Ein Treppenwitz der Geschichte…

4. Oktober 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Andreas Hoose

Es ist schon paradox: Wenn wir heute bei Null anfangen und ein Geldsystem ganz neu erfinden müssten, dann käme wohl niemand auf die Idee, ein System zu installieren, bei dem einige Wenige auf Kosten der Allgemeinheit zu unermesslichen Reichtümern kommen…

Niemand würde ein System haben wollen, das zusammenbricht, wenn es über einen längeren Zeitraum nicht wächst und bei dem dieses Wachstum in erster Linie über die Aufnahme immer neuer und immer größerer Schulden finanziert wird – was wegen der immer weiter ansteigenden Zinsbelastungen ebenfalls zum Zusammenbruch des Systems führen muss.

Jeder würde sagen, so ein geisteskrankes Finanzsystem wollen wir nicht – doch, und das ist ein Treppenwitz der Geschichte, exakt ein solches System haben wir!

Vielleicht muss man sich das erst einmal klar machen, wenn man an die betrübten Gesichter einiger Kommentatoren denkt, die in dieser Woche etwas belämmert in die Kameras blickten, als sie die „traurige Botschaft“ verkünden mussten, dass EZB-Chef Mario Draghi weder die Zinsen weiter senken wird – wohin sollte er sie denn eigentlich senken? – noch dass er zur direkten Staatsfinanzierung durch den Kauf von Staatsanleihen übergehen wird. Vorerst jedenfalls.

Den Kommentatoren sei gesagt: Sie dürfen bald wieder in die Kameras frohlocken, denn natürlich wird der Chef der europäischen Zentralbank den „leuchtenden Vorbildern“ aus Übersee schon bald folgen. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil er gar nicht anders kann. Dann wird auch in Europa die Notenpresse heiß laufen und die europäische Zentralbank zum Allheilmittel „Quantitative Easing“ greifen.

Den Verlauf der EZB-Pressekonferenz am Donnerstag in Neapel hatten die Deutschen Wirtschaftsnachrichten dokumentiert und wenn man dem Artikel glauben mag, dann verliert die Zentralbank allmählich auch bei den systemtreuen Journalisten ihren Nimbus. Das aber nur am Rande…

Sorgenkinder unter sich…

Dass die Europäische Zentralbank den Notenbanken in Japan und den USA bald folgen und zum direkten Kauf von Staatsanleihen übergehen wird, ist in erster Linie eine Folge der schwachen konjunkturellen Entwicklung in den europäischen Kernländern Italien und Frankreich. Ausgerechnet die Nummern zwei und drei in der europäischen Wirtschaftshierarchie kommen nicht auf die Beine.

Und dann auch noch so etwas: Nach dem schwachen ifo-Index für September – kürzlich wurde der fünfte Rückgang in Folge registriert – enttäuschte in dieser Woche auch der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland. Das Barometer sank von 51,4 Punkten im Vormonat auf 49,9 Punkte – und damit unter die Wachstumsschwelle von 50 Zählern. Folgerichtig ist die Börsenhausse ins Stocken geraten und zeigt erste Anzeichen einer beginnenden Baisse. Beispielhaft zeigt das der langfristige Verlauf des MDAX in der folgenden Abbildung:

MDAX lang WK JPG

Doch blicken wir einmal nach Japan. Dort hat man mit weit aufgerissenen Geldschleusen, wie wir sie in Europa demnächst sehen werden, bereits einschlägige Erfahrungen gemacht.

Zum Beispiel im zweiten Quartal 2014. Da war die japanische Wirtschaft so stark geschrumpft wie seit der Tsunami-Katastrophe vor drei Jahren nicht mehr. Auf das Jahr gerechnet war das japanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 6,8 Prozent eingebrochen. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer hatte den Bürgern die Kauflaune verdorben. Auch die Geldflut der japanischen Notenbank konnte daran nichts ändern. Hinzu kommen massive demographische Probleme: In keiner anderen Industrienation ist die Bevölkerung so alt wie in Japan. Deutschland steht dem allerdings nur wenig nach, wie die folgende Abbildung deutlich macht:

Alter der Bevölkerung NEU JPG

Allmählich zeigen sich diese Probleme auch an der japanischen Börse. Der „vorauslaufende Indikator“ hat eine ganze Weile gebraucht, um den Zustand der Wirtschaft in Japan einigermaßen realitätsnah abzubilden. Tatsächlich zeigen sich beim japanischen Leitindex nach einem Jahr der Scheinblüte erste Ansätze einer umfangreichen oberen Trendwendeformation.



Auffallend sind dabei die ausgeprägten negativen Divergenzen des MACD. Bis zur Vollendung dieser Formation können allerdings noch ein paar Monate ins Land gehen. Interessant wird es in der Gegend von 14.000 Punkten.

Investoren sind daher gut beraten, den langfristig bedeutsamen 50-Wochen-Durchschnitt aufmerksam zu beobachten. Rutschen die Kurse unter die blaue Linie in der folgenden Abbildung, und dreht besagter gleitender Durchschnitt nach unten ab, dürfte die Abwärtsbewegung beim NIKKEI 225 in Schwung kommen.

Die beiden gekreuzten Linien hatten wir übrigens schon vor Jahresfrist als groben Fahrplan eingezeichnet, weil bereits zu jener Zeit erkennbar wurde, dass die viel gepriesenen „Abenomics“ im Verbund mit einer historisch einzigartigen Geldflut die erhoffte Wirkung verfehlen würden.

NIKKEI lang WK JPG

An dieser Einschätzung hat sich ein Jahr später nichts geändert: Von einem konjunkturellen Aufschwung kann in Japan überhaupt keine Rede sein, ganz im Gegenteil. Das bedeutet: Offenbar kann eine Notenbank ab einem bestimmten Punkt auch mit beliebig viel Geld nichts mehr erreichen. Dieses Phänomen lässt sich in Japan gerade bestaunen.

Die Frage ist also, ob die EZB ihr Geldexperiment so lange fortführen sollte, bis klar ist, dass europäisches Geld den gleichen Gesetzmäßigkeiten folgt wie japanisches.

Die Beobachtung führt uns zu einem wichtigen Hinweis: Über den Sinn und Unsinn von Goldinvestments kann man abendfüllende Diskussionen führen. Dem Standpunkt von Warren Buffett, Gold sei nicht produktiv und als Investment daher nicht zu gebrauchen, könnte man dabei etwa das folgende Argument entgegenhalten:

In der rund 5.000jährigen Geschichte des Geldes hat es so viele Geldkrisen gegeben, dass es eine interessante Lebensaufgabe wäre, alle diese Krisen zu untersuchen und zu dokumentieren. Eines lässt sich dabei zweifelsfrei feststellen: Gold hat alle diese Krisen unbeschadet überstanden. Alle (!) Währungen, die es in dieser langen Zeit gegeben hat, sind dagegen wieder verschwunden.

Bleibt also die Frage, ob wir es derzeit mit einer Krise unseres Geldsystems zu tun haben oder ob alles in bester Ordnung ist.

Wer diese Frage für sich noch nicht entschieden hat, der möge vom Gold ruhig die Finger lassen und den Lauf der Dinge einfach noch ein wenig weiter verfolgen. Diejenigen, die schon etwas Gold besitzen, weil sie den frohen Botschaften in Politik und Medien misstrauen, sollten den jüngsten Preisrutsch dagegen für Nachkäufe nutzen – und in einer ruhigen Minute den jüngsten lesenswerten Beitrag von Bill Bonner studieren. Bonner kommt zu der überraschenden Feststellung, dass man es lieben muss, arm zu sein, ehe man reich werden kann: (Link)

Bei der Lektüre des Textes ist mir der Rat eines alten Mannes eingefallen, den dieser mir vor vielen Jahre gegeben hatte. Der alte Mann sagte:

„Drei Dinge, sind es, die Du sorgsam beachten musst:

Liebe den Menschen, mit dem Du bist,

den Ort an dem Du lebst

und die Arbeit, die Du tust.

Wenn Du diesen drei Dingen Deine ganze Aufmerksamkeit widmest, wirst Du niemals arm sein und ein glückliches und erfülltes Leben führen.“

Und das Beste daran: Es kann einem dann vollkommen gleichgültig sein, welche absurden Ideen in irgendwelchen Elfenbeintürmen ausgeheckt werden. Der Rat bewährt sich in jedem politischen Umfeld und in jedem noch so verrückten Geldsystem. Wenn das mal keine guten Nachrichten sind…

Andreas Hoose – Antizyklischer Börsenbrief



 

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Ein Kommentar auf "Ein Treppenwitz der Geschichte…"

  1. Argonautiker sagt:

    Einen Kommentar an den alten Mann der da sagte:

    Liebe den Menschen, mit dem Du bist,
    den Ort an dem Du lebst
    und die Arbeit, die Du tust.

    Alter Mann,
    es gibt eine Zeit in der man die Menschen aufeinander hetzten wird,
    an dem alle Orte „besessen“ sein werden,
    und du nur noch das machen kannst, was man dich machen läßt.

    Was tust du dann?

    Sorry, ich möchte nicht beleidigen, es wäre schon schön, wenn es denn so einfach wäre, und es nicht die pösen, pösen, Jungs gäbe, die nichts anderes gelernt haben, als diese heile Welt zu zerstören, weil sie gelernt haben, daß man daran so herrlich gut verdienen kann.

    Also diese drei Ratschläge hören sich für mich so an, als kämen sie von jemandem, der als kleiner Junge mal in den Hermann Hesse Topf gefallen ist, und nicht gleich wieder raus gekommen ist. 😉

    Gruß aus Bremen

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