Eine Lektion über Spieltheorie

12. Februar 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Mit hektischer Pendeldiplomatie versuchten Angela Merkel und ihr französischer Kollege Francois Hollande letzte Woche Bewegung in die festgesteckten Friedensbemühungen im Ukrainekonflikt zu bringen. Nach einem Kurzbesuch in Kiew flog das europäische Diplomaten-Duo unmittelbar in die Höhle des Löwen, zu Präsident Putin nach Moskau.

Im Wesentlichen geht es darum, den Waffenstillstand zwischen den Separatisten und der ukrainischen Armee, der letzten September in Minsk ausgehandelt wurde, mit neuem Leben zu erfüllen. Als Merkel in der Nacht zum Samstag dann nach München auf die dortige Sicherheitskonferenz flog, hatte sie jedoch wenig Konkretes im Gepäck. Lediglich die generelle Bereitschaft der Beteiligten, bei einem neuerlichen Friedensgipfel in Minsk zusammenkommen zu wollen, war klar. Entsprechend vorsichtig daher auch die Äußerungen Merkels bei ihrem Auftritt im Bayerischen Hof.

Weniger zurückhaltend zeigte sich dagegen die amerikanische Delegation: Nach Informationen der Bild-Zeitung soll sich unter anderem die für Europa zuständige US-Chefdiplomatin Victoria Nuland (bekannt geworden durch ihre Äußerung „Fuck the EU“) auch ein US-Senator hinter verschlossenen Türen mehr als despektierlich über die Bemühungen der Kanzlerin geäußert haben. Von „Merkels Moskau-Zeug“ und „Moskau-Bullshit“ ist die Rede.

Laut Bild sollen diese „vertraulichen“ Gespräche am Freitagabend im sechsten Stock des Luxushotels stattgefunden haben. Die Tatsache, dass der Inhalt des Geheimtreffens nun an solch prominenter Stelle publik wurde, kann eigentlich kein Zufall sein. Vielmehr könnte es sich um eine ganz gezielte Indiskretion handeln, um den heutigen Gipfel schon von vornhinein zu diskreditieren. Denn dass es von amerikanischer Seite eine deutliche Präferenz zur Aufrüstung der ukrainischen Armee gibt, wurde in München nicht nur in Geheimtreffen bekannt. So betonten unter anderem der US-Senator John McCain und der vier Sterne General Breedlove die in ihren Augen gegebene Notwendigkeit einer Ausstattung der ukrainischen Armee mit modernen „Defensivwaffen“.

Für Putin muss sich nun auf seinem heutigen Flug nach Minsk die Frage stellen, ob er hier überhaupt mit einer Angela Merkel verhandelt, die über die Rückendeckung der USA verfügt. Lässt er nun heute die Chance zum Frieden ungenutzt, erreichen Nuland & Co also genau was sie bezwecken wollten: Die Rechtfertigung für eine weitere Eskalation der Situation. Durchschaut Putin dieses Spiel, ist jedoch durchaus auch vorstellbar, dass er Merkel und Hollande heute „umarmt“. Alleine aus spieltheoretischen Überlegungen heraus könnte er sich dann deutlich kompromissbereiter zeigen als noch letzte Woche. Im Falle einer weiteren Eskalation läge der schwarze Peter dann nämlich bei Poroschenko und seinem großen Verbündeten, den USA. Auch im nächsten Smart Investor 3/2015 werden wir noch einmal ausführlicher über unsere Eindrücke von der Münchener Sicherheitskonferenz berichten.

Tsipras‘ Spiel ohne Risiko

Auch beim zweiten großen Pokerspiel, das derzeit in Europa stattfindet, ist der Einsatz alles andere als gering. In diesem Falle sogar in konkreten Euro zu benennen: Um 320 Mrd. EUR, vielleicht sogar deutlich mehr, wird in den Verhandlungen mit der neuen griechischen Regierung rund um Alexis Tsipras „gespielt“.

In seiner Regierungserklärung am Sonntag hatte dieser zunächst erklärt, er wolle seine Wahlversprechen vollumfänglich umsetzen. Um dies zu erreichen, will er zunächst mit seinen europäischen „Partnern“ ein „Überbrückungsprogramm“ verhandeln.

Nach Tsipras Vorstellungen hätte er dann bis Juni Zeit eine neue Schuldenregelung zu finden. Endgültig beendet soll nach dem Willen des neuen Regierungschefs auch die Gängelung der Griechen durch die sogenannte Troika aus EU, EZB und IWF sein. Von europäischer Seite wurde der Ton in den Verhandlungen ebenfalls verschärft.

Seit letzter Woche akzeptiert die EZB keine griechischen Staatspapiere mehr als Sicherheit – natürlich in dem Wissen in Folge dessen die griechischen Banken im Alleingang finanzieren zu müssen. Nach allem was offiziell bekannt ist gibt es in Summe noch keinerlei Annäherung zwischen den Parteien. Die klassische Situation eines Pokerspieles also, bei dem jeder versucht bis zu Letzt die bessere Hand zu suggerieren. Eine Besonderheit gibt es in diesem Spiel jedoch… (Seite 2)


 

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Ein Kommentar auf "Eine Lektion über Spieltheorie"

  1. Toter Esel sagt:

    Natürlich kann GR seine Schulden nicht zurückzahlen. Das trifft aber auch auf die BRD und die USA zu. Letztere leihen sich ihr Geld selber (FED und Schatzamt, Repos). Das Interessante an GR ist, dass da jetzt jemand ausschert aus dem Wahnsinn. Und Tsipras sagt offen, wer da wen gerettet hat, und dass er die Konsequenzen der gescheiterten Austeritätspolitik seinem Volk nicht länger zumuten wird. Ebenso haben nicht wir Irland „gerettet“, sondern der irische Steuerzahler seine Banken und damit das ganze eur. Bankensystem, das bei Anglo-Irish u.a. Milliarden im Feuer hatte.
    Man (=EU) wird GR niemals aus der Eurozone entlassen, es ist eine Ehe, die nur durch den Tod geschieden wird. Selbst wenn die gr. Staatsschulden sozialisiert wurden und die „privaten“ Gläubiger nicht mehr haften, dann werden die Derivate auf den und gegen den Euro die Kasinoblase in die Luft jagen.
    Die Geschäfte CHF/EUR hat man nach der überraschenden SNB-Entscheidung im Januar einfach annuliert (so wird man es auch bei Goldshorts machen), aber die Währungsderivate werden erst platzen, wenn sie platzen dürfen und sollen. Würde der Euro jetzt schlagartig auf 0,90US$ fallen, haben wir den oft zitierten Dominoeffekt bei den „Geschäftsbanken“.

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