Ein Nachmittag mit Jean Claude Trichet

17. November 2009 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Wow! Die Inflation wird in diesem Jahr wieder etwas abnehmen! Das tönt gerade aus meinem Fernsehgerät. Ich drehe lauter. EZB-Chef Jean Claude Trichet spricht gerade und verteidigt seine Zinsentscheidung. Trotz voranpreschender Preise auf breiter Front, soll die offizielle, harmonisierte, gut durchgerechnete und nur theoretisch gebogene Kerninflation in diesem Jahr über zwei Prozent bleiben. Über ZWEI Prozent?

Also irgendwo zwischen zwei, acht oder elf Prozent? Ich hoffe, er meint nur drei Prozent. Das wäre toll und auch weit unter dem, was ich täglich fühle. Aber Gefühle gehören sowieso nicht an die Börse und schon gar nicht in die Geldpolitik. Wie sieht die Zahl eigentlich aus, wenn man alles mitrechnet, was immer teurer wird? Woher soll ich das wissen?

Ich traue mich nicht, die gute Botschaft aus dem Fenster zu brüllen. Dann kämen die Männer mit dem Jacken und den langen Ärmeln. Oder die Leute schreien mir entgegen, daß die gerade vom Einkaufen kommen und zwischendurch auch an der Tankstelle waren. Wahrscheinlich bekäme ich den einen oder anderen Regenschirm um die Ohren geworfen. Eier und Tomaten sind inzwischen zu teuer.

Der oberste Währungshüter spricht jetzt über die monetäre Analyse, eine sich abflachende Renditekurve, Kreditverknappung und M1. Die EZB will „präventiv“ unterwegs sein, wegen der Inflation. Ich bin froh, daß meine Nachbarin jetzt nicht an der Tür klopft und mich nach den Gründen der … anhaltenden Dynamik der monetären..W A S ???? fragt.
Ich muss jetzt erst mal nachdenken. Die Nachbarin ist in den letzten Tagen etwas geknickt, denn ihr Kassensturz fiel deprimierend aus. Sie wird den Gürtel etwas enger schnallen müssen. Zudem hat sie wieder mal auf einen Finanzprofi gehört und der hat ihr den DAX bei 8000 Punkten angedreht. Er war doch so optimistisch. Nie mehr Abschwung! Ewiges Wachstum und billige Aktien. Besonders die Banktitel hätten „Nachholbedarf“, und alle, die von einer Kreditkrise schwafeln, sind Verschwörungstheoretiker, sagte er. Das war im Sommer, als die Nächte begannen, länger zu werden. Seitdem ist der Markt gefallen.

Trichet spricht jetzt von kurzfristigen monetären Dynamiken. Das Thema habe ich noch nicht so gut drauf. „Klarheit und Wahrheit“ spielen eine große Rolle, meinte er eben. Das war bestimmt ein Fingerzeig an die Banken, die im Sommer die Sonne vor die Fenster gehängt hatten und ein paar Wochen später ihre Chefs mit viel Geld auf die Straße setzten. Jetzt borgen sie sich Geld aus Entwicklungsländern.

Wenn ich Jean Claude doch mal anrufen könnte. Ich würde ihn gerne so manches fragen. Zum Beispiel, warum er gestern so bissig gewirkt hat, zuvor so besorgt, aber immer optimistisch. Ich würde ihn auch fragen wollen, ob er und seine Mannen selbst nach getaner Arbeit einkaufen gehen, und ob er mir aus dem Kopf den Benzinpreis nennen kann. Wie hoch war seine letzte Stromrechnung? Wieviele Lohn-Nullrunden musste er schon drehen, und ob ihm auch aufgefallen ist, daß die Fahrtickets in Frankfurt schon wieder teurer geworden sind. Vielleicht erklärt er mir auch, was er unter „sich materialisierenden Risiken“ versteht. Und warum der Goldpreis so stark steigt, obwohl die EZB das Zeug wöchentlich tonnenweise auf den Markt schmeißt.

Die Übertragung aus dem EZB-Tower ist vorbei. Die Börsenkurse sausen in roter Farbe über den Fernsehschirm. Ich hoffe, meine Nachbarin schaut jetzt nicht zu. Ich sollte jetzt froh sein, dass, die Inflationserwartungen „v e r a n k e r t“ bleiben. Wenn ich dann vom Supermarkt komme, hoffe ich, dass die Ankerkette noch nicht gerissen ist. Und der Goldpreis? Der spinnt inzwischen wieder.

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