Einer ist immer der Loser

1. Juli 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Vor einigen Jahren veröffentlichte die Europäische Kommission ein Papier mit dem Titel „Längere Lebensarbeitszeit durch Rentenreformen“. Während so mancher weiterhin unbeeindruckt seine studentischen Politikträume zu verwirklichen versucht, schreitet die Realität munter in die Gegenrichtung voran…

An Stellen mangelt es bekanntlich in Brüssel nicht. So nennt sich die Gruppe, die das Papier verfasst hat „Generaldirektion Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit“. Das klingt nach 5-Jahresplan und schöngeistiger Wirtschaftssteuerung in bester AStA-Manier. Immerhin findet sich auch in älteren Veröffentlichungen manches Schmuckstück wie die folgende Grafik. Sie zeigt die Abweichung der Beschäftigung verschiedener Altersgruppen vom langfristigen Mittel. Dieser Trend, das legen zumindest die Arbeitslosenzahlen nach Alter nahe, dürfte sich verstärkt haben.

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Ein ähnliches Bild ist in den USA zu sehen. Der Anteil der älteren Menschen, für die die Begriffe Renteneintrittsalter und Arbeitsende gleichbedeutend sind, nimmt ab. Man arbeitet fleißig weiter nach den späteren Geburtstagen. Der Rest nimmt einen Kredit auf und beteiligt sich mit nächsten MBA Abschluss am Weiterbildungsmarathon.

Über den in deutschen Medien gerne verwendeten Euphemismus, dies würden die Menschen tun „um die Rente aufzubessern, damit man sich mal schöne Dinge leisten kann“ werden viel ältere Amerikaner und Europäer nur den Kopf schütteln. Auf solche absurden Gedanken kann nur jemand kommen, der es für sinnvoll hält die Bruttogehälter von Angestellten und Beamten und nicht deren Nettogehälter zu vergleichen.

Eine übrigens sehr unterhaltsame wenn auch bittere Rechnung, die vielen Angestellten jedoch auf Grund der zahllosen Besonderheiten der Beamtenbesoldung nicht ganz leicht gemacht wird.

Der Blick auf die Verteilung der Lebensarbeitszeit in Europa, ein wesentlich wichtigerer Punkt als das Renteneintritsalter, in Europa zeigt ein deutliches Bild. Wer diese Unterschiede negiert und von gemeinsamen europäischen Rentenkassen fabuliert, der hat höflich formuliert nicht alle Tassen im Schrank oder eine Pistole am Kopf.

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In der Schweiz ist man gut 12 Jahre länger für die Arbeit auf den Beinen als in bella Italia oder in Ungarn. Die EU-Kommission schert dies alles wenig. Schon 2010 hieß es in einem „Zukunfstpapier“ unter dem bizarren Motto „Zukunftssichere Renten: eine europäische integrierte Vorgehensweise im Dienst der nationalen Strategien“:

Die Kommission fordert den Rat auf, eine Reihe von Zielsetzungen und Arbeitsmethoden zur Gewährleistung zukunftssicherer Renten in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union zu genehmigen. In diesem Strategiepapier schlägt sie vor, die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten im Bereich der Rentensysteme angesichts der demografischen Alterung der Bevölkerung zu regeln und zu verstärken.

Da es bei der Gleichschaltung vermutlich nicht darum geht, den rumänischen und spanischen Rentnern die Bescheide in mehreren Sprachen zukommen zu lassen, darf man sich die Frage stellen, was mit einer Zusammenarbeit im Bereich der Rentensysteme wohl gemeint sein könnte.

Ein geradezu verschwörerischer Gedanke wäre es, diese Initiativen mit Begriffen wie Geld oder gar Transferzahlungen in Verbindung zu bringen. Wie genau die deutsche Rentenkasse zukunftssicherer werden soll, wenn sie netto mehr auszahlt als jetzt, bleibt nebulös entspricht aber dem wirtschaftlichen Verhalten der Politik. Man freut sich übers Geben und vergisst, dass man das Verteilte ja vorher jemandem weggenommen hat. Letzeres ist übrigens immer in Ordnung, was einigermaßen überraschend ist. Interessant ist wie allen Aufrufen, man solle die EU nicht auf das Wirtschaftliche reduzieren, zum Trotz stets nur nach mehr Geld und mehr Umverteilung gerufen wird.


Nach den französischen Forderungen nach einer europäischen Arbeitslosenversicherung und einer Stärkung – vulgo Vergrößerung – des gemeinsamen Haushaltes kann es nicht mehr lange dauern, bis auch aus Berlin wieder der Ruf nach „mehr Solidarität“ erschallt.

Dieser Begriff ist mittlerweile derart uminterpretiert wurden, dass es schmerzt. Man könnte dem dauernden Jammern und Forden von noch mehr Geld übrigens relativ einfach Einhalt gebieten, wenn es wirklich um Solidarität ginge.

Ein Vorschlag zur Vergabe oder zum Transfer von Geldern dürfte einfach nur von jemandem verabschiedet werden, der diese Maßnahme netto bezahlt. Zumindest würde es in Brüssel nach einem solchen Beschluss wohl deutlich ruhiger werden, und man könnte einige Schreibstuben schließen. Aber vermutlich würde dann die südeuropäische Kavallerie schon morgen vor den Toren Oslos und Berns stehen, man muss halt höllisch aufpassen. Ansonsten gilt für die Mitglieder der EU das gleiche wie für die abendliche Pokerrunde. Wenn man nach einer gewissen Weile nicht weiß, wer der Loser ist, dann ist man es selbst.



 

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2 Kommentare auf "Einer ist immer der Loser"

  1. FDominicus sagt:

    Mehrmals „autsch“.

    „Letzeres ist übrigens immer in Ordnung, was einigermaßen überraschend ist. Interessant ist wie allen Aufrufen, man solle die EU nicht auf das Wirtschaftliche reduzieren, zum Trotz stets nur nach mehr Geld und mehr Umverteilung gerufen wird.“

    Manchmal mag ich Understatements

    „Dieser Begriff ist mittlerweile derart uminterpretiert wurden, dass es schmerzt“

    Da kann ich ganz klar helfen Solidarität = mehr staatliche Umverteilung. Man muß „nur“ die heutige Bedeutung einfach „hinschreiben“.

    Das ist genauso mit dem „Sparen“. Nämlich: Sparen für den Staat -> wir greifen den Untertanen (ehemaligen Bürgern)tiefer in die Tasche. Sparen in bedeutet mehr Steuern.

    Wenn man verstanden hat, es geht nur um eines. Mehr Macht für die Politiker dann kann man jede Interpretation „verstehen“ – nur etwas dagegen machen kann man nicht….

  2. Michael sagt:

    Der Bruttogehalt ist eine Propagandalüge der Sozialisten. Die Bezeichnung Arbeitgeberanteil an den Abgaben ist im zweiten Schritt die Krönung an Unverfrorenheit im Rahmen der Blendung.

    Es gibt zwischen Netto und Arbeitskosten nichts, aber weit unter dem Netto die verbleibende Kaufkraft. So mancher denkt, Zigaretten mit 3stelligen Steuern/Abgaben % belastet – das sei wohl ok. Aber sehr ähnlich nimmt es sich mit der Arbeit aus, wenn man allein die richtige Basis ansetzt. So manche Arbeit ist ungesund, das ist unbestritten. Aber im Gegensatz zu Abgaben auf Zigaretten wirkt die Steuer im Sinne der Idee hinter der Steuer – hohe Steuer lass die Finger davon oder schränke dich ein.

    Kann man pragmatisch auch sehen. Wenn man vorher verhungert, kann einem auch jener Fehlbetrag egal sein der in der Pension nicht ausgezahlt wird.

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