Ein Ruck geht durch Deutschland…

25. Juni 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Die realen Löhne in Deutschland steigen so stark wie lange nicht, heißt es aus der Zentrale für kunterbunte Meldungen vom einem anderen Stern. Was man sich dann alles zusätzlich leisten kann, außer Schreie vor Glück…

Reallohnsteigerung bedeutet nichts anderes, dass vom Plus beim Bruttolohn die offizielle Teuerungsrate abgezogen wird und schon wird daraus ein Sommermärchen. Und in der Tat! Bei einem Lohnplus von 2,6 Prozent bei einer offiziellen Hochkonjunktur und einer Teuerungsrate von offiziellen 1,2 Prozent steht dem Glück jetzt gar nichts mehr im Wege. Nur noch ein verlorenes Endspiel, sollte es soweit kommen.

Erinnern Sie sich? Trotz aller Verheißungen aus dem letzten Jahr ist der Reallohn 2013 noch um 0,1 Prozent gesunken, aber 2014 wird der Geldbeutel platzen. Wie Sie wissen, ist eine aufgeschobene Prognose, selbst wenn man sie 20 Jahre lang geschoben hat, immer ein Gruß aus der Zukunft. Manche Prognose trifft nur verspätet ein wie die Bahn, wenn sie kommt.

Steigende Löhne, flaue Teuerung, und fertig ist das Glück, wobei die EZB ja dafür sorgen möchte, dass die Inflation steigt und der reale Lohn wieder sinkt. Wie, Sie haben keine 2,6 Prozent mehr Lohn bekommen? Sie spüren auch noch eine höhere Inflation als offiziell ermittelt? Dann gehen Sie endlich mal zum Arzt!

2013 verdienten die Voll- und Teilzeitbeschäftigten im produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich pro Stunde 19,65 Euro brutto. Hoppla! Langsam geht es wieder in Richtung 1992, als die Reallöhne noch etwas höher standen als heute. Dazwischen gab es ja einige statistische Anpassungen der Teuerungsrate, so dass wir vielleicht nie wieder das 92er Niveau erreichen. Wen stört`s?

Martin Winterkorn von Volkswagen mit 15 Millionen Euro für 2013 und 1.000 Spargelstecher in Wolfsburg werden wohl zusammen mehr pro Stunde verdienen als diese 19,65 Euro im Durchschnitt. Gibt es in Wolfsburg eigentlich Spargel? Den VW Spargel? Laut Statistischem Bundesamt sind die Löhne der Oberen um 4,1% gestiegen, die der Unteren um 1,3 Prozent. Man soll die Feste feiern, wie sie fallen.

Nähert sich 2014 der Reallohn wirklich wieder dem Niveau von 1992, dann hat der Arbeitnehmer seit 21 Jahren keinen Reallohnzuwachs erlebt, was die Flaute im Einzelhandel erklärt, jedoch nicht die Konsumwilligkeit laut Konsumforschern aus Nürnberg.

Was noch auffällt ist, dass am wenigsten die Ungelernten in Mecklenburg-Vorpommern verdienen, nämlich 9,07 Euro pro Stunde. Aber bald kommt ja der Mindestlohn von 8,50 Euro.

Doch langsam… Heute genügt es, die Jubelmeldungen aus den Medien zu konsumieren, um sich reicher zu fühlen. Der deutsche Michel ist das Maß halten gewöhnt, hat das zwei Jahrzehnte lang erfolgreich getan und sich an Bescheidenheit gewöhnt. Seiner Begeisterungsfähigkeit für Jubel aus den Stuben der Statistikämter hat das nicht geschadet. Im Gegenteil!

Im Jahr 2013 arbeiten lt. Statista die Angestellten 1.640 Stunden. Selbstständige, wie der Name schon sagt, selbst und ständig, 400 Stunden mehr… (Quelle: Statista)

Infografik: Angestellte arbeiten weniger als Selbstständige | Statista

Gleichzeitig nahmen die Arbeitsstunden zu, im ersten Quartal 2014 um 2,8 Prozent auf knapp 15 Milliarden Stunden. Zur Erinnerung: Die Löhne sind um 2,6 Prozent gestiegen. Das Arbeitsvolumen lag fast so hoch wie 1993.

Infografik: Deutschland arbeitet so viel wie lange nicht mehr | Statista

Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Unbezahlte Überstunden sind natürlich nicht berücksichtigt. Moment, länger arbeiten für den gleichen Lohn abzüglich einer statistisch verdeichselten Inflationsberechnung von der Südseite des Mondes geteilt durch… Hey, Champagner! Es wird noch besser… (Seite 2)



 

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2 Kommentare auf "Ein Ruck geht durch Deutschland…"

  1. Traumschau sagt:

    Vielen Dank für diesen Super-Beitrag!!
    Dazu ein passender Artikel von „Querschüsse“, der zum selben Ergebnis kommt (Einleitung):

    „Das Statistische Bundesamt berichtete heute von einem Anstieg der Reallöhne in Deutschland im 1. Quartal 2014 von +1,3% zum Vorjahresquartal. Das klingt im ersten Moment gut und gierig stürzen sich die Mainstreammedien mit ihren Jubelmeldungen auf diesen Fakt. Nur es ist ein ganz normaler Vorgang, ….denn ja, in einer erfolgreichen Volkswirtschaft, dem deutschen Nettoexportmeister, zugleich mit dem höchsten realen BIP-Wachstum in der Eurozone im 1. Quartal 2014, sollten auch die Reallöhne steigen. Nicht normal hingegen ist und dies wird unisono unterschlagen, immer noch liegen die Reallöhne in Deutschland unter dem Niveau von 1992! Aber wer will in der Stunde der “Erfolge” schon den kritischen Blick schärfen ….?“

    http://www.querschuesse.de/deutschland-reallohn-hausse-endlich/

    LG Traumschau

  2. Skyjumper sagt:

    Humor ist eben wenn man trotzdem lacht.

    Man kann dieses statistische Sammelsurium nun noch ergänzen um die Anzahl der Beschäftigten. Diese lag 1993 bei rund 37,7 Mill. und aktuell bei knapp 42 Mill., also etwa 4,3 Mill. mehr Arbeitnehmer. Jetzt nochmal ein Blick in die Grafik aus dem Beitrag: Uups, das Gesamtvolumen der geleisteten Arbeitsstunden ist im gleichen Zeitraum etwa gleichgeblieben. Trotzdem soll die Anzahl der jährlichen Arbeitsstunden bei Vollzeitbeschäftigten annährend gleich geblieben sein. Tja, da möchte man dann doch nicht zu den Teilzeitbeschäftigten gehören. Denn dort bleibt für immer mehr Beschäftigte offenbar immer weniger Arbeitszeit übrig.

    Da nützt dann wohl selbst ein Stundensalär von 19,65 € (und ich bin mir gaaaaanz sicher, das gerade die Teilzeitbeschäftigten das bekommen 🙂 ) nicht aus um monatlich auf netto 1.345,- € zu kommen.

    Tja: Nun gleicht das Statistiksammelsurium immer mehr der Currywurst-Pommes die hier letztens so dekorativ präsentiert wurde. Aber auch über sowas freuen sich ja offenbar viele Mitbürger. Und wenn ich erst an die wahnsinnigen Rentenansprüche denke die sich aus solchen Einkünften ergeben………..Himmel hilf, Malle, Toskana oder Türkei wird wohl nix für die künftigen Rentner, die lassen es sich bestimmt in der Karibik gutgehen. Bei soviel Rente.

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