Der Hauptsatz der Ent-ologie

21. Januar 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Eine kleine Einführung in eine unterschätzte „Wissenschaft“… Nun ist es also der Ölpreis, der zur Erklärung des Ausverkaufs an den Weltbörsen herhalten muss. Das schwarze Gold hatte in den letzten Tagen auch noch die Marke von 30 USD je Barrel nach unten gerissen. Noch immer schwemmt das viel zu große Angebot ungezügelt auf die Weltmärkte.

Klar, eine Begründung braucht es immer, auch wenn diese Bewegung eigentlich genau jene Ängste konterkarieren dürfte, die zu Beginn des Jahres die Runde gemacht haben. Denn es war die immer deutlichere Verlangsamung des chinesischen Wachstums, das die Marktteilnehmer in den ersten Januartagen beunruhigte.

Nun ist es eben die Angst vor der Kettenreaktion niedriger Ölpreise in einigen Emerging Markets, dem Kollaps der US-Fracking-Industrie und damit einhergehend einer deutlichen Verlangsamung des weltweiten Wachstums. Zwar war die Heftigkeit des Kursturzes an den Börsen kaum vorherzusehen, als wir Mitte Dezember unseren Kapitalmarktausblick für das kommende Jahr verfasst haben, die Warnzeichen konnten wir jedoch bereits damals beobachten. So beleuchteten wir unter anderem das nach wie vor deutlich ausgeprägte Sentiment (Gier) der verschiedenen Publikationen und Börsen-Experten. Daneben sahen wir bereits Warnzeichen in den Charts diverser Aktien, darunter Goldman Sachs, 3M und Apple. Auch die breiten Marktindizes sendeten bereits im Dezember erste Anzeichen einer Umkehrformation, so z.B. der S&P 500. Lesen Sie bitte dazu im Heft 1/2016 die Seiten 11-15. Eine Situation, die mittlerweile noch einmal deutlich an Dramatik gewonnen hat.

Kleine „Entologie“

Befanden sich kurz vor Weihnachten noch deutlich weniger als die Hälfte der Aktien in einer kritischen charttechnischen Situation, dürften es aktuell bereits deutlich mehr als 70% sein. Es darf also kaum noch Zweifel geben, dass wir uns in einer Baisse befinden. Allerdings ist deren Verlauf nach wie vor nicht seriös prognostizierbar, genau wie der mögliche Beginn einer ersten technischen Gegenreaktion.

Diese könnte z.B. im DAX durchaus zu einem temporären Anstieg um 500 oder gar 1.000 Punkte führen. Unabhängig davon gibt es jedoch tatsächlich immer häufiger Anzeichen für eine wirtschaftliche Kehrtwende nach unten.

Hier kommen dann auch wieder der schwache Ölpreis und die generell unter Druck stehenden Rohstoffpreise ins Spiel, die nicht nur ein Überangebot, sondern eben vielleicht auch einen Rückgang der Nachfrage anzeigen. Gleichzeitig überrauschen immer mehr Unternehmen mit dramatischen Gewinnwarnungen, häufig tatsächlich mit einem gewissen China-Bezug (Hugo Boss, Manz).

Mögliche geopolitische Schocks, die aus diversen Richtungen drohen könnten, sind ebenfalls nicht völlig ausgeschlossen. Sei es eine Verschärfung des Syrien-Konfliktes, eine nicht mehr auszuschließende Grenzschließung als Folge der Flüchtlingskrise oder ein erneutes Aufflammen des Ukraine-Konflikts. Am Ende lässt sich die Gemengelage wohl am besten mit dem Hauptsatz der „kleinen Ent-ologie“ beschreiben: „Wenn man einen Vogel sieht, der wie eine Ente watschelt, wie eine Ente schwimmt und wie eine Ente quakt, dann sollte man keinesfalls ausschließen, dass es sich am Ende um eine Ente handelt.“ Und übertragen auf unsere Situation: Wenn sich Hinweise und Anzeichen auf eine Baisse wie zu einem Puzzle zusammenfügen, dann ist es durchaus denkbar, dass wir es tatsächlich mit einer Baisse zu tun haben.

Wenn Apple hustet…

Mit einer ausgewachsenen Schulter-Kopf-Schulter Formation steht die Aktie des US-Konzern Apple beispielhaft für das, was sich in vielen europäischen und amerikanischen Aktien abzeichnet. Bezeichnenderweise übrigens trotz einer optisch günstigen Bewertung.

2016-01-20-Apple

Basierend auf den Gewinnschätzungen für 2016 und 2017 notiert die Aktie nun bei einem KGV von 10,1 und 9,3. Allerdings nur, wenn das prognostizierte Wachstum auch tatsächlich eintritt. Genau daran hat die Börse allerdings offensichtlich Zweifel, auch hier schlägt wieder das Thema China durch. Basierte die Wachstumshoffnung bei Apple – überspitzt gesagt – zuletzt vor allem darauf, dass bald jeder Chinese der Mittelschicht ein iPhone kaufen wird, scheint sich nun Ernüchterung breit zu machen. Gerüchte über deutlich reduzierte Bestellungen bei den Zulieferern schreckten die Anleger auf.

Die Analystin Katy Huberty, die davor stets bullish für die Apple-Aktie war, schockte bereits im Dezember mit einer Prognose über einen Umsatzrückgang von 6% im Geschäftsjahr 2015/16 (endet im September 2016).

Grund dafür sei vor allem das Zugpferd des Unternehmens, das iPhone. Die Smartphone-Märkte in den entwickelten Volkswirtschaften seien gesättigt, in den Schwellenländern mache sich beim iPhone zuletzt der starke US-Dollar negativ bemerkbar. Die Abhängigkeit von diesem einen Produkt bleibt unter anderem auch deshalb bestehen, weil die Nachfolger des legendären Steve Jobs bis heute nicht „das nächste große Ding“ vorgestellt haben.

Nun ist es nichts neues, gelegentliche Abgesänge auf den Elektronik-Riesen zu lesen, mittlerweile scheinen sich jedoch generelle Zweifel an den zukünftigen Wachstumsaussichten am Markt durchgesetzt zu haben. Wenn Apple hustet, bekommt Amerika einen Schnupfen, könnte man dem noch hinzufügen.

Zu den Märkten

An den Aktienbörsen hat sich die Talfahrt bis heute Morgen fortgesetzt. Und viele fragen sich, wie es nun weitergeht. Nachfolgend einige charttechnische Überlegungen am Beispiel des DAX, die uns bei der Kursbestimmung in den nächsten Wochen und Monaten eine Richtschnur sein sollten:

2016-01-20-DAX

Zunächst ist zu erkennen, dass der DAX seinen 5-jährigen Aufwärtstrend (blaue Linie) im Lauf der letzten Monate mehrfach nach unten gebrochen hat, allerdings es auch immer wieder über den Trend schaffte. Ab Anfang dieses Jahres aber rauschte der Kurs nach unten und notiert zur Stunde rund 1.000 Punkte unter seinem Aufwärtstrend. Der gelblich eingezeichnete 200-Tage-Durchschnitt hat gerade eben nach unten gedreht, was ebenfalls mittelfristig kein gutes Zeichen darstellt.

Weiterhin erkennen wir im DAX eine sich über fast zwei Jahre erstreckende Schulter-Kopf-Schulter-Formation (SKS, rot eingezeichnet), deren Nackenlinie allerdings etwas steil nach oben läuft. Letztere ist in den vergangenen Tagen nach unten durchbrochen worden. Beides zusammen, also Bruch des langfristigen Trends und der Nackenlinie der SKS, spricht recht unzweideutig für den Beginn einer Baisse.

Aber Vorsicht! Wer nun glaubt, jetzt geht es in einem Rutsch abwärts, der könnte sich getäuscht haben. Die grüne Markierung zeigt, dass sich der DAX derzeit an einem kurzfristigen Unterstützung befindet. Es sollte also nicht verwundern, wenn von hier aus eine markante Erholungsbewegung starten kann.

Fazit

Die Baisse nährt die Baisse! Börsianer finden seit Wochen täglich neue Gründe für weitere Einbrüche an den Märkten. Kurzfristig ist sentiment-technisch bedingt durchaus eine Gegenreaktion nach oben denkbar. Mittelfristig sieht es dagegen tatsächlich nach einer anhaltenden Baisse aus. Wie diese verlaufen könnte, werden wir im Ende Januar erscheinenden Smart Investor 2/2016 ausführlich analysieren.

© Ralf Flierl, Christoph Karl – Smart Investor

 

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