Eine Welt im Weichspüler

23. Dezember 2013 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

Anlässlich des 95. Geburtstags von Altkanzler Helmut Schmidt an diesem 23. Dezember gab und gibt es auf von der großen Masse der Menschen sorgsam gemiedenen Fernsehkanälen faszinierende Reportagen über dessen Leben und seine Zeit, dieses fast komplette Jahrhundert, seit dem Ende des Ersten Weltkriegs bis heute…

Obwohl ich immerhin fast die Hälfte dieser Zeit selbst mitbekommen habe, habe ich die Nacht zum Sonntag einigen dieser Dokumentationen geopfert, weil mich diese wirklich bewegte Zeit immer wieder fasziniert und interessiert, in welcher ich meine Kindheit verbracht habe.

Dadurch wird mir immer wieder deutlich, dass wir heutzutage in einer „weichgespülten“ Welt leben. Und gerade weil die immer größer werdende Mehrheit der Menschen sich dessen entweder nicht bewusst ist oder es ihr sogar völlig gleichgültig ist, ist es in meinen Augen wichtig, Kolumnen wie diese dazu zu nutzen, zumindest dazu anzuregen, mit einem etwas wacheren Blick durchs Leben zu gehen. Immerhin ist jetzt Weihnachten und womöglich eine Gelegenheit, sich selbst einmal im Spiegel zu betrachten und/oder einen Blick über den niedrigen Tellerrand eigener Wünsche und Befindlichkeiten hinaus zu werfen.

In meine Schulzeit fiel die erste ebenso wie die zweite Energiekrise, der Terrorismus der RAF, der NATO-Doppel-Beschluss oder die so genannte „Wende“ in der Politik im Herbst 1982. Ist die Welt in unserer unmittelbaren Umgebung auf einmal so geordnet, ruhig und friedlich geworden, dass es keinen Grund mehr gibt für Demonstrationen mit Hunderttausenden von Menschen, für heiße politische und philosophische Diskussionen, für persönliches Engagement und für den intensiven Wunsch, die Wahrheit hinter dem Vorhang zu entdecken? Was ist in den letzten circa 30 Jahren passiert? Warum werden immer mehr Menschen zu Passiva in der Bilanz unseres Landes?

Womöglich ist es tatsächlich vor allem der unheilige Einfluss, den Altkanzler Schmidt bereits vor 30 Jahren voraussah, nämlich den der wie ein Geschwür wuchernden Medienlandschaft, die nicht nur die letzten Winkel unseres Seins erfasst, sondern diese eben auch ganz entscheidend beeinflusst. Früher glaubte man, was in der Zeitung stand. Als die Menschen nach entsprechend fatalen Erfahrungen feststellten, dass Gedrucktes sehr leicht manipulierbar ist, glaubt man nun den bewegten Bildern. Denn die müssen ja die Wahrheit zeigen. Dass dies alles andere als wahr ist, dass halbe Wahrheiten ganze Lügen sein können, ist manch einem vielleicht im Hinterkopf bewusst, aber den meisten ist es einfach egal. So lange zumindest, wie der eigene Dunstkreis und damit vor allem der eigene Geldbeutel, die Bewegungsfreiheit und die als wichtig erachteten Freiheiten nicht beeinträchtigt werden. Und genau da verbirgt sich die Tücke:

Ob es nun die Politik oder die Finanzwirtschaft ist, man weiß um diese Problematik und sorgt dafür, dass egal welche Entwicklungen so gut wie möglich von den Bürgern ferngehalten werden. Man stülpt letzten Endes eine Käseglocke über jeden einzelnen, die dieses künstlich erzeugte Gefühl eines „Alles ist gut und wird noch viel besser“ konserviert. Veränderungen werden so unauffällig und im kleinsten Dosen unter der Glocke durchgeschoben, dass Max Mustermann sie nicht bemerken soll. Und das klappt in der Regel.

Wenn man sich Dokumentationen über die vergangenen Jahrzehnte ansieht, stellt man fest, dass diese Entwicklung, die sehr an die Biedermeier-Zeit erinnert, insbesondere seit Mitte der Neunzigerjahre an Fahrt gewonnen hat. Und der in rasendem Tempo voranschreitende Siegeszug sogenannter und angeblicher „sozialer“ Netzwerke, die letzten Endes insbesondere bei jüngeren Menschen zu einem rapiden Abbau aktiver, persönlicher Kommunikationsfähigkeit führen, ist der Garant dafür, dass diese Entwicklung fortgeführt wird. Das Problem dabei:

Auf diese Weise können wenige nahezu alles bewegen. Und selbst wenn man, was der große Vorteil dieser medialen Überschwemmung ist, sich über solche Entwicklungen jederzeit umfassend informieren könnte, so nimmt doch die Zahl derer zu, denen diese Veränderungen piepegal sind, solange sie selbst nicht betroffen sind.

Wenngleich gerade eine philosophische Herangehensweise an die Börse angesichts dieser Entwicklung völlig unpassend scheint, stelle ich mir persönlich doch immer wieder die Frage, welche Konsequenzen das in den kommenden Jahren für die Märkte haben wird. Denn auch dort erleben wir ja genau diesen Prozess auch. Es interessiert nahezu niemanden, dass die Schuldenkrise und die Eurokrise nie gelöst wurden. Die Subprime-Krise übrigens auch nicht. Es wurde nur dafür gesorgt, dass deren Symptome zugekleistert und damit unsichtbar für alle werden, die kein Interesse daran haben, hinter den Vorhang zu blicken. Die eigentlichen Ursachen dieser Krisen wurden nie angegangen – und man darf davon ausgehen, dass das auch nicht passieren wird. Wie weit lässt sich diese Welt im Weichspüler noch weiter treiben? (Seite 2)

 

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4 Kommentare auf "Eine Welt im Weichspüler"

  1. Herzog.Waydelich sagt:

    Hallo Herr Gehrt,

    blieben Sie kritisch – sonst gibt es ja bald keinen Mahner mehr…
    Sie als auch Keynes wissen: Die Märkte können länger irrational bleiben, als du solvent.

    Frohe Weihnachten wünnscht

    Herzog Waydelich

  2. Skyjumper sagt:

    Tja, ich werde vermutlich nicht mehr reicher werden. Jedenfalls nicht reicher als ich es durch mein Arbeiten bzw. Sparen erreiche, denn ich mache an der Börse nichts mehr.
    Tragisch? Ich werde vermutlich auch nicht mehr ärmer werden. Jedenfalls nicht ärmer als ich es durch Konsum erreiche, denn ich mache an der Börse nichts mehr.

    Und was die weichgespülte Mehrheit der Bevölkerung, insbesondere in DE, anbelangt, muss ich mittlerweile sagen das es mir egal ist. Allen Warnungen zum Trotz regt sich ausser selbstgefälliger Zustimmung der Massen zum politischen Irrweg herzlich wenig. Und Desinteresse und Gleichgültigkeit wird irgendwann bestraft. Nicht heut, nicht morgen, vielleicht auch nicht in 2 oder in 4 Jahren. Aber irgendwann passiert es, und die Chancen darauf steigen von Tag zu Tag.

    Wach zu sein und zu bleiben ist keine Garantie unbeschadet zu bleiben, aber es sichert einen Startvorteil. Und irgendwie wird es immer weiter gehen.

  3. bluestar sagt:

    Sehr geehrter Herr Gehrt,
    herzlichen Dank für diesen tollen und nachdenklichen Artikel.
    „Auf diese Weise können wenige alles bewegen“
    Genau das ist das Ziel der jahrelangen Manipulation und Verdummung der Menschen,
    die wie geistig und emotional betäubt die Veränderungen überhaupt nicht registrieren.
    Die Fähigkeit selbständig und vor allem in Zusammenhängen zu Denken hat soweit abgenommen, dass es schon von den Betroffenen nicht mehr bemerkt wird. Übrigens auch unter sehr vielen Akademikern, wie ich selbst erfahren durfte.
    Die bewusste Fütterung der Massen mit geistigem Müll hat die Wirkung nicht verfehlt.
    An den Schulen wird nicht Neugier, kritisches und logisches Denken gelehrt. Und so wächst der Hunger auf geistleerer Nahrung wie auf nährstoffleere Kalorien.
    Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit haben in den letzten Jahren zugenommen wie das Bauchfett der Bevölkerung. Satire und Komik wurden ersetzt durch geistlose Blödelei und Klamauk. Es leben die Spaßgesellschaft, Spielkonsolen, Facebook und
    leistungsfreies Einkommen. Bildung von Geist und Herz ist out.
    So lässt es sich doch prima herrschen finde ich.
    Ihre Prognose klingt irgendwie negativ, meine ist es übrigens auch. Als verlässlicher Indikator dienen da Einschaltquoten von Sendungen im TV. Da weiß man was das Volk interessiert und deshalb kommen Sendungen zum Nachdenken in der Regel Nachts.
    Leute wie Sie lieber Herr Gehrt sind in der drastischen Minderheit. Sie haben eine eigene Meinung unabhängig vom Mainstream, können fundiert und in Zusammenhängen argumentieren, wirken offen,ehrlich und glaubwürdig.
    Also ich zumindest wünsche mir noch sehr viele Beiträge von Ihnen.

    • wolfswurt sagt:

      Zur abnehmenden Fähigkeit des denkens ein kleines Erlebnis:
      Ein IT-Programmierer angesprochen auf einen Stromausfall der auch sein Handy und Lapptop lahmlegen würde erfolgte als Antwort: Wieso die haben ja Akkus.
      Einwand: Diese müßten doch aber geladen werden – dämmerte es ihm.

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