Börse: Einmal geschreddert bitte!

28. August 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Endlich gibt es den „Zinsersatz“ (DAX) 20 Prozent billiger als noch vor wenigen Monaten. Die „Welt“ titelte „Liebe Deutsche, seid mutig! Kauft Aktien. Wer kann da schon „nein“ sagen? Hoppla, das war aber knapp! Bis jetzt zumindest…

Übrigens… die hirntoten Daddelmaschinen bzw. Algo-Programme haben ganze Arbeit geleistet. Theoretisch können sie einen Index in drei Minuten komplett schreddern. Wundert es dann jemanden, dass Otto Normal der Börse lieber fern bleiben möchte? Susi Sorglos hat ja einen Finanz-Berater (der ja auch von ihr lebt).

Das Sparbuch kennt keine Baisse. Noch nicht. Und nominal ohnehin nicht, auch wenn es derzeit nach toter Hose dort aussieht und riecht. Dabei liegen die „Alternativen in Zeiten der Alternativlosigkeit auf dem Tisch, auch wenn Börse heute mit Realität so viel zu tun hat wie eine Merkel-Pressekonferenz zum Thema Flüchtlinge mit dem, was so alles hört. Egal. Dennoch bleibt so ein komisches Bauchgefühl, dass der wirkliche Ärger vor der Börse passiert statt auf dem Parkett. Susi Sorglos will aber reich werden. Und das ohne sich anstrengen zu müssen. Wer verdenkt es ihr?

Angeblich war der Kurssturz in China der Grund. Vielleicht auch nur der Anlass. Und Frau Yellen freut sich, dass sie inzwischen fast alle Gründe zusammen hat, um die US-Zinsen doch nicht zu erhöhen, auch wenn ihre sich täglich widersprechenden Kollegen mit ihrem „Jein“ die Nachrichtenkanäle weiterhin verstopfen. Vielleicht passiert bis zur nächsten FED-Sitzung am 17. September noch etwas, was eine Zinswende wirklich unmöglich macht…

Ja, so ein Spaß! Ab einem V-DAX von über 25 macht Börse übrigens immer Spaß, vor allem, wenn man ihr zuschaut. Ja, die Kurse sind gefallen. Dann sind sie wieder etwas gestiegen. Aber niemand hatte das auf der Agenda. 1.000 Punkte Minus beim Dow Jones haben schon was. 800 Punkte Bandbreite beim DAX ebenfalls. Man kann das historisch nennen. Wir werden mehr von diesen Bewegungen sehen. Blitzhandel, nicht zu verwechseln mit dem Handel von Blitzen, schreddert jeden Stopp-Loss und jeden KO-Schein. Das war richtig teuer. Und die ausgestoppten Papiere haben jetzt andere. Wenn ich Zeit finde, was ich bezweifle, betrauere ich einige tausende KO-Zertifikate, die in die ewigen Jagdgründe befördert wurden. Das Geld ist ja nicht weg. Es hat nur ein anderer. Wie ich sehen konnte, liegt die nächste Generation der KO-Scheine schon wieder im Schaufenster – versehe mit einem kurzen Leben. Ach, da wurden keine Kurse gestellt, als es rappelte? Na, Mist aber auch und hier oft besprochen. Aber jeden Morgen stehen neue Deppen auf. Wenn nichts sicher ist, das schon!

Wie wir sehen konnten, setzt die Börse in New York nach einem Rutsch von fünf Prozent auch mal den Handel aus. Anleger müssen geschützt werden, nur nicht vor sich selbst. Echte Märkte sind das ohnehin nicht mehr. Und mit Wirtschaft oder einem Abbild der Realität und Zukunft haben sie immer weniger zu tun. Zumindest taugen sie für ein öffentliches Spektakel. Früher war Börse mal eine Angelegenheit von Angebot und Nachfrage von Papieren, Trends und Meinung. Heute funken die Hochfrequenz-Händler dazwischen. Ob das Plunge Protection Team die Hände im Spiel hatte? Wir wissen es nicht.

Was haben eigentlich diese Hochfrequenzprogramme da zu suchen? Über 80 Prozent des Umsatzes in den USA und über die Hälfte in Frankfurt werden durch diese Maschinen getätigt. Je nachdem, in welche Richtung sie mögen, erzählen dann junge blonde Frauen, die Anleger wären optimistisch oder hätten Angst. Dann quirlt man noch einen ifo-Index dazu, oder auch notfalls die GfK mit ihrer Umfrage vor einem Louis Karton – Geschäft, und schon ist Susi Sorglos informiert. Oben kaufen – unten ausgestoppt werden, wenn Susi überhaupt etwas von einem Stopp-Loss gehört hat. Die Aktien hat dann ein anderer, und wenn auch nur für eine Millisekunde.

Was wird ihr der Bankberater erzählt haben, der Susi Sorglos bei 12.000 Punkten am „Tag der Aktie“ aus dem Sparbuch in den DAX gejagt hat? Man muss es langfristig sehen? Ja, die Börse hätte Luft abgelassen. Das lange fällig. Super Sache, Herr Experte. Kaum jemand sagte vor paar Wochen, da wäre zu viel Luft drin, als Aktien als Zinsersatz beworben wurden und von Alternativlosigkeit zu Aktien die Rede war. Wer hat dieses Wort eigentlich erfunden? Ich ahne schon…

Jawoll! Den DAX gibt es jetzt 20 Prozent billiger. In sieben oder mehr Jahren ist der Verlust durch die Dividenden ausgeglichen, die ja auch ausfallen können. Nicht doch, bei der boomenden Wirtschaft!

Die oberste Bürgerpflicht ist jetzt wie schon früher: Die Ruhe bewahren, und ruhig zuschauen, wie die Kurse fallen. Oder steigen. Nein, liebe Leser, die oberste Bürgerpflicht ist jetzt: Kaufen! Das schreibt die „Welt“! Wenn man es dort so genau weiß, warum schrieb man dort nicht bei 12.000 Punkten: Verkaufen!? Weil es niemand wissen kann. Der Tenor ist/war/bleibt doch, der DAX ist immer billig.

Julius Bär schrieb am Montag, es wäre noch zu früh für einen Einstieg. Da stand der DAX bei 9.500 Punkten. Am 8. Juli hieß es von dort, dass die starken Kursgewinne bei deutschen Aktien kein Anzeichen für eine Preisblase seien und man dort eher Parallelen zu den Aktienhaussen der 50er und 60er Jahre erkenne. War Vollmond?

Ich kann bei bestenm Willen nicht sagen, wo in einer Stunde die Kurse stehen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Bares, oder das, was das dieses so scheint, auf Dauer gegenüber Aktien real und dauerhaft aufwertet.

Kaum hat sich der Staub etwas gelegt, sind die Experten schon wieder da. Das finde ich ja lustig, vor allem ihr gedrechseltes „Jein“ zur Frage, wie es weiter geht. Suchen Sie sich etwas aus. Auch für Susi Sorglos ist etwas dabei. Sie könnten auch zugeben, dass sie es nicht wissen, weil es ohnehin niemand wissen kann. Aber dann bräuchte man diese Experten auch nicht. Kraftvolle „Jeins“ sind sozusagen einen jobsichernde Maßnahme und damit die Aussicht auf mehr Verbalakrobatik.

Neulich hat jemand geschrieben, er hoffe auf die Potenz der Notenbanken. Das ist verständlich, denn sein Job und seine Lohnzahlung hängen von dieser Potenz ab. Und da wir schon mal bei den Notenbanken sind – jetzt hat der Markt die People Bank of China so lange vor sich hergetrieben, bis sie die Zinsen senkte und den Mindestreservesatz ebenso. Die PoC verfolgt also auch die leichtfertige Politik des lockeren Geldes. Haben jemand etwas anderes erwartet? Und alle fanden es so gut, dass der DAX flugs wieder über 10.000 Punkte sprang, bzw. die Daddelmaschinen ihn dorthin hievten und die kleine blonde Frau auf dem Parkett sagte, die Anleger wären wieder optimistisch und Susi Sorglos kauft nach, knapp über 10.000 Punkten.

Jetzt hängt ein Schild draußen: 20 Prozent auf alles. Reizt Sie das? Nein, das interessiert Sie nicht? Dann sind Sie sicherlich so ein Miesepeter. Sagen Sie das bloß nicht zu laut. Denn…

All unsere makroökonomischen Analysen haben ergeben, dass die Weltwirtschaft brutalstmöglich wächst, unbarmherzig und gnadenlos. Ja, sie kann gar nicht anderes bei der Potenz der Notenbanken. Vielleicht nicht vor ihrer Haustür, aber immerhin. Der sinkende Ölpreis ist ein superdooper Konjunkturprogramm. Diese Sau jagt man aber erst in den kommenden Tagen durch die Gegend, wenn die Kurse sich berappeln sollten.

Uns geht es immer besser, auch wenn es immer nur bei den anderen passiert. Angeblich. Ja, der Bahnhof bräuchte mal eine Renovierung und die Brücke ein paar neue Pfeiler. Ja, sicher, es gäbe viel zu tun. 86 Milliarden Euro sind doch gut angelegt, in Griechenland.

Sie können dem Welt-Index schon glauben. Immerhin ist sicher, dass sich diese Welt auch morgen noch dreht und alle 24 Stunden einmal um sich herum. Am eifrigsten aber um die Lautesten selbst. Sie können auch an die Zinswende in den USA glauben wie an Klapperstörche oder Liebesbriefe von Klapperschlangen. Dann wird alles noch viel besser. Steigende Zinsen auf Billionen von Schulden wirken bekanntlich wie eine Frischzellen-Kur für eine Dose Ölsardinen über dem Verfallsdatum.

Ja, und dann hatte ich am letzten Wochenende gehört, der DAX würde nie wieder unter 10.000 Punkte fallen. Nie wieder. Ganz ehrlich! Dann fiel er darunter. Nur am Montag. Und Dienstag… Dann nie wieder. Versprochen! Außer es kommt anders. Los! Gehen Sie jetzt über Los! Los, jetzt kaufen Sie mal. Oder wollen Sie, dass der DAX noch einmal sein altes Ausbruchsniveau von 8.150 Punkten testet? Dann gibts 40 Prozent Rabatt auf den DAX und noch mehr unterhaltendes Geschei.

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5 Kommentare auf "Börse: Einmal geschreddert bitte!"

  1. Insasse sagt:

    Ja, ja, ist ja schon gut. Ich kaufe ja! Allerdings nur „Handfestes“… 😉 Nichts gegen den DAX, aber auch nichts dafür. Dieser Luftikus sowie seine Marktschreier können mich mal kreuzweise. Beide passen gut in diese Welt der nicht eingehaltenen Versprechungen. Leider ist mir die dafür erforderliche Gutgläubigkeit schon seit Längerem abhanden gekommen. In diesem Sinne ein schönes, ruhiges Wochenende vom Insassen.

  2. waltomax sagt:

    Schön wäre es, gäbe es da noch einen echten Markt. Jedoch kann man hoffen: Schon heute purzeln die Kurse wieder auf breiter Front, trotz blendend gelogener Daten aus den USA und China. Man kann eben den Daumen doch nicht auf Dauer gegen den Auslass am Gartenschlauch halten; besonders dann nicht, wenn einer den Hahn aufdreht. Wer das sein könnte? Na, vielleicht der totgeglaubte Markt? Hoffen wir’s.

  3. Hinterfrager sagt:

    Herrlich, wieder einmal genau auf den Punkt gebracht!

    Übrigens: Das DAX-Allzeithoch von Mitte April 2015 (12.391) entsprach einem Kurs-DAX-Stand (ohne Dividenden) von 6.339 Punkten. Beim bisherigen Allzeithoch aus dem Jahr 2000 (dot.com-Blase) stand der Kurs-DAX bei „lediglich“ 6.266 Punkten…

  4. Sebastian sagt:

    Langsam drückt der Wasserdampf im Kessel schon durch die ersten Dichtungen und das Ventil fängt an zu quietschen…
    Hoffentlich nutzt ihr alle Drei-Wetter-Taft (EM), wenn der Kessel nämlich explodiert, werden einige eine ziemliche Sturmfrisur haben!

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