Eine Welt der zwei Realitäten

4. November 2013 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

Es war einmal … eine Zeit, in der es relativ einfach war, Menschen die Börse zu erklären. Mit der Formulierung „die Börse ist der Spiegel der wirtschaftlichen Entwicklung“ war der Kern der Problematik erfasst…

Heute leben wir in einer anderen Welt, obgleich das die überwiegende Mehrheit der Menschen gar nicht bemerkt…

Heute sind wirtschaftliche Entwicklung und die Börsen zwei völlig verschiedene Dinge. Das macht es rational denkenden Menschen immer schwerer, die Kursbewegungen insbesondere der Aktienmärkte zu verstehen und somit zu akzeptieren. Für diejenigen, die mit Denken nicht viel am Hut haben, hat sich indes nicht das Geringste verändert.

Daytrader, die einfach nur kurzfristigen Signalen der Charts folgen und erst recht computergesteuerten Handelsprogrammen ist es seit eh und je völlig egal, warum die Kurse steigen oder fallen. Diese Gruppe gewinnt daher zunehmend an Bedeutung, denn dort geht man beispielsweise nicht mit dem miesen Gefühl in eine Long-Position hinein, das einem die Kurse in der heutigen Gemengelage jederzeit ohne Vorwarnung um die Ohren fliegen könnten.

Schuld an dieser seltsamen, für denkende Menschen bedrückenden Entwicklung sind diejenigen Zauberlehrlinge, die glaubten, den Zyklus von Wachstum und Kontraktion, von Boom und Rezession, zu Gunsten ewigen Wachstums aushebeln zu können, indem sie drohende Schrumpfungsphasen der Konjunktur präventiv mit einer Senkung der Zinsen bekämpften. Da man dabei erstaunlicherweise nicht erkannte, was jeder einigermaßen intelligente Mensch auf der Straße sofort als entscheidenden Haken identifiziert hätte, nämlich, dass ein notwendiger Prozess gesunder Schrumpfung dadurch immer nur aufgeschoben, nicht aber aufgehoben würde, landeten wir folgerichtig dort, wo wir nun stehen.

Die Zinsen sind für die Finanzindustrie letztlich bei Null, was aber den Unternehmen und den Bürgern nur teilweise zugute kommt. Die Gewinnspannen der Kreditinstitute sind hoch und werden nur durch die wohl nie mehr endgültig zu bereinigenden Folgen verantwortungsloser Spekulation auf dem Rücken vermeintlicher Systemrelevanz und endlosen „Gratisgeldes“ gemindert. Wir leben damit jetzt in einer Zeit, in der vernünftige Sparer durch nahezu nicht mehr vorhandene Zinsen bestraft werden, während diejenigen, die auf Pump leben und in den Genuss nahezu zinsfreien Notenbank-Kredite kommen, durch diese Situation auch noch bestärkt werden.

Gleichzeitig stagniert jedoch das Wachstum, weil das dafür vorhandene, natürliche Potenzial erschöpft ist. Einfach, weil über die vergangenen 20-25 Jahre – seit Beginn dieser Versuche, gesunde Schrumpfungsprozesse zu blockieren – ein Maß an Wohlstand entstanden ist, das jetzt nur noch in der Horizontalen verschoben wird, indem die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Das Wachstum stagniert zudem, weil das billige Geld nicht beim Konsum ankommt, sprich weil es nicht bis zu den normalen Bürgern vordringt. Und es stagniert zuletzt auch, weil diejenigen Politiker, die sich dieser fatalen Situation überhaupt bewusst sind, entweder nicht imstande oder nicht bereit sind, die zu Grunde liegenden Probleme anzugehen und sich darauf verlassen, dass die Notenbanken mit ihren niedrigen Zinsen schon dafür sorgen werden, dass der momentane, extrem fragile Schwebezustand erhalten bleibt.

Der mag zwar für die USA und Europa mehr einer Totenstarre gleichen, aber man verlässt sich zudem darauf, dass die boomenden Schwellenländer noch genug Dynamik mitbringen, um Amerika und die Eurozone über einen Tropf am Leben zu erhalten. Das muss reichen, solange die andere Hälfte unserer Realität weiter prosperiert, nämlich die Finanzmärkte… (Seite 2)

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , ,

Ein Kommentar auf "Eine Welt der zwei Realitäten"

  1. Michael sagt:

    Jetzt laufen Gerüchte um die Swapvereinbarungen um. Übertönt werden die bilateralen Swaps von Gesäuse, dass die FED letztendlich jeder anderen Zentralbank unbegrenzt Kredit gibt, angeblich, über welchen Mechanismus auch immer.

    Schauen wir mal was rauskommt… vermutlich ein nasser Pudel.

    Börsenindizies sind noch immer das Fieberthermometer der Wirtschaft. Je höher sie steigen desto heftiger kämpft der Wirt. Wenn der Parasit gewinnt, dann fallen sie wieder. Es ist umgekehrt, je höher der Preis der Aktien desto schlechter die Aussichten für die Menschen. Das Bild hat sich wahrlich gewandelt.

    Für Aktien spricht wirklich nur ein marginaler ‚Realwert’Anteil. Aus der Wertesicht sind Aktien besser als Papier, aber der Kurs ist der Preis. Jeder kann sich ein Fahrrad um 7000 EUR kaufen, wenn er mit einem um 500 EUR auch fahren kann. Jeder wie er will. Hoffentlich kauft ihm noch jemand das Rad um 8000 EUR ab wenn alle am Ziel angelangt sind.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.