur – und vor allem: Geht das jetzt etwa so weiter?

Was in den Medien nur zu gerne nicht erwähnt wird, weil man dort immer wieder versucht, dem Aktienmarkt den Nimbus absoluter Logik zu verpassen, indem man nötigenfalls die Nachrichtenlage den Kursen anpasst und so tut, als würden die Notierungen berechenbar und logisch auf Konjunkturdaten, Notenbankentscheidungen oder Unternehmensmeldungen reagieren, hat sich nun wieder als wahr erwiesen: Der Aktienmarkt ist nicht logisch. Der Aktienmarkt ist nicht vorhersehbar. Er ist Spielball der Emotion der Marktteilnehmer. Und die sind nun einmal alles andere als rational.

Unser DAX hat die spürbare Eintrübung der konjunkturellen Gemengelage verdaut. Verdaut, dass die Umsätze deutscher Unternehmen in den letzten Monaten nicht mehr zulegen konnten. Es machte den bullishen Akteuren absolut nichts aus, dass der zeitweise zu den Emerging-Markets-Währungen viel zu starke Euro auf Umsatz und Gewinn drückte. Niemand störte sich an den seltsamen Divergenzen im Verhalten und den Aktivitäten der EZB und der US-Notenbank. Interne Warnsignale wie eine sukzessive abnehmende Marktbreite wurden mit geringschätzigem Lächeln quittiert. Und jetzt, nachdem das alles schon relativ lange auf dem Tisch liegt, jetzt soll die Wende doch noch kommen?

Möglich. Typisch wäre es schon, denn es ist ja nicht die Ausnahme, sondern die Regel, dass Trendwenden an den Aktienmärkten deutlich zeitverzögert auf die nachhaltige Veränderung der Rahmenbedingungen folgen. Das galt beispielsweise für die Trendwende der Kurse im Zuge der Subprime-Krise 2008 ebenso wie beim „dot.com-Crash“ 2000. Und es galt genauso für die Trendwenden nach oben Anfang 2003 und Anfang 2009, als die Kurse noch weiter und immer dynamischer fielen, obwohl sich die Rahmenbedingungen längst zu stabilisieren begannen. Die Börse nimmt nicht die Zukunft vorweg. Das ist eine Plattitüde, die letztlich Unfug ist. Die Börse sind die Kurse. Die Kurse werden von Menschen gemacht. Und Menschen nehmen nun einmal nur wahr, was sie wahrnehmen wollen. Und …

… was all diejenigen, die sich angesichts der Tatsache, dass die Aktienmärkte trotz der Eintrübung der Rahmenbedingungen immer weiter stiegen, unverwundbar fühlten, jetzt wahrnehmen, ist ein nasses Handtuch, das ihnen mit Schwung die rosa Brille von der Nase klatscht. Dabei braucht es keine unmittelbaren, im Geschichtsbuch vermerkbaren Auslöser dafür, dass man auf einmal alles das gleichzeitig entsetzt vor Augen hat, was man zuvor sorglos ignoriert hatte. Im Endeffekt kann das ganze Theater, das den DAX in der vergangenen Woche immerhin satte 4,5 Prozent gedrückt hat, durchaus „aus Versehen“ passiert sein.

Gut, die wirren Kommentare der US-Notenbank, dass die Ressourcen des Arbeitsmarkts momentan nicht so ausgelastet werden wie sie sollten, der Arbeitsmarkt sich ansonsten aber grundsätzlich weiter erhole, braucht momentan kein Mensch. Daran erinnert zu werden, dass die wichtigste Notenbank der Welt, die entscheidend Einfluss auf die Weltwirtschaft hat, aus einem Haufen möglicherweise nicht wirklich fachkundigen, ganz sicher aber uneinigen und zahlengläubigen Menschen besteht, ist höchst unerfreulich. Und dass dann nur einen Tag später zu ohnehin Besorgnis erregenden Daten seitens des Baltic Dry Index, des ifo-Index oder den Immobiliendaten aus den USA dann plötzlich auch noch ein Chicagoer Einkaufsmanagerindex kommt, der mit einem Einbruch von 62,6 auf nur noch 52,6 Punkte auf den Bauch landet und bestätigt, dass das zeitweise wieder solide wirkende Wachstum im zweiten Quartal eine Eintagsfliege gewesen sein dürfte, kann auch nicht gerade motivierend auf die Bullen gewirkt haben. Aber wirklich ausschlaggebend für die abrutschenden Kurse war meiner Ansicht nach etwas anderes:

Der Donnerstag, der erste der beiden Zwei-Prozent-Abwärts-Tage des DAX, war zugleich der Monatsultimo. Die meisten Hedgefonds weisen ihre Performance monatlich aus – und das führt dazu, dass das früher auf die Quartalsenden beschränkte Window Dressing auch die jeweiligen Monatsenden beeinflusst. Da insbesondere der deutsche Aktienmarkt im Juli auffällig schwach war, dürfte seitens der Hedgefonds die überwiegende Mehrheit Short gewesen sein. Und um diese Performance maximal auszureizen, haute man am Donnerstag ordentlich drauf. Das war eigentlich nur eine auf den Moment bezogene Aktion, aber mit Folgen… (Seite 2)



 

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