Ein Schock kommt selten allein

14. April 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Manfred Gburek) Alt-Bundeskanzler Konrad Adenauer benötigte nie viele Worte, um die Dinge auf den Punkt zu bringen. Er sagte zum Beispiel: „Die Lage war noch nie so ernst“ – und schon konnte er seinen Dickschädel durchsetzen. Heute ist alles viel komplizierter, etwa wenn es um den Euro und die untereinander zerstrittenen Euro-Länder geht. Man könnte auch sagen: Die Lage ist noch ernster geworden…

Das hat George Soros, der große Spekulant und – wegen seiner Spendierhosen – vermeintliche Retter der Welt, neulich mit dem folgenden Satz auf den Punkt gebracht:

„Die Euro-Zone steuert meiner Ansicht nach auf eine Tragödie historischen Ausmaßes zu.“

So eine Aussage macht neugierig. Also hurtig den gerade veröffentlichten April-Monatsbericht der Europäischen Zentralbank gesichtet und der Tragödie auf den Grund gegangen. In dem Bericht ist nämlich auf 17 Seiten ein Beitrag mit dem Titel zu finden: „Analyse der Tragfähigkeit der Staatsverschuldung im Euro-Währungsgebiet“. Schwerer Stoff, deshalb hier nur zwei Zitate. Das erste:

„Künftige Schocks werden sich von den bisher beobachteten unterscheiden, sodass die politischen Akteure nicht genug Zeit haben dürften, ihren Kurs entsprechend anzupassen.“

Im Klartext: Soros könnte recht behalten.

Nun das zweite Zitat aus dem Bericht, das Ihnen zwar ein wenig mehr Geduld abverlangt, aber einen besonders wunden Punkt der Euro-Zone berührt:

„Was die nähere Zukunft betrifft, so müssen die Vereinbarungen, die im Zuge der Tagungen des Europäischen Rates vom 8./9. Dezember 2011 und 30. Januar 2012 getroffen – und am 2. März unterzeichnet – wurden und zu denen auch die Verpflichtung zählt, im Rahmen des neuen Vertrags über Stabilität, Koordinierung und Steuerung in der Wirtschafts- und Währungsunion einen neuen Fiskalpakt zu schließen, der auch eine ‚Schuldenbremse‘ vorsieht, strikt eingehalten werden.“

Danke für Ihre Geduld, jetzt kommt die Auflösung des Bandwurmsatzes mit einem kurzen Soros-Zitat:

„Der von Deutschland vorangetriebene Fiskalpakt treibt Europa in eine deflationäre Schuldenfalle.“

Was hat es mit dem ominösen Fiskalpakt auf sich? Er enthält vor allem „die im Rahmen eines völkerrechtlichen Vertrags auf europäischer Ebene festgeschriebene Regel eines strukturell ausgeglichenen Haushalts. Diese soll in nationales Recht umgesetzt und mit einem im Fall von Abweichungen automatisch greifenden Korrekturmechanismus (der sogenannten Schuldenbremse) kombiniert werden.

So weit der O-Ton der Europäischen Zentralbank. Nun ist Schluss mit den Zitaten. Immerhin kann man ihnen entnehmen, dass es sehr schwer, wenn nicht sogar unmöglich sein wird, den Fiskalpakt durchzusetzen. Denn wer kann schon daran interessiert sein, die Haushaltsdisziplin zu wahren, wenn eine „deflationäre Schuldenfalle“ droht? Im Zweifel niemand…

Was hat das alles – letzten Endes auch für Ihre Geldanlage – zu bedeuten? In Bezug auf Soros erst einmal, dass er im Wesentlichen das deutlich ausspricht, was der EZB-Monatsbericht verklausuliert zum Besten gibt: Politiker sind nur unzureichend auf künftige Schocks vorbereitet, das heißt, sie werden den Euro nicht retten können. Dass der deshalb gleich auf „eine Tragödie historischen Ausmaßes“ zusteuert, muss man Soros aber nicht unbedingt abnehmen. Denn dafür ist der potenzielle Weltretter viel zu sehr Spekulant, wobei dahingestellt sein mag, ob er nicht schon längst gegen den Euro spekuliert wie weiland 1992 – damals mit großem Erfolg – gegen das Britische Pfund… (Seite 2)

 

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5 Kommentare auf "Ein Schock kommt selten allein"

  1. Fnord23 sagt:

    Lieber Herr Gburek,
    vielen Dank für Ihren Beitrag. Es ist noch früh am Morgen. Jetzt hab ich mir schon 7 mal diese beiden Sätze durch gelesen:

    „Während es bei Inflation einen Gewinner (den Schuldner) und einen Verlierer (den Gläubiger) gibt, ist der Gläubiger im Fall der Deflation nur so lange der Gewinner, wie der Schuldner zahlen kann. Doch sobald dieser zahlungsunfähig ist, was bei Deflation ja schnell passieren kann, wird der Gläubiger zum Verlierer.“

    Mir kommen da so ein paar Gedanken (schwierig um die Zeit)

    Wir leben in einem inflationierten Geldsystem. Eine Ausweitung der Geldmenge findet ständig statt, weil sonst exitus.
    Was meinen Sie also mit „Inflation“? Was ist an diesem Zustand besonders erwähenswert? Außer die Hyperinfla. Bei welcher Höhe die auch beginnt? Solange die neuen Billionen FIATgeld nicht im Wirtschaftskreislauf landen, sondern nur im Finanzsystem hin und her her gecshoben werden ist alles ok. Wobei das auch nicht zutrifft. Die Zeug will Zinsen und zieht die dafür benötigten Geldmenge wohl aus dem Wirtschftskreislauf ab.
    Naja, das ist aber auch schon immer so. Das Problem ist die Beschleunigung des Prozesses auf Grund der exponentialen Funktion.Bis jetzt kommt man da gut hinterher.

    Der Gläubiger ist immer der Verlierer, sobald der Schuldner ausfällt.

    Bei Inflation ist der Schuldner nur dann der Gewinner, wenn es ihm gelingt, auch eine Einkommensinflation in gleicher Höhe zu erzeugen.

    Die Preissteigerungen durch Inflation sind bei Energie und Nahrung ja höher als die Inflationsraten von 2-3%. So muss ich einen immer größeren Teil meines nicht im diese Prozentpunkte steigenden Einkommens für Lebensnotwendiges ausgeben. Das heißt: Die Höhe des verfügbaren Einkommensanteils zur Bedienung des Schulddienstes sinkt.

    Bei einer Deflation sinken die Preise auf breiter Front. Das wird auf die Einkommen drücken usw. So die klassische Theorie. Wobei ich nicht glaube, dass es so klassisch ablaufen wird. Da die Unternehmen nicht so schnell die Lohnkosten senken werden können, wie es sein müßte…..die Preise für Nahrung werden trotzdem steigen.

    Naja, ein weites Feld. Nur mal so ein paar Gedanken. Ein Absinken der Geldmenge hat natürlich noch schlimmer Auswirkiúngen auf Einkommen/Preise.

    Ich persönlich halte einen deflationären Schock für möglich. Wurde ja schon mehrfach verhindert. Ob man das immer schaffen wird?

    VG ins Land

    • Avantgarde sagt:

      „Was meinen Sie also mit “Inflation”? Was ist an diesem Zustand besonders erwähenswert? “

      Gar nichts ist daran erwähnenswert.
      Und statt dem schnittigen Wort Inflation(hat in D eine besondere Bedeutung) könnte man auch das etwas unspektakulärere Wort Preissteigerungsrate benutzen.
      Bei 1,2,3 Prozent genügt zweiteres Wort völlig.

      „Ich persönlich halte einen deflationären Schock für möglich. Wurde ja schon mehrfach verhindert. Ob man das immer schaffen wird?“

      Und nicht, daß ich mir das wünschen würde – aber so ein Schock ist durchaus möglich.
      Es stand bereits Spitz auf Knopf bei so mancher Rettungsaktion – denn wenn zu spät eingegriffen wird und einige zig Billionen kommen erst mal ins Rutschen dann gibt es kein Halten mehr.

  2. mfabian sagt:

    Die Amerikaner haben ein schönes Sprichwort: „Wenn Dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus.“

    Ganz auf dieser Linie schreibt Adam Hamilton:
    „Das Problem mit den Zentralbanken besteht jedoch darin, dass sie nur eine Sache tun können, nämlich Geld in den Markt pumpen. Wenn dies das Einzige ist, was Sie tun können, scheint Ihre Druckerpresse die Lösung für alles zu sein. Wir stehen vor einer Rezession? Werft die Druckerpresse an. Eine Aktienkrise führt zu einer extremen Angstwelle? Werft die Druckerpresse an. Es gibt immer mehr Teenager-Schwangerschaften? Werft die Druckerpresse an. Aliens überfallen die Erde? Werft die Druckerpresse an. Als die Subprime-Krise im Jahre 2007 losbrach, warf Bernanke also pflichtbewusst seine Druckerpresse an.“
    (Quelle: Englisches Original: http://www.zealllc.com/2012/goldqe3.htm
    Deutsche Übersetzung: http://www.goldseiten.de/artikel/134036–Verunsicherung-bei-Goldhaendlern~-Keine-Aussicht-auf-QE3.html?seite=1 )

    Entsprechend ist es nicht verwunderlich, dass die Zentralbanken dieser Welt auf Deflation (= Entwertung von Assets) mit Inflation (= Ausweitung der Geldmenge) reagieren. Beides zusammen nennt sich dann übrigens REFLATION.

  3. Wollen sagt:

    Einige User schrieben schon vor einem Jahr von einem „japanischen Szenario“ in einschlägigen Internetforen.

    22 Jahre nach dem Zusammenbruch der Immobilienblase in Japan,zum heutigen Zeitpunkt ist das Ergebnis dürftig, was die ganze ehemalige Export Industrienation aufzubieten hat, wirtschaftlich im Dauerstützungsmodus..

    Das soll es nun sein?

  4. Avantgarde sagt:

    @Wollen

    Das Japanszenario wird schon wesentlich länger diskutiert.
    Und zwar schlicht aus der Überlegung, daß ein Kreditgeldsystem rein systemisch in dieser Phase extrem schwer zu inflationieren ist.

    Es zeigt sich halt immer wieder, daß es eben nicht so einfach ist mit Geld „drucken“ mal eben den Schalter umzulegen und Inflation zu erzeugen.
    Man muß sich nur mal den Nikkei anschauen.

    Ich würde nicht sagen, daß das was in Japan passiert dürftig ist – immerhin ist es für den Großteil der Bevölkerung bisher glimpflich verlaufen.
    Die USA würden von so einer Entwicklung bedeutend schlimmer getroffen – deren Werkbänke sind schon alle nach China verschifft worden…

    Japan wird durch seine Nuklearindustrie und die Vorgänge in Fukushima auf lange Sicht weiter zurückgeworfen werden als durch die vergangenen 20 Jahre.
    DAS ist wirklich schlimm.

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