Eine komische Krise…

6. Mai 2009 | Kategorie: Kommentare

Ich schaue aus dem Fenster – alles läuft in geregelten Bahnen. Kein Hungernder auf den Straßen, keine Transparente, keiner der in Frankfurt Autos anzündet. Naja, die zweite mir am Wochenende verpasste Schramme am Auto scheint eher eine nicht systemrelevante Zufälligkeit gewesen zu sein, auch wenn Gesine Schwan bald Unruhen der Bürger erwartet. Doch die Leute sitzen derzeit in den Cafés und blinzeln in die Sonne. Welche Krise meinen diese Schwarzmaler eigentlich, fragte mich ein Freund beim Essen?

Nicht doch! Die Leute wissen doch gar nichts von den Dingen, die im Finanzmarkt passieren. Die Frau da in unserem Haus, die mich am Briefkasten nie grüßt, hat das alles nicht mitbekommen. Wie auch, beschäftigt sie sich doch hauptsächlich mit der Aufnahme von Nahrung und Atemluft, wirft Müll neben die Tonne und schreit gerne mal ihr Kind an, ein Phänomen, das zur Alltagskultur dieser Dame gehört.

Es geht bald wieder aufwärts, verspricht die Bundesregierung in ihrer Konjunkturprognose nachkommastellengenau für 2010. Halleluja! Die Hauptsache ist, dass das Vertrauen zurückkehrt. Das mit dem Vertrauen ist so eine Sache. Gehen Sie mal zur Bank und fragen nach einem Kredit. Auf Sicherheiten angesprochen, legen Sie dem Berater nahe, Ihnen zu vertrauen, so wie Sie dem Berater und der Bank vertrauen.

Sollte die „Krise“ schon vorbei sein? Es sind ver-rückte Dinge, die uns umgeben. Sie sind ver-rückt, stehen nicht mehr am eigentlich richtigen Platz. Um sie wieder ins Lot zu bringen, reichen zwei Jahre nicht aus. Diese Krise macht die immer mehr Leute verrückt, und sie tun Dinge, die sie sonst nicht tun würden. Sie kaufen Gold. Ihr Bauchgefühl sagt ihnen, dass sie sich auf Schwierigkeiten einrichten sollten. Nicht umsonst sind die Goldhändler belagert. Man vermutet, dass die Leute mit dem großen Geld es ähnlich tun. Das hört man zumindest in Frankfurt an der Börse hinter vorgehaltener Hand.

Gefahrenstelle: Supermarkt

Mir fiel im Supermarkt der „Finanztest“ in die Hand. Auf der Vorderseite war ein großer Goldbarren abgebildet, dessen Echtheit in Frage gezogen werden könnte. Doch wenn „Finanztest“ das Thema auf die Titelseite schreibt, muss es sich wohl um ein Boom handeln. Das Heft ist ja unter Fachleuten als guter Kontraindikator bekannt.

Eigentlich war ich auf der Suche nach einer Flasche Milch, doch ich habe mich unter den bösen Blicken des Verkaufspersonals an diesem Heft festgebissen. Kaufen wollte ich es nicht. Erst mal lesen…

Gold ist hochspekulativ, stand da. Man kann Verluste erleiden. Ich rannte zurück zum Milchregal, denn ich befürchtete, die im Wagen liegende Flasche wäre jetzt sauer geworden. Aktien sind bekanntlich nicht so spekulativ wie das Gold, erinnerte ich mich. Doch der Hammer steht nur in der Druckausgabe: Weil Gold damals 1933 in den USA verboten war, sollte man es nicht kaufen. Wer es aber hatte, hatte über Nacht sozusagen 60% mehr Dollar für eine Unze. Und wenn die EZB den Euro nicht halten kann, so orakelt die zeitschrift, könnte Gold auch in Europa verboten werden. Also zurück zum Milchregal, die Flasche vorsichtshalber nochmal austauschen. Gegenüber dem Verkaufspersonal (dort gibt es noch welches) wurde ich jetzt verdächtig.

Einen Moment noch…! Eine Seite weiter steht, welche Zertifikate man kaufen könnte. Die verursachen keine „so hohen“ Lagerkosten“ wie das Aufbewahren von Goldmünzen. Am besten die von Lehman, dachte ich. Naja. Und dann der Standardsatz, dass Gold keine Zinsen bringt und das hier auf der Internetseite:

Gold war noch nie so wertvoll wie in der Finanzkrise. Mit über 1.000 Dollar für die Feinunze hat die Goldnotierung im Herbst 2008 einen neuen Rekord erzielt. Der Einstieg auf dem derzeit hohen Kursniveau ist riskant. Gold kaufen ist spekulativ. (Quelle: Finanztest)

Nebenbei erwähnt stand Gold nicht im Herbst 2008 bei über 1000 USD, sondern im Frühjahr und hat im Herbst keinen neuen Rekord erreicht. Zahlenmäßig stand Gold damals vor einem Jahr bei 1035 USD/Unze.

Der Einstieg ist riskant. Klar, man könnte beim Verlassen des Goldhändlers eins über die Rübe gezogen bekommen bzw. auf dem Weg nach Hause in einen Kabelschacht fallen. Oder meinten die Kollegen dort, dass vor allem das, was Währungshüter im Schlepptau der Regierungen anstellen wäre riskant. Nein, das stand da nicht, hätte aber vielleicht dorthin gehört. Ach ja. „derzeit hoch“ – ich weiß nicht, was es bedeutet, doch ich vermute mal, es war mein Puls. Letzte Frage: Ist der Barren vom Titelblatt hier echt?

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