Eine Frage der Brille: Vom Wert unterschiedlicher Perspektiven

18. Juli 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

vom Smart Investor

Wirtschaft, Politik und besonders das Börsengeschehen sind Veranstaltungen mit ungewissem Ausgang. Was im Nachhinein als eine ebenso logische wie vorhersehbare Entwicklung erscheint, ist tatsächlich eine Abfolge von ergebnisoffenen Weggabelungen…

In der Disziplin der Behavioral Finance hat sich für diesen psychologischen Fallstrick der Begriff „Hindsight Bias“ (Rückschaufehler) eingebürgert. Damit ist die irreführende Sicherheit gemeint, die sich aus späteren Einsichten speist, aber so tut, als ob diese Einsichten auch schon im Zeitpunkt der Entscheidung bekannt gewesen wären. Prognosen bleiben eben schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen – so ein bekanntes Bonmot.

Wenn es um die Zukunft geht, kann es Gewissheit nicht geben, außer vielleicht in Form von Gemeinplätzen, etwa dass wir alle sterben müssen – irgendwann. Genau dieses „irgendwann“ (Timing) ist das Problem – es sei denn, Sie sind Auftragskiller oder tragen sich mit konkreten Suizidabsichten. Streng genommen gibt es selbst in diesen Fällen einen Rest an Unsicherheit, nämlich dann, wenn Ihr Vorhaben scheitert.

Derartige Timing-Fragen können an der Börse den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen, selbst dann wenn eine Entwicklung letztlich sogar so eintrifft, wie ursprünglich erwartet, aber eben auf Umwegen. Das gilt besonders, wenn man sich mit hohem Hebel oder sehr einseitig engagiert.

Die Leitgedanken einer verantwortungsvollen Kapitalanlage – nämlich Mischung und Streuung – entstammen der Einsicht, dass man Künftiges nie mit Gewissheit wird prognostizieren können. Eine Aussage, die freilich nicht ausschließt, dass es Prognosemethoden mit mehr und solche mit weniger Treffern gibt. Die 100%ige Börsenprognose wird es schon deshalb nicht geben können, weil ihr die Kontrahenten irgendwann ausgehen würden.

Gewissheit gibt es zwar keine, aber man kann den Versuch unternehmen, sich ein Bild über die Ausgangssituation und mögliche Entwicklungen zu machen. Besonders empfehlenswert ist es dabei, die Szenarien möglichst vorurteilsfrei aus unterschiedlichen Perspektiven abzuklopfen. Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht jede dieser Perspektiven zu jeder Zeit zufriedenstellende Ergebnisse liefert. Das ist allerdings kein Grund, sie vorschnell über Bord zu werden. Bei Smart Investor verfolgen wir bewusst den Ansatz, das Börsengeschehen aus verschiedenen bewährten Blickwinkeln zu betrachten, die möglichst wenige Überschneidungen aufweisen. In unserem Research-Teil kommen jeden Monat Gastautoren zu den fünf folgenden Themenbereichen zu Wort:

Demografie & Börse
sentix Sentiment
Commitment of Traders (CoT)
Quantitative Analyse
Intermarktetanalyse

Dieser hochprozentige Cocktail von Analysemeinungen soll Sie und uns bei Fragen des richtigen Timings unterstützen. In der aktuellen Ausgabe Smart Investor 7/2013 – so viel darf hier verraten werden – sind vor allem die trendfolgenden Ansätze tendenziell noch dem Bullen-Lager zuzuordnen, während ansonsten bereits Warnleuchten angegangen sind. Näheres dazu lesen Sie hier…


Zu den Märkten

Auch ausgefeilte und historisch bewährte Analysemethoden helfen allerdings nur bedingt, wenn immer wieder massive exogene Störgrößen in das Marktgeschehen eingebracht werden. In unserer Online-Kategorie „Löcher in der Matrix“ hatten wir bereits auf die erneute Kehrtwende von Fed-Chef Bernanke hingewiesen. Mit zwei 180-Grad-Kehrtwenden in weniger als zwei Monaten hat er eine für sein Alter ganz erstaunliche Gelenkigkeit unter Beweis gestellt.

Das Ergebnis sehen Sie im DAX-Chart, wo das Thema Schulter-Kopf-Schulter-Formation mit einem weiteren Bernanke-Sprung am 11.7.2013 (rote Markierung) erst einmal ad acta gelegt wurde.

2013-07-17_DAX

Natürlich muss man sich an solche Entwicklungen anpassen. Eindeutig ist das Bild aber weiter nicht: Während die Malaise der Realwirtschaft weiter voranschreitet, pumpen die Notenbanken Frischgedrucktes – man mag es kaum Geld nennen – ins Finanzsystem. Eine Gemengelage, die momentan weder für stark steigende, noch für stark fallende Kurse spricht.

Etwas anders sieht das in Japan aus, wo Regierungschef Abe und vor allem die Notenbank derart beherzt auf das Gaspedal treten, dass hier durchaus eine weitere Scheinblüte erzeugt werden dürfte – eine Blüte allerdings, für die in der Folge ein erheblicher Preis zu zahlen sein wird.

Fazit

Je unübersichtlicher die Lage ist, desto wichtiger erscheint es, verschiedene Perspektiven in Anlageentscheidungen einfließen zu lassen. Unkalkulierbar sind kurzfristig allerdings die Winkelzüge von Politik und insbesondere Notenbanken. Langfristig kennen sie jedoch vor allem eine Lösung – sie drucken, oder wie der Begründer dieser Religion schon wusste: Auf lange Sicht sind wir alle tot.

© Ralf Flierl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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