Ein Zeitzünder namens Otto

27. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt

Nichts funktioniert. Kein Gegenmittel wirkt. Die Verantwortlichen machen Wind, aber die Krise hält… Man könnte nun behaupten, dass die Lage weit schlimmer wäre, hätte man nicht entschlossen virtuelles Geld in die bemitleidenswerte Finanzindustrie gepumpt, eherne Brandmauern in Form des ESM und EFSF errichtet und die Bürger der notleidenden Staaten durch brutale Sparvorgaben auf den rechten Weg geführt. Könnte man. Wenn man diese Entscheidungen zu verantworten hat…

Ich für meinen Teil bezweifle, dass die Lage wirklich schlimmer wäre, hätte man die Finger von der Selbstregulierung der Märkte gelassen. Sicher, das Finanzsystem wäre längst zusammengebrochen. Vielleicht schon Ende 2008. Aber wir hätten jetzt längst einen Neuanfang.

So jedoch gehen wir den Weg langsamen Zerfalls, der, alleine durch das herumdoktern an den Symptomen, unaufhaltsam ist und letztlich mehr Schaden anrichten wird als ein brutales „Reset“. Einfach, weil die Verantwortlichen die Ursachen als solche nicht angehen, weil sie wissen (oder wenigstens ahnen), dass eben das den obigen „Reset“ bedeuten würde. Der Leviathan Finanzindustrie, die Totgeburt eines Europa der zwei Geschwindigkeiten, die schlupflochfördernde Gesetzgebung, all das müsste komplett neu aufgesetzt werden. Und das würde bedeuten, dass die Welt zumindest eine Zeitlang am Abgrund zum Mittelalter stünde, denn das Leben dieses Planeten ist so komplex, dass derartige Eingriffe lebensgefährlich wären. Wer wollte das wagen, wer verantworten. Ja, wer wollte das überhaupt beschließen können – immerhin müsste beispielsweise eine Reform des Finanzsystems weltweit und zeitgleich stattfinden … und koordiniert werden. Von wem? Wie? Tja.

Kein Wunder also, dass wir langsam, aber sicher immer tiefer im Sumpf versinken und jedes Zappeln der Politik die Lage nur verschlimmert. Es scheint wohl einfach nicht anders zu gehen. Aber wie ist es möglich, dass die Börsen angesichts dieser Entwicklung, deren Tragweite doch für rational denkende Menschen erfassbar ist, bislang nur so geringfügig reagiert hat? Nun, sicher ist es wahr, dass manche Anleger immer noch glauben, dass irgendwer irgendwann irgendwie ein Kaninchen aus dem Hut zaubert und alles ist wieder gut. Andererseits wissen doch gerade die Entscheider der großen Adressen ganz genau, dass uns kein Kaninchen aus dem Hut, sondern der Knüppel aus dem Sack bevorsteht. Deren Aktivitäten wirken zwar manchmal dumm … aber sie sind es meist nicht. Warum also diese (relative) Stabilität? Ganz einfach:

Weil es immer das letzte Glied in der Kette ist, das die Baisse auslöst: Otto Normalverbraucher, d.h. Max Mustermann und Lieschen Müller. Erst, wenn die Angst dort wirklich ankommt, gehen an den Börsen die Lichter aus. Der Einzelne hat an den Börsen nichts zu melden. Aber das Kollektiv, das ist zwar unorganisiert, aber mächtig. Und dessen sind sich die Entscheider zumindest in der Finanzindustrie voll bewusst. Bei der Politik habe ich da indes so meine Zweifel… (Seite 2)


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5 Kommentare auf "Ein Zeitzünder namens Otto"

  1. wolfswurt sagt:

    Die Ursache für Niedergang ist das schwinden der Fähigkeit bei den 5% Führungsfähigen.
    Der Fähige der geeignet wäre die Situation zu ändern, sieht sich einer Clique von Einzellinteressierten(dem Allgemeinwohl dienenden Unfähigen) gegenüber, die den Fähigen sofort durch „römische Mittel“ zu Fall bringen würden, da er die Interessen derer abwenden müßte, welche zur Situation geführt haben.

    Hat der Prozentsatz an Unfähigen den „Point of no return“ erreicht oder gar überschritten, so ist der Verfall einer Zivilisation, welche selbst schon das Endstadium einer kulturellen Entwicklung ist, nicht mehr aufzuhalten.

    Das der Mensch diesen Vorgang nicht akzeptieren will ist allerdings nur allzu menschlich, hofft er doch auch in seiner eigenen letzten Lebenssekunde auf ein Wunder.

  2. MARKT sagt:

    Herr Gehrt erwähnt u.a. den gestiegenen Konsumklimaindex.
    Die Daten der Unterindizes für Juli werden erst am 26.07. bekanntgegeben.
    Aber interessant sind die aktuell zur Verfügung gestellten auch schon. Man beachte insbesondere Juni 2012 und Juni 2011.

    Juni 2012 Mai 2012 Juni 2011
    Konjunkturerwartung 3,0 19,6 50,3

    Einkommenserwartung 40,1 32,0 44,6

    Anschaffungsneigung 32,7 32,0 35,1

    Konsumklima 5,7 5,7 5,6

    Kann mir jemand erklären wie es kommen kann das man unter der Berücksichtigung der Unterkomponenten Konjunkturerwartung, Einkommenserwartung und Anschaffungsneigung im Juni 2012 zu einem höheren Indexstand kommen kann (5,7) als im Juni 2011 (5,6)

  3. letargie sagt:

    Frank Schäffler im Interview – ESM und Fiskalpakt als Mittel gegen die Eurokrise?

    http://goo.gl/p8QXA

  4. khaproperty sagt:

    Fast wörtlich mein Text seit über zwei Jahren.
    Langsam kommen doch immer mehr ähnlich denkende Beobachter hinzu, so daß auch der Multiplikator größer und hoffentlich fruchtbar wird.
    Breite und damit kritische Masse gibt es offenbar noch nicht, jedoch bleibt Hoffnung, auch dies noch zu schaffen, bevor an der Verfassung vorbei ein paar Berliner Witzfiguren in der aktuellen Regierung die Macht übernehmen oder diese gleich nach Brüssel transferieren.

    Nicht der ohnhin inhaltlich weitgehend wirkungslose Fiskalpakt – nur wegen seines Tanges zum Förderalismus unter parlamentarischem Zweidrittelerfordernis – sondern der einfach entscheidungsfähige ESM verstößt dabei gegen unsere Verfassung. Die verschachtelten Möglichkeiten zur unbegrenzten Aufstockung beschädigen das Haushaltsrecht des Volkes, vertreten durch ein indifferentes Parlament.
    Da hat nun das wachgeküßte BVerfG Einhalt geboten. Erstmal.

  5. […] viaEin Zeitzünder namens Otto | Rott & Meyer. Share| Juni 27, 2012 at 10:19 pm by admin Category: Allgemein […]

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