Ein Schuft, wer Böses denkt…

17. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Während ich diese Kolumne schreibe, sind die Wahllokale in Griechenland noch geöffnet und kein Mensch weiß, was dabei herauskommen wird. Man ahnt nur – zu Recht wohl – dass am Montag kräftige „Verwerfungen an den Märkten“ entstehen werden. In welche Richtung, ist völlig offen…

Nur sitze ich nun da und frage mich allerlei, von dem ich ahne, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung Europas (im Rest der Welt schon gar nicht) sich diese Fragen eben nicht stellt. Zum Beispiel…

Warum ist diese Wahl denn so wichtig? In meinen Augen ist sie es nicht. Kaum jemand dort will den Euro loswerden. Es geht nur um die Sparvorgaben – aus Sicht Griechenlands auch zu Recht. Und da kommen doch eh Sirenengesänge aus Brüssel, die angeblich Lockerungen erlauben wollen. Die aber nichts bewegen werden, vermute ich – das wird sich aus Nachstehendem erschließen. Nein, mit solchen Ereignissen wie der Nachwahl wird doch nur von der Gesamtproblematik abgelenkt. Indem man die Augen der Menschen auf solche Teilbereiche lenkt, verlieren sie den Überblick auf das Gesamtbild und wollen ihn auch langsam nur zu gerne verlieren.

Nein, es geht nicht um den Euro. Es geht um die Vorgehensweise der EU, über die hier abgestimmt wird. Über diese seltsam dumm anmutende Idee, eine absaufende Wirtschaft durch ein Würge-Diktat aus Sparvorgaben angeblich heilen zu wollen, was nicht funktionieren wird und nie funktionieren konnte. Die Griechen würden den Euro natürlich gerne behalten wollen. Aber sie verlangen zu Recht, dass man den Menschen und der Wirtschaft auf die Beine hilft, nicht den Banken und dem Staat. Sicher, es geht dummerweise nicht anders, weil ein Zusammenbruch der Banken automatisch die Bevölkerung trifft, die dafür nichts kann. Aber wenn schon dreistellige Milliardenbeträge ins Land wandern, was würde es ausmachen, mit der Hälfte dieser Summe obendrauf gezielte Wachstumsimpulse zu schaffen, um dem Land die Chance zu geben, sich wieder zu stabilisieren? Ich habe mich seit Beginn der Krise immer wieder – auch in Kolumnen festgehalten (siehe das Archiv auf www.system22.de/kolumnen.html) gefragt, ob sich hinter so viel Fehlverhalten nicht doch Absicht verbergen muss. Ein Ziel, das sorgsam verborgen bleiben soll.

Was bezweckt man damit, Portugal und Griechenland auf die Barrikaden zu holen, indem man den spanischen Banken auf dem Umweg über den „Garantiegeber“ in Form dea spanischen Staates bis zu 100 Milliarden (die nicht reichen werden) in den Rachen wirft, ohne damit nennenswerte Auflagen zu verbinden, während vorgenannte Länder ebenso wie Spanien selbst für die Hilfspakete zuvor gezwungen wurden, eine taumelnde Wirtschaft unter dem Vorwand einer zu diesem Zeitpunkt völlig närrischen Haushaltskonsolidierung in den Abgrund zu stoßen? Ich frage mich seit 2010:

Kann man wirklich so dumm sein? Kann man wirklich immer und immer wieder das Gegenteil dessen tun, was angebracht ist? Sicher, es ist nicht erforderlich, eine fundierte Ausbildung und große Weisheit zu besitzen, um an die Schalthebel der Macht zu gelangen. Und die Geschichte lehrt uns, dass bisweilen sogar das Gegenteil hilfreich war. Aber wir haben doch genug Beispiele aus der Vergangenheit erlebt, die Entscheider haben Heerscharen an Beratern, die genug von der Materie verstehen. Und es ist ja zudem nixht nur eine Person alleine, sondern ein Kollektiv aus mehreren Entscheidungsträgern, das die Eurozone – unter permanenter gegenseitiger Beglückwünschung zu Entschlossenheit, Gradlinigkeit und Vernunft – über den Abgrund gestoßen hat. Denn wir stehen längst nicht mehr an dessen Rand.

Wie ist es möglich, dass ich kleines Licht von Anfang an vom „Totsparen“ schieb, die Entscheider aber erst in den letzten Monaten – und auch nur einige – langsam erkennen, dass dieser Weg der falsche war? Muss man denn nicht eigentlich unterstellen, dass sie es „angeblich“ erst jetzt erkennen? Man handelte wie jemand, der in der Wüste Trockenlüfter aufstellt, um blühende Landschaften (sorry, der Querhieb musste sein) zu erschaffen. Das kann nur zwei mögliche Ursachen haben, wie ich schon öfter unterstrich: Entweder, die Entscheider sind kollektiv unfähig – und zwar alle – oder es steckt eine verborgene Absicht dahinter. Eine dritte Möglichkeit erschließt sich mir nicht. Was könnte diese Absicht sein?

Sie erinnern sich vielleicht, dass ich anfänglich, als ich diese Frage erstmals aufwarf, darauf hingewiesen hatte, dass die beiden anderen großen Wirtschaftsmächte USA und China natürlich höchst erfreut sein müssen, wenn die Konkurrenz eines vereinten „Wirtschafts-Europa“ sich gegenseitig tot beißt. Und da diese Krise letztlich durch die plötzlichen massiven Verkäufe griechischer Bonds gezielt losgetreten worden ist, was man alleine daran sah, dass die faktische Schieflage des griechischen Haushalts erst dadurch aufgedeckt wurde und die Ratingagenturen erst deutlich später reagierten, statt zu agieren, lag der Gedanke nahe, dass dieser Stich in die Achillesferse von dort gekommen sein könnte. Vorzugsweise aus den USA, denn dort wissen die grauen Eminenzen in Wirtschaft und Politik sehr wohl, dass das nach außen vorgegaukelte Bild einer stabilen, mächtigen Wirtschaft auf Treibsand steht. Warum, will ich hier nicht weiter ausführen, darüber habe ich schon oft geschrieben und werde es weiterhin tun. Aber hier lautet das Thema Europa. Und in meinen Augen kann man zum jetzigen Zeitpunkt behaupten, dass der Anstoß zur Selbstzerstörung NICHT von außen kam. Denn… (Seite 2)

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13 Kommentare auf "Ein Schuft, wer Böses denkt…"

  1. Reiner Vogels sagt:

    Wenn ich mir das politische Personal ansehe, das in Euroland regiert, glaube ich nicht an eine raffinierte Geheimstrategie, sondern eher an kollektive Dummheit.

    In Deutschland spricht für diese Diagnose schon der astronomisch teure Wahnsinn der „Energiewende“. Wer derartige Irrenhauspolitik betreibt, dem ist auch in Sachen Euro eine vom Schwachsinn gelenkte Politik durchaus zuzutrauen.

    Das alles stimmt mich allerdings keineswegs fröhlich, sondern gibt Anlass zu großer Sorge. Denn das ist klar: Schlimmer geht immer.

  2. DukeNukem sagt:

    Ich kann mir auch nur vorstellen dass die meisten Politdarsteller unfassbar blöde sein müssen!
    Denn wäre die andere Theorie wahr, dann müssten sie ja unheimlich clever und intelligent sein.

    Aber das halte ich für ausgeschlossen 😉

    • cubus53 sagt:

      Die Politiker sind für mich keine Volksvertreter mehr, sondern eher Volksverräter. Das sieht man auch am ESM-Vertrag, der irgendwie an die Zustände in der DDR erinnert. Aber da kommt ja Frau Merkel auch her.

  3. stephan sagt:

    Ich sehe das genauso wie Reiner und glaube insoweit nicht an „Verschwörungstheorien“. Man muss sich nur die Konstruktion des Euro anschauen: Er ist als Schönwetterwährung angelegt, die genau solange Bestand hat, wie aufgeschuldet werden kann. Ist das Ende der Fahnenstange erreicht, ist es mit dem Euro/EU-Frieden vorbei. Jedwedes gemeinsam vereinbartes EU-Recht wird nach allen Regeln der (Politiker-) Kunst gebrochen, um die substantiellen Unzulänglichkeiten der gemeinsamen Kooperation zu kaschieren und die Verluste gegenüber der Bevölkerung nicht zugeben zu müssen.

    Nein, da steckt kein Plan dahinter, sondern planloses Handeln im von Anfang an nicht berücksichtigten Krisenfall. Da die EU (bisher – hoffentlich kommt’s nicht noch anders) nur ein Staatenbund ist, bleibt es letztlich dabei, dass die nationalen Interessen (völlig zu Recht) vorgehen. Die Politiker müssen ihren Bürgern zu Hause erklären, warum sie bestimmten, belastenden (!) Maßnahmen zustimmen. Irgendwo ist mit den Belastungen verständlicher Weise Schluss. Bei 27 EU-Staaten lässt sich insoweit eine bestimmte Entwicklung, wie die Krisensituation endet, sicher nicht absehen und schon gar nicht lenken.

    Selbstverständlich mag das jeder sehen, wie er will.

  4. cubus53 sagt:

    Wenn ein Land mit gerade mal 2% Wirtschaftsleistung innerhalb der EU die Währung bzw. die Union als Ganzes gefährden kann, dann ist der Euro ganz offensichtlich eine Fehlkonstruktion.

  5. Wollen sagt:

    Das Kaspertheater um die unwichtigen Griechen wird noch bis zu den amerikanischen Wahlen weiter gehen, immer schön hinauszögern, ohne wirklich Konkretes zu liefern..
    Es wird alles bedingungslos gerettet,zum Wohle Europas.

  6. mfabian sagt:

    „Operative Hektik ersetzt geistige Windstille“.
    Dieser Spruch kommt mir immer in den Sinn, wenn ich kopfschüttelnd beobachten muss, wie die europäischen Volkszertreter wieder mal re-agieren statt das Zepter in die Hand zu nehmen und zu agieren.

    Aber was anderes:
    Ist Griechenland wirklich am Ende und hat keinen Business-Plan?
    Ich weiss nicht, ob das vielleicht nur eine Verschwörungstheorie ist aber Griechenland soll südlich von Kreta Erdöl und Erdgasvorkommen im Wert von geschätzten €20 Billionen (ja, 20000 Milliarden Euro) haben. Sollte das stimmen, könnte Griechenland – so es sich denn entschlösse, diese Vorkommen auszubeuten – die aktuellen Schulden in Höhe von €350 Mrd. aus der Portokasse bezahlen.

    Ist da was dran oder nur ’ne schöne Verschwörungstheorie?
    Hier ein Link: http://politiker-unter-kritischer-beobachtun.blogspot.de/2012/05/griechenland-besitzt-unmengen-erdgas.html?zx=979f8996c127212b

    Andere Quelle: http://alternativeeconomics.wordpress.com/2012/03/05/greeces-oil-and-gas-potential/

    • Avantgarde sagt:

      Daran hab ich auch schon gedacht – aberja es ist VT – dewegen bin ich da auch vorsichtig und bin auch kein Geologe.

      Merwürdigerweise würden all die Kontraproduktivmaßnahmen des Kaputtsparens der EU dann allerdings einen Sinn ergeben – ebenso wie die „Hilfe“ von GS zuvor.
      Denn wie sollte Total,Shell,BP,Statoil.. auch sonst für n Appel und n Ei an die Reserven kommen?

      Die übliche Vorgehensweise bei Entwicklungsländern mit Rohstoffen läuft doch auch immer so ab.
      Erst Kredite großzügig vergeben bis sie nicht mehr zahlen können, etwas korrumpieren und dann die Bodenschätze ausplündern.
      Auch unter dem Namen Entwicklungshilfe bekannt – der IWF hat da einschlägige Erfahrungen…

  7. schlussstrich sagt:

    Politiker sind nur in unseren Augen blöde weil wir das System ihres Handelns nicht verstehen. Also müssen wir uns fragen „was könnte deren wirkliches Ziel sein?“
    Keine Frage, niemand glaubt ernsthaft an das Fortbestehen des überschuldeten Geldsystems, das geht mathematisch nicht.
    Wie ist also der Weg?
    Die Banken erhalten die Legitimation, Unsummen an andere Banken zu überweisen (Rettungsschirme) und für das Volk in Griechenland fällt davon nicht mal genug ab um die Versorgung mit Blutplasma noch zu gewährleisten. Also:
    Schritt 1: Geldanhäufung(erzeugung) im Bankensystem rechte Tasche linke Tasche auf Veranlassung der Politik.
    Schritt 2: Fiskalpakt und ESM etablieren die ungewählte EU-Regierung endgültig.
    Schritt 3: die in den Banken gehorteten Milliarden werden zum richtigen Zeitpunkt, nach einen gewaltigen Aktiencrash, dazu genutzt, zum kleinsten Preis das angehäufte Rettungsgeld in Sachwerte zu investieren.
    Schritt 4: Dann darf der Euro crashen.
    Ergebnis: den Banken gehört die physische Welt, der Euro ist tot. Die EU hat die Regierungsmacht, die hinderlichen Volkswahlen sind endlich abgeschafft und man kann bei Null wieder beginnen.
    Mit weißer Weste ohne Schulden und als Besitzer aller relevanten Sachwerte.
    Und wir halten die Politik für blöd weil wir sie nicht verstehen?
    Wenn du dich gegen einen Feind schützen willst, denke wie er !

    • Wollen sagt:

      Regierungen wissen auf Jahrzehnte hinaus welche Strategie sie anwenden wirtschaftlich und politisch.
      Bin mir nur unsicher ob jedes Land bzw. die Regierungen ihr „Europa“ auch wirklich möchten.Ganz ehrlich, das Brüsseler Parlament so wie es jetzt arbeit ist einfach untauglich für größere wirtschaftliche politische Aufgaben.Da fehlt es schon an Fachkompetenz.
      Oder ob hier nur in Deutschland noch von einem Europa geschrieben wird;)

  8. Cassy sagt:

    „GIB MIR DIE KONTROLLE ÜBER DAS GELD EINER NATION UND ES INTERESSIERT MICH NICHT, WER DESSEN GESETZE MACHT.“ (Rothschild)

    Wir müssen uns damit abfinden, dass Politiker nur Schauspieler in einem großen Schmierentheater sind. Egal ob clever oder naiv, sie werden die Hand welche sie füttert wohl kaum beißen. Und sollte es doch einer wagen, wird er rasch verhungern.

    • zweifel sagt:

      Richtig. Aber es stellt sich ja trotzdem die Frage, was eigentlich bezweckt wird. Von wem, ist/wäre zwar sicherlich sehr hilfreich für die Beantwortung dieser Frage, aber letzlich sehen wir ja nur das, was passiert (oder was wir davon zu sehen überhaupt in der Lage sind).

      Und da kann ich mir wie Herr Gehrt nur schwer vorstellen, dass das ganze nicht irgendwie zielgerichtet ist, auch wenn die Darsteller das höhere Ziel vielleicht nur in den selteneren Fällen selber durchschauen. Komme aber durch die Frage „wem nutzt es ?“ zu einem ganz anderen Schluss: nicht einem „starken Resteuropa“ nutzt es, Chaos zu stiften um irgendwelche schwächeren Staaten ohne Gesichtsverlust loszuwerden (das ist meine vielleicht etwas platte Interpretation dessen, was Herr Gehrt schreibt), da der übrige Rest letztlich auch immer schwächer und anfälliger gegenüber Angriffen wird bzw. diese Schwäche schon im (Geld)system so angelegt ist. Es nutzt denjenigen, denen aus einem funktionierenden Europa eine direkte Konkurrenz für ihre eigene Stärke erwächst. Wenn diese mit Rat und Tat, aber in Wahrheit in eigenem Interesse, den hiesigen Entscheidungsträgern/Darstellern zur Seite stehen würden, käme in etwa das dabei raus, was wir täglich beobachten dürfen.

      Der gefährlichste Feind ist der, den man für seinen Freund hält. Und wenn jemand sich ständig verhält wie der gefährlichste Feind sollte man irgendwann einmal anfangen zu überlegen, ob er wirklich der gute Freund ist, wie er von sich behauptet…

  9. witok sagt:

    Wollen verstehen EU ?

    Das EU-Parlament hat eh nur die Beschluesse der Kommission abzunicken.
    Und das machen die brav fuer ihre fetten Diaeten.

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