Eine keineswegs unerklärliche Rallye

23. November 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Die meisten Marktteilnehmer dürften der Rallye an den Aktienmärkten, die wir in der vergangenen Woche gesehen haben, reichlich fassungslos zugesehen haben. Wie ist es möglich, dass die Indizes, die eine Woche zuvor wie auf Schienen abwärts liefen, weil sich die Rahmenbedingungen insbesondere für die Wall Street weiter verdüstert haben, auf einmal in einem unverändert grauen Umfeld wie entfesselt steigen, obgleich zu diesem grauen Umfeld auch noch das Grauen einer zunehmenden Bedrohungslage durch den IS-Terror hinzukam?

Die Erklärungsversuche der einschlägigen Kommentatoren fielen ebenso hilflos wie unlogisch aus. Man trotze dem Terror, hieß es zunächst. Nun wäre es zum einen das erste Mal, dass sich ein derartiger Trotz auf unmittelbare Dispositionen im Investmentbereich erstreckt hätte. Zum anderen: Sich nicht einschüchtern zu lassen und daraufhin nicht auszusteigen ist das eine. Aber als Symbol gegen die Bedrohung kräftig einzukaufen und dies gerade an der Wall Street nahe der Allzeithochs in einem ohnehin extrem kritischen Umfeld? Wer würde so etwas ernstlich auch nur in Betracht ziehen?

Ab Mittwochabend kam man dann mit einer anderen Begründung daher: Man sei erfreut, erleichtert, begeistert gar, dass die US-Wirtschaft so gut laufe, dass die US-Notenbank nun offenbar mehrheitlich der Ansicht sei, die Leitzinsen anheben zu können. Wie belieben? Davon mal abgesehen, dass der angebliche Grund der abendlichen Aktienmarkt-Rallye in den USA das Protokoll einer Sitzung war, deren Kernpunkte direkt danach und damit vor drei Wochen bekanntgegeben wurden, wissen eigentlich selbst nur mäßig erfahrene Investoren, dass das Bild, das die „Fed“ zeichnet, ein Witz ist:

Ein schlechter Witz obendrein. Durchweg schwache Konjunkturdaten aus allen Bereichen … ausgenommen der Arbeitsmarkt, auf den sich die „Fed“ fokussiert, der aber wie kein anderer Konjunkturindikator der aktuellen Lage um Monate hinterherhinkt … dazu die unverändert schwächelnden Emerging Markets und ein die Exportindustrie erwürgender, fester US-Dollar, der vor allem deswegen so fest ist, weil die US-Notenbank mit ihrem Zinswende-Gefasel die Spekulation auf den Greenback selbst provoziert hat: Geht es noch negativer?

Nun mag man argumentieren: Aber irgendwas muss es ja gewesen sein, das diese Rallye ausgelöst und am Leben erhalten hat! Schon. Und es war sogar ein durchweg logischer Hintergrund. Nur, dass man das eben glaubt, in den Medien nicht transportieren zu können oder zu dürfen: Es war der Verfalltermin für Aktien- und Index-Optionen am Freitag. Nichts anderes. Dass die Kommentatoren indes seit ewigen Zeiten so tun, als gäbe es den Einfluss der Terminbörse nicht oder wenn, dass dieser gering sei, weil da ja nur ein paar Hanseln irgendwelche Wetten abschließen, führt dazu, dass der Anleger hinsichtlich der eigentlichen Motivation getäuscht wird und eine grandiose Stimmung am Markt vermuten muss, die es nicht gibt.

Darauf dann zu vertrauen, könnte teuer werden. Und dass dergleichen immer und immer wieder passiert, weil die Medien entweder glauben, wir wären zu dämlich zu verstehen, was am Terminmarkt vorgeht oder es sei der für die Finanzindustrie essentiellen Zuversicht unter den Anlegern abträglich wenn man wüsste, welche Marktmacht der Terminmarkt hätte, ist indiskutabel. Dabei war es, wenn erst einmal der Groschen fällt, durchaus logisch, was passiert war. Nehmen wir uns dazu mal den Chart des S&P 500 auf Tagesbasis vor:

Wir sehen, dass der Index am Freitagabend, unmittelbar bevor klar wurde, was in Paris wirklich passiert war, nach einer ohnehin schwachen Handelswoche fast punktgenau auf eine wichtige charttechnische Unterstützung in Form des Zwischenhochs vom September bei 2.021 Punkten aufsetzte, die im Oktober einmal von oben, einmal von unten getestet wurde und damit ihre Relevanz unterstrichen hatte. Zugleich war der S&P 500 damit an das untere Ende der Handelsspanne seit dem letzten Verfalltermin am 16. Oktober gefallen (kleiner roter Kasten). Nun muss man sich vorab ein paar Basis-Aspekte des Optionsmarkts vergegenwärtigen:

1. Zunächst einmal hat dieser in den USA eine weit höhere Bedeutung als hierzulande, weil in den USA eigentlich nur die Futures und die Optionen im Derivatebereich eine Rolle spielen. Hier geht es daher bei jedem Verfalltermin, also zur Abrechnung von Optionen mit der entsprechenden Laufzeit, um gewaltige Summen, die verdient – oder verloren – werden können.

2. Die großen Spieler am Optionsmarkt agieren stark in der Rolle der sogenannten „Stillhalter“. Das ist die Verkäuferseite, d.h. es handelt sich um diejenigen, die Optionen an die anderen Investoren verkaufen, sie sozusagen emittieren. Als normaler Spekulant könnten sie eine Option am Markt jederzeit kaufen oder verkaufen, wenn sie jemanden finden, der sie ihnen abkauft. Der eigentliche Verkäufer, der diese Option quasi „aufgelegt“ hat, muss indes „stillhalten“ bis zum Verfalltermin. Daher der Name. Und in dieser Zeit bis zur Abrechnung kann vieles gutgehen – oder schieflaufen. Nehmen wir ein Beispiel:

Ein Stillhalter verkauft eine Put-Option mit Basis 2.020 Punkten Laufzeit November. Er nimmt, einfach mal eine Zahl in den Raum gestellt, 200 Dollar ein, die ihm derjenige dafür zahlt, der die Put-Option kauft. Der Käufer setzt dabei natürlich darauf, dass der S&P 500 zur Abrechnung am Verfalltermin deutlich tiefer steht und er so einen Gewinn macht. Der Stillhalter hofft auf das Gegenteil. Denn wenn der S&P 500 zur Abrechnung, die nun am 20.11. stattfand, über 2.020 Punkten steht, ist diese Put-Option wertlos. Er muss also nichts auszahlen und die ursprünglich eingenommenen 200 Dollar sind sein Gewinn. Aber wehe, es kommt anders:

Im Gegensatz zum Optionskäufer, also dem Besitzer, der nur maximal den von ihm bezahlten Kaufpreis verlieren kann, kann der Verlust des Stillhalters ja ein Vielfaches der eingenommenen Verkaufsprämie sein. Fiele der S&P 500 z.B. auf 1.950 Punkte oder tiefer, müsste er ggf. 500, 800 oder mehr Dollar auszahlen. Der Verlust ist, letzten Endes, nahezu unbegrenzt.

Dass die Stillhalter alles tun, um das zu verhindern, ist somit klar. Dass es da auch je nach möglichem, befürchteten Szenario weitaus billiger sein kann, mit gezielten Käufen über die Futures oder den Kassamarkt dagegenzuhalten und die Kurse (bezogen auf das Beispiel mit verkauften Puts) wieder nach oben zu kaufen, auch. Denn wir reden hier nicht von zehn oder hundert Optionen. Wir reden von irrsinnigen Summen, die da umgehen.

Nun könnte der Stillhalter sich auch einfach absichern. D.h. in dem Moment, in dem er merkt, dass seine erhoffte Strategie kippt, macht er ein Gegengeschäft um dabei zu gewinnen, was er über die ausgegebenen Optionen verliert, z.B. indem er im Future Short geht. Der Haken: Das intensiviert den Verkaufsdruck noch, so dass es sein kann, dass er aus dem Short gehen gar nicht mehr herauskommt, weil er dadurch die Kurse selbst immer tiefer treibt. Vor allem dann, wenn sehr viele große Terminbörsen-Akteure in derselben Lage sind. Besser ist es also, zu versuchen, die Kurse wieder in die richtige Richtung zu bugsieren.

Was dabei „richtig“ ist bzw. welchen Effekt das dann hat, ist indes sehr unterschiedlich. Das hängt davon ab, ob die Mehrheit der Stillhalter darauf hofft, dass die Kure zur Abrechnung steigen oder fallen, wo genau die mehrheitlich angestrebte Zielzone für den Abrechnungstermin liegt und ob die Umsätze am Gesamtmarkt nicht eventuell so hoch sind, dass der Kapitalaufwand, der nötig wäre, die Kurse in die richtige Richtung zu ziehen, deshalb höher wäre als das, was man ansonsten an Verlusten vermeiden würde.

Ziel der Stillhalter muss also sein, so viele Optionskäufer wie möglich auf dem falschen Fuß zu erwischen, d.h. zu erreichen, dass eine maximale Menge an ausgegebenen Optionen zum Abrechnungstermin wertlos verfällt. Zurück zur aktuellen Situation:



Seit der letzten Abrechnung vom 16. Oktober war der S&P 500 zunächst weiter gestiegen. Da dürften viele auf weiter steigende Kurse gesetzt haben. Als der Index dann zu Beginn der vorvergangenen Woche kippte und am Freitag der Terrorattacken in Paris den Ausgangspunkt, d.h. das Abrechnungslevel vom Oktober-Verfall erreichte, dürften reichlich viele Besitzer von Call-Optionen bereits ausgestiegen sein bzw. tief im Verlust gelegen haben. Da hätten Stillhalter nun durch den deutlich billigeren Kauf von Calls eine Differenz erreichen können, der sie auch dann gegen Verluste abgesichert hätte, wäre der Index nun plötzlich weiter gestiegen. Aber:

Man mag da auch mit diesem Kursniveau auf Höhe der Unterstützungslinie bei 2.021 Punkten klargekommen sein. Nur: Als am Handelsende plötzlich zu befürchten war, dass die Terrorattacken am Montag einen Kursrutsch auslösen könnten, wurde es kritisch. Dann wäre denen, die als Stillhalter Puts verkauft hätten, das Ganze aus dem Ruder gelaufen. Ein Kursrutsch hätte die Puts so tief in die Gewinnzone laufen lassen, dass das, was man dann mit den wertlos verfallenden Calls und dem Verkaufspreis der Puts verdient hätte, deutlich weniger gewesen wäre als das, was man für die ausgegebenen, am 20.11. auslaufenden Puts hätte auszahlen müssen. Was tun?

Wäre es gleich am Montagmorgen zu einem umsatzstarken Kursrutsch gekommen, hätte man die Variante gewählt, sich über die Futures abzusichern. Ein solches Szenario hatten wir im August gesehen, das damals in den Mini-Crash des 24.8. mündete. Doch diesmal lief es anders.

Der unmittelbare Kurseinbruch fiel eher moderat aus, zugleich waren die Umsätze mäßig.

Denn niemand wusste so recht, ob es klug wäre, angesichts dieser Ereignisse wirklich auszusteigen. Also wartete ein jeder darauf, was der andere tun würde … oder man sicherte sich über den Terminmarkt ab, indem man z.B. Put-Optionen mit Laufzeit bis 20.11. kaufte. Und das war die Chance der Terminbörsen-Spieler, nicht nur Verluste zu vermeiden, sondern den Gewinn auch noch zu steigern!

Durch die eher mäßigen Umsätze am Kassamarkt konnten sie mit einigermaßen überschaubarem Kapitaleinsatz die anfänglichen Verluste über die Futures wieder „aufkaufen“. Und wie immer, wenn etwas Unverhofftes passiert, konnten sie sich der Schützenhilfe der Daytrader und der computergesteuerten Handelsprogramme sicher sein, die natürlich, da sie sich um die Rahmenbedingungen und somit um das „Warum“ eines Impulses nicht scheren, auf den Zug aufspringen und so mithelfen würden, die Kurse aus der Gefahrenzone unter 2.021 Punkten wieder herauszuziehen.

Die daraus resultierende Rallye verteidigte damit charttechnisch wichtige Unterstützungen (nicht nur beim S&P 500, auch z.B. bei DAX und Euro Stoxx), führte den Index auch noch über Widerstände wie die 20-Tage- und die 200-Tage-Linie, so dass die Dynamik der Rallye erhalten blieb, und führte so dazu, dass all diejenigen, die im ersten Schreck über die Terror-Attacken Put-Optionen gekauft hatten, auch noch „rasiert“ wurden, weil deren Puts nun entweder wertlos verfielen oder zumindest weit unter dem Kaufpreis abgerechnet wurden. So gelang es also seit der Oktober-Abrechnung, mit einem überschaubaren Kapitaleinsatz zuerst die Bullen und danach die Bären auszubremsen.

Das war der Grund dieser Rallye und nicht eine angebliche Trotzreaktion auf die Bedrohungslage oder Begeisterung über fatal agierende US-Notenbanker. Es war quasi die „Börsenmechanik“, die hier griff. Woraus zwei Dinge abgeleitet werden können:

1. Die Terminmärkte haben außer bei extremen Umsätzen die Möglichkeit, die Kurse dorthin zu treiben, wohin sie sie haben wollen. Das muss man immer berücksichtigen und in eigene Dispositionen mit einbeziehen. Und:

2. Diese Rallye hatte die Abrechnung der November-Optionen am 20.11. zum Ziel. Dieser Punkt ist nun vom Tisch. Es ist damit fraglich, ob die Indizes über mögliche Nachwehen einer solchen Rallye am Montag hinaus weiter steigen oder auch nur das erreichte Niveau halten können. Denn jetzt treten wieder die Rahmenbedingungen wie Konjunkturperspektiven, Bedrohungslage und Währungsentwicklung in den Vordergrund. Nicht auszuschließen also, dass sich die Medien in den kommenden Tagen Argumente aus den Fingern saugen müssen, warum S&P 500, DAX & Co. in der Woche nach den Anschlägen stiegen, nun aber auf einmal wieder fallen … es sei denn, man würde Versuchen, dieses Kursniveau seitens der Hedgefonds im Zuge deren Window Dressing in den Monatsultimo November zu retten … wer weiß?

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt (www.baden-boerse.de)

 

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2 Kommentare auf "Eine keineswegs unerklärliche Rallye"

  1. flowerpower sagt:

    Lieber Ronald Gehrt
    Es ist schon erstaunlich wie Hilflos sich die glaeubigen Prister beim Zusammenbruch
    der Geldkirche verhalten.Das Spiel geht weiter ,solange das Grosskapital
    nicht in Sachwerte fluechtet.Deswegen dreht auch die FED immer wieder die
    Gebetsmuehle der Zinserhoehung.Das ist gut fuer den Glauben ans Geld,
    zu mehr aber auch nicht.

  2. moneymaN sagt:

    Hallo,
    ich finde Ihre Miteibeziehung der Terminmärkte für relevante Kursbewegungen immer wieder extrem hilfreich fürs Trading. Könnten Sie Ihre Sicht der Dinge vor wichtigen Verfallterminen (Optionen und v.a. Dingen „Hexensabbatt) regelmäßig kundtun?:-)

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