Ein ungleiches Paar – Panik und Ethik

2. Juni 2011 | Kategorie: RottMeyer

Wenn man mal eine Woche nicht vor Ort ist, dann fällt auf, wie leicht dieses Land in den Panikmodus gerät bzw. in diesen versetzt wird. Während im benachbarten Ausland relativ unaufgeregt über die EHEC-Bakterien berichtet wird, hatte man angesichts der Schlagzeilen, die einen bei der Rückkehr empfingen, den Eindruck, dass grob geschätzt die Hälfte der Bevölkerung bereits ausgerottet sei…

…also die  Hälfte von dem, was Schweinegrippe und Feinstaub seinerzeit übrig ließen. Inzwischen gilt selbst klimafreundlich heranwachsender Salat als tödliche Bedrohung, und Ketchup fährt gegenüber Frischtomaten einen klaren Punktsieg ein.

Keine Schuldenpanik

Je lieber und häufiger Mainstream und Boulevard die Panikkarte ziehen, desto mehr stumpfen wir natürlich ab. Vielleicht ein gewünschter Effekt der Desensibilierung für das, was noch kommen mag. Diese geschürten Paniken sind meist ebenso diffus wie bedrohlich (Terror, Atom, Bakterien, …). Aber: Sie fallen regelmäßig nach kurzer Zeit in sich zusammen und erzeugen bei den 99,99…% Überlebenden das gute Gefühl: „Hurra, wir leben noch!“ Auffällig dagegen, dass es einen Themenkomplex gibt, zu dem keinerlei Panik geschürt wird, im Gegenteil: Währung, Verschuldung und Wirtschaft werden beständig und in geradezu beängstigender Weise gesund gebetet. Dabei ist  gerade im Bereich der (Staats-)Überschuldung mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Währung und deren Kaufkraft das Schüren von Panik ohnehin vollkommen unnötig. Ein schlichter Blick auf die desolate Lage und die ebenso kopf- wie hilflose Flickschusterei des EU-Apparats und seiner Ableger im Lande, sollten für schlaflose Nächte völlig ausreichen. Und: Dieses Thema will und will einfach nicht in sich zusammenfallen.

Wie in der DDR

Das Klima der „beschönigenden Lüge“, das in Fragen von Verschuldungskrise und Euro herrscht, dürfte Frau Kanzlerin ja noch bestens aus der Heimat bekannt sein. Die DDR galt bis zu ihrem Zusammenbruch als die siebtgrößte Volkswirtschaft. Von den Funktionsträgern dürfen wir in einem solchen Umfeld nicht erwarten, dass sie sich aus der Deckung trauen und „reinen Wein“ einschenken. Erst wer Position und Funktion aufgegeben hat, kann Tacheles reden. Alleine die Häufung von Rücktritten von Spitzen des Systems ist ein für Alphatierchen recht bemerkenswertes Phänomen. Die zum Teil hochgradig fadenscheinigen Begründungen unterstreichen diesen Eindruck.

Erst danach, befreit vom Amt, fallen dann schon mal ein paar wohltuend offene Worte. Etwa ließ sich der frisch gebackene Bundesbankpräsident a.D., Axel Weber anlässlich einer Vorlesung in Chicago jüngst mit deutlicher Kritik an den sogenannten „Rettungspaketen“ vernehmen. Auch der ehemalige Thyssen-Chef Dieter Spethmann, ebenfalls alles andere als ein Leichtgewicht, machte die Tage eine schonungslose Rechnung zum Euro auf: Dessen Kosten für Deutschland beliefen sich bislang(!) auf 2,5 Billionen (=2.500 Milliarden) Euro. Hans-Olaf Henkel, ehemaliger BDI-Präsident, äußert sich ja schon seit einiger Zeit sehr Euro-kritisch und muss sich deshalb vom Establishment als rechter Rabauke rüffeln lassen. Die distanziert ätzenden Auftritte von Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt zu praktisch allen Bereichen aktueller Politik sind schließlich legendär… (weiter auf Seite 2)

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