Ein teures Vergnügen

7. April 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wenn naturwissenschaftliche Fächer und das lästige Rechnen gänzlich aus den deutschen Schulen verbannt wurden und sich die unterhaltsame Mischung aus Hoffnung und Marketing in den TV-Kanälen vollends durchgesetzt hat, spätestens dann wird man über Dinge wie Bilanzierungsstandards nur noch lachen. Wer braucht schon feste Regeln..

…wenn man mit ein bisschen Flexibilität aus der Bilanz ein paar bessere Zahlen herausquetschen kann. Es bleibt doch alles beim alten, 5 plus 5 ergibt irgendetwas zwischen 8 und 12. Falsch ist das nicht und mehr Genauigkeit ist reine Haarspalterei.

Die vergangene Berichtssaison war für die US-Titel erneut ein Trauerspiel. Die Erträge gingen mit zweistelliger Schrumpfungsrate zurück. Gleichzeitig öffnet sich die Schere zwischen adjustierten Gewinnen und den Zahlen, die sich gemäß Bilanzierungsstandard GAAP ergeben, immer weiter. Der echte Gewinnrückgang war mehr als doppelt so stark wie der Wert für die adjustierten Zahlen. Es geht doch nichts um ein paar Einmaleffekte, die man lieber auf die Gewinne drücken lässt.

EPS FactSet GAAP

Wenn die aktuellen Gewinne zu niedrig sind, greift man gerne mal auf die Schätzungen der künftigen, natürlich deutlich steigenden Gewinne zurück. So erhält man das „Forward PE“, sprich das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) basierend auf den Kursen von heute und den Gewinnen im kommenden Jahr.

Ob das sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt.

Besonders putzig sind sie, diese von vielen ausgewiesenen, auf Schätzungen der künftigen Gewinne beruhenden, Kurs-Gewinn-Verhältnisse. Da sieht aktuell für den breiten US-Markt hüben eine 16, drüben vielleicht sogar eine 15 vor dem Komma. Die Realität sieht anders aus. Ermittelt man das aktuelle KGV auf Basis der gemeldeten und dem Bilanzierungsstandard entsprechenden Zahlen so liegt das KGV des S&P 500 bei knapp 23. Der Index ist gemessen an dieser Kennzahl rund 40% teurer als mancher annimmt.

Gewinne

Angesichts sinkender Gewinne wird der Index seit einigen Quartalen trotz stagnierender Kurse immer teurer.

Die folgende maßstabsgetreue Darstellung zeigt den Unterschied zwischen den aktuellen Gewinnen und denen, die mancher sich erhofft, wenn er von einem 16er KGV spricht. Nebenbei bemerkt ist auch ein solches KGV keineswegs billig.

realgw

Der aktuelle Gewinntrend zeigt nicht die Anzeichen eines dynamischen Anstiegs, wie auch das ungeübte Auge rasch erkennen kann.

Belebend ist auch der Blick auf die Gewinne vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA), von Charlie Munger gerne als „bullshit earnings“ bezeichnet. Diese seit dem Junk Bond Spektakel in den 80ern gern genutzte und nicht sonderlich sinnvolle Kennzahl sieht von allen Ertragskennzahlen in der Regel am hübschesten aus. Nimmt das Verhältnis vom Kurs zum EBITDA so hat der S&P 500 gerade den Gipfel aus der Zeit der Jahrtausendwende erneut erklommen. Natürlich kann das die Auguren angesichts der niedrigen Zinsen nicht davon abhalten, die Bewertung für unwichtig und die Zentralbanken für allmächtig zu (v)erklären. Aber das ist auch gut so, denn jede Transaktion hat zwei Seiten.

pebitda

Viel Honig für den Anleger lässt sich aus der medial verbreiteten Dauerwerbesendung für bewertungsunabhängiges Geldanlegen nicht saugen. Allerdings sollte jeder die Verhältnismäßigkeit im Hinterkopf behalten.

Bevor man wegen 0% Zinsen auf dem Konto panisch auf Grund der vermeintlichen Alternativlosigkeit alles auf Schwarz setzt, sollte man  sich bewusst sein, dass auch rot kommen kann.

Der gefühlte Bullenmarkt ist nicht so fundamental begründet wie mancher meint. Die Gewinne des S&P 500 stehen in etwa auf dem Niveau von 2011. Damals stand der Index am Jahresende bei rund 1260. Jetzt steht er über 2000 und die Gewinne fallen seit einigen Quartalen. Aber dieses Mal ist eben alles anders, oder?

 

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Ein Kommentar auf "Ein teures Vergnügen"

  1. Skyjumper sagt:

    Und ab und an, wenn auch nicht besonders häufig, kommt weder schwarz, noch rot. Sondern grün. Das ist dann ganz häßlich.

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