Ein Metall, zwei Preise

23. Februar 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Florian Grummes

Woher resultierte die Differenz zwischen dem Goldfixing in Shanghai und London? Mitte November 2016 bildete sich eine größere Preisdifferenz zwischen den Goldfixings in Shanghai und London heraus. Was bedeutet dies für den Goldmarkt und wer wird davon profitieren?

Als die Shanghai Gold Exchange (SGE) am 19. April 2016 begann, ein eigenes Fixing für den Goldpreis abzuhalten, wurde dies im Westen kaum registriert. Zwar ist die SGE eines der wichtigsten Handelszentren für das Edelmetall, aber der Dreh- und Angelpunkt des Golduniversums ist trotz aller Skandale um die dortigen Fixingpraktiken nach wie vor die London Bullion Market Association (LBMA). Dass der Westen Schanghai nur bedingt wahrnimmt, erklärt sich auch aus einigen Besonderheiten der dortigen Börse.

Während der Londoner Good-Delivery-Standard eine Reinheit von wenigstens 99,95% vorschreibt, bevorzugen die Chinesen einen Reinheitsgrad von 99,99%. Zudem wird das Gold in Schanghai in Gramm gehandelt und – sehr viel wichtiger – in der chinesischen Landeswährung Renminbi Yuan anstatt in der Weltleitwährung US-Dollar. Das entscheidendste Detail aber ist, dass in Schanghai das gehandelte Gold zwingend physisch vorhanden sein muss: Sind in London die allermeisten Käufer mit einem Cash Settlement zufrieden (bzw. müssen sich einfach damit begnügen), hat hingegen auch physisch zu liefern, wer in Schanghai verkauft.

Im November trennten sich die Kurse

Betrachtet man nun die Kursentwicklungen in Schanghai und in London, fällt auf, dass die Kurse zumeist relativ gleichmäßig miteinander liefen (vgl. Abb. 1). Schwankungen im Bereich einiger Dollar lassen sich mit der Zeitdifferenz der Fixings hinreichend erklären: Wenn in Schanghai die Nachmittagspreissetzung erfolgt, dauert es noch mehr als vier Stunden bis zum Londoner Vormittagsfixing. Bereits im Sommer gab es allerdings von Juni bis August einige größere Preisabweichungen (vgl. Abb. 2), und interessanterweise war bereits damals in der Mehrheit der Fälle der Preis in Schanghai höher als der in London.

Aber auch in diesen Fällen näherten sich die Kurse meist innerhalb eines Tages, maximal innerhalb von drei Tagen wieder aneinander an. Ab Mitte November 2016 aber konnten wir eine andere Entwicklung beobachten: Die Preise in Schanghai und London spreizten sich auseinander. Die (bisherige) Spitze wurde am 15. Dezember erreicht, als der Preisunterschied zwischen an der LMBA gehandeltem Gold und dem an der SGE gehandelten mehr als 54 USD betrug. Bemerkenswerterweise markiert dieser Tag auch den Schlusspunkt der im September 2016 begonnenen Abwärtskorrektur des Goldpreises. Mit der starken Erholung des Preises, die zeitgleich mit dem neuen Jahr einsetzte, verschwand die Preisdifferenz innerhalb von nur eineinhalb Wochen.


West und Ost im Auge haben

Damit ist klar, dass jeder Goldinvestor in Zukunft die Preise in London und in Schanghai im Auge haben muss. Wird die Kursbewegung der einen Börse von der anderen nicht oder nur deutlich langsamer und verhaltener mitgemacht, kann der Anleger daraus folgern, dass die Bewegung selbst zu stark und vermutlich nicht nachhaltig ist. Mit Blick auf die Kursbewegungen im November und Dezember konnte man also folgern, dass der Rutsch bis auf rund 1.130 USD übertrieben war, da an der SGE diese Bewegung nicht mitgemacht wurde. Für kurz- bis mittelfristig orientierte Trader ergibt sich hier ein interessanter und hilfreicher Indikator. Auch Käufer physischer Ware sollten auf diesen Indikator achten, um besser abschätzen zu können, ob der aktuelle Kurs ihres Händlers teuer, angemessen oder günstig ist: Wenn das Angebot unter dem Schanghaier Spotpreis liegt, ist es zumindest kurzfristig günstig.

Abb. 2: Preisdifferenz zwischen London und Schanghai. Schwankungen innerhalb von 10 USD sind zu vernachlässigen, Ausreiser werden meist innerhalb eines Tages korrigiert. Von Mitte November 2016 bis Anfang Januar aber bestand ein andauernder deutlicher Preisunterschied.

Attraktiver Arbitragehandel

Da die Preisdifferenz inzwischen wieder abgebaut wurde, bestätigte sich die seit Jahren immer wieder geäußerte Erwartung vieler Edelmetallexperten, dass sich der „papierene“ und der physische Goldmarkt irgendwann trennen, einmal mehr nicht. Spannend ist hingegen ein anderer Aspekt, der durch die Preisdifferenz hervorgerufen wird und in der Regel eben diese auch wieder zum Verschwinden bringt – der lohnende Arbitragehandel. Bei einer Kursdifferenz von 30 USD pro Unze lässt sich ein Bruttogewinn von rund einer Million USD beim Verkauf einer Tonne Gold erzielen. Die Kosten für Transport und Versicherung fallen bei einer solchen Summe nicht mehr groß ins Gewicht.

Die Konsequenzen sind klar: Jedes Mal, wenn eine derartig große Preisdifferenz zwischen Schanghai und London über einen längeren Zeitraum besteht, wird physisches Gold aus dem Westen ab- und dem Osten, d.h. China, zufließen. Da Peking zudem die Import- und – man lese und staune – auch die Exportbedingungen für Edelmetalle liberalisiert, steht zu erwarten, dass auf mittel- und langfristige Sicht die jeweils kurzfristigen Arbitragemöglichkeiten dazu führen werden, dass sich die Verkäufer von physischem Gold mehr und mehr nicht alleine an den Kursen in Schanghai orientieren, sondern den Handel gleich ganz in die Metropole am Jangtsekiang verlegen. Mit anderen Worten: Über kurz oder lang könnte die SGE der LBMA den Rang ablaufen. Unabhängig davon aber dürfen sich die Anleger über die größere Transparenz am Goldmarkt freuen.

© Fabian Grummes – Homepage vom Smart Investor

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