Eine kleine Geschichte über Rentner

1. März 2009 | Kategorie: Kommentare

Diesmal geht es nicht um den DAX und sein Wohlbefinden oder seinen Puls, falls der gerade noch messbar ist. Es ist Wochenende. Die Leute gehen einkaufen und stehen in Schlagen. Und dann sind sie da, diese Störenfriede… diese Rentner…

„Hätten die das nicht in der Woche erledigen können?“ raunte eine Frau in meinem Alter hinter mir an der Kasse. Die alten Leute wackeln zum Supermarkt. Sie verstopfen die Straßen und Gänge. Wahrscheinlich benötigen sie auch etwas zum Essen oder eine Rolle Klopapier. An den Kassen suchen sie nach Kleingeld und haben vielleicht ihre Brille vergessen. Vielleicht kramen sie in ihren Geldbörsen nach diesen kleinen Geldstücken, um es der Verkäuferin leichter zu machen. Dabei halten sie das ganze Geschäft auf. Mir ist das heute passiert. Hinter mir verdrehten ein paar junge Leute die Augen. Sie hatten es offenbar eilig. Warum auch immer…

Zeige mir, wie man mit den Alten umgeht, und ich sage Dir, in welcher Gesellschaft Du lebst und was sie später mit Dir macht… Das sagte früher mal mein Opa zu mir. Er hatte einen guten Riecher für Veränderungen. Und er konnte auf ein arbeitsreiches Leben zurückblicken, in dem wenig Milch und Honig flossen. Die heutigen Generationen verdienen meist nicht mehr ihr Geld mit dem Produzieren von Waren. Würde mein Opa noch leben, würde er mich fragen, wie das alles funktionieren kann. Ich würde ihm sagen, dass sich viele kluge Leute um das Thema kümmern. Ihre Ideen verschwinden so schnell wie sie selbst von der Bildfläche….

Der alte Herr am Pfandautomaten heute bei der REWE hätte auch mein Opa sein können. Er störte mit seiner Langsamkeit, denn er legte die Flaschen verkehrt herum in den Automaten. Die hinter ihm Wartenden fragten sich vielleicht, warum er noch nicht im Altersheim residiert – natürlich nur gedanklich.

Die alte Generation, die die Grundlage für Reichtum von uns allen geschaffen hat, steht in der Ecke, in einer Zeit, in der man modern zu sein hat, geistig hellwach und vielleicht auch gut gepflegt. Wer nicht funktioniert, wird aussortiert, abgeschoben aus den Familien in Heime, zum Sterben hygienisch verwahrt in Krankenhäusern und von Versicherungen als Kostenfaktor klassifiziert. Noch schubst man sie an der Straßenbahnhaltestelle nicht weg, aber wenn es so weitergeht, passiert das auch noch.

In Pflegeheimen ist von Notstand die Rede. Menschen vertrocknen im Sommer, weil sie nicht genügend Flüssigkeit bekommen. Sie bekommen Prügel vom überforderten Pflegepersonal, steht in der Zeitung. Überwachungskameras liefern Material, was in TV-Sendungen zur besten Sendezeit ausgestrahlt wird. Die Rente reicht für viele oft vorn und hinten nicht, denn die Renten haben mit der Preissteigerung der letzten Jahre nicht Schritt halten können. Schauen Sie sich mal bei den Einzelhändlern um. Dort verräumen immer mehr ältere Leute Ware, weil sie auf die paar Euros angewiesen sind. Es scheint ein sich verstärkender Trend zu sein.

Wer älter ist, braucht mehr Medizin. Diese Binsenweisheit versteht sogar ein Schüler der Grundschule. Doch es scheint ebenfalls System zu sein, ältere Leute genau von diesen Leistungen auszugrenzen wohl in der Hoffnung, der „Kostenfaktor“ dividiert sich durch Null. Meine Nachbarin wartete beispielsweise auf eine dringende Operation am Auge. Einen Termin beim Arzt bekam sie nach fünf Monaten des Wartens. In der Zwischenzeit tappte sie durch die Gegend, nicht wissend, ob sie Kartoffeln schält oder Möhren. Ihrer Schulfreundin geht es nicht anders. Dann sitzen sie zusammen und fragen sich, warum das so ist. In einer Zeit der Unanständigkeit haben sie Anstand lange geübt. Sonst würden sie Steine werfen. Und man würde es sogar verstehen…

„Das Alter ist Last genug – und ich habe gelernt, damit umzugehen. Es wäre nicht die erste Schwierigkeit in meinem Leben“, erzählt sie mir. „Und ihr jungen Menschen, die ihr es da besser habt, kommt erst mal in unser Alter…“

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