Eigentlich ist alles gesagt

4. Oktober 2009 | Kategorie: Kommentare

Ausgehend von den Erfahrungen der Geschichte und den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte würde es mich wundern, wenn die Dinge auf einmal besser werden würden. Wir hatten eine gute Zeit. Man kann sagen, dass es uns durchschnittlich nicht schlecht geht. Doch die Details sehen anders aus.

Zeitenwenden – und ich vermute, ohne es genau zu wissen, es handelt sich um eine solche, haben ein Vorspiel, einen Hauptakt und ein Nachspiel. Erst ist es eine Komödie, später eine Tragödie. Wenn der letzte Vorhang gefallen ist, kommt die Erkenntnis.

Geschichte vollzieht sich wellenförmig. Das was wir gerade erleben, sieht nach einer ersten großen Bugwelle aus, ohne dass die Lernkurven steil ansteigen, auch wenn man sich das offiziell wünscht und sich deshalb auch in London zusammenfindet. Wir sitzen inmitten in einer Vorstellung, in der dem Besucher einiges abverlangt wird. Zeitenwenden haben ihr Vorspiel.

Für uns wurde irgendwann mal entschieden, mit anderen Ländern in einen Wettbewerb zu treten, mit ihnen zu handeln, gleichzeitig ihnen aber auch zu sagen, wie sie sich benehmen sollen und wie nicht. Anfangs haben die fernen Länder die Bedingungen akzeptieren müssen. Jetzt beginnen sie, selbst Bedingungen aufzustellen und sind damit recht erfolgreich geworden, wenn man nur nach China schaut. Wir meinen, davon profitieren zu können, indem wir den Ländern Rohstoffe und den restlichen Kram billig abkaufen. Vielleicht haben wir das auch. Die Geldströme bewegten sich zugleich aber weg von uns und hin zu ihnen. Es hat sie reicher gemacht, von einer sehr niedrigen Basis aus. Wir schicken ihnen Arbeit und damit zunehmendes Wachstum und etwas Wohlstand. Dabei haben wir dafür gesorgt, dass sie ihre Kapazitäten ohne Rücksicht auf andere Dinge ausbauen konnten und nun über Produktionsmittel besitzen, die wir zu Hause gerade abbauen. Man nennt das fortschrittlich, modern, dynamisch, aufstrebend und zukunftsweisend. Doch eigentlich ist es zynisch.

Dienstleistungsgesellschaft ist ebenso ein moderner Ausdruck, dass wir uns gegenseitig Dienste angedeihen lassen, weil wir ja nicht mehr viel zu produzieren haben, außer noch verrücktere Ideen.

Viel Krach – wenig dahinter

Ich vermute, wir sind mit unseren so modernen Modellen gescheitert. Auch wenn SPD-Arbeitsminister Scholz nicht müde wird, an einer Vollbeschäftigung festzuhalten, die Realität sieht anders aus. Scholz sollte mal eine Woche in einem Sozialamt oder einem Arbeitsamt Dienst tun, in der Serie „Mein neues Leben“ eine Woche lang einem 1-Euro-Job nachgehen und am Abend Die Tafel bei der Ausgabe von Lebensmitteln unterstützen. Bis dahin frage ich mich, was er vor Interviews zu sich nimmt, aber es scheint nicht wirklich bekömmlich zu sein.

Die modernen Modelle waren eine Idee, dem Volk Wohlstand zu bringen. Letztlich haben aber nur wenige davon profitiert. In Zeitungen lesen wir dann von ganz interessanten, aber völlig verrückten Dingen. Es ist fast normal ist, wenn jemand 70 Millionen Euro verdient und sich dann dem Staat um Hilfe schreiend entgegenwirft. Andere ruinieren ganze Finanzsysteme. Doch statt gesiebte Luft zu genießen, spazieren sie am Wochenende fröhlich durch den Stadtpark.

Nichts tun – außer konsumieren

Schauen wir auf das Musterland Amerika, so sehen wir gerade zu, wie ein System zu scheitern droht, selbst wenn uns die Statistik etwas anderes vormachen will. Wer die Produktionsmittel besitzt, bestimmt letztlich die Bedingungen. Andere arbeiten zu lassen, Waren zu kaufen und mit billigem bunten Papier zu bezahlen, das immer weniger wert ist, nennt man Betrug. Man wird dahinter kommen. Auf einmal ist ablesbar und ersichtlich, dass Produktion im eigenen Land eine abnehmende Rolle spielt, dafür aber die Luftbuchungen der Dienstleistungen die Oberhand haben.

Auch wir in Deutschland haben weniger zu tun. Das machen jetzt andere für uns. Wir können Arbeitsplätze exportieren, nicht aber die Bürger. Und wer noch einigermaßen was in der Birne hat, geht ins Ausland. Und so werden immer mehr durch den Staat durchgefüttert, der finanziell mehr und mehr am Krückstock geht, der sich mehr und mehr Geld borgen muss, allein schon, um die Zinsen zu bezahlen.

Glück und Unglück

Bei Wohlstand kommt es heute nicht so darauf an, ob man vor der Türe ein Zweitauto stehen hat und im Supermarkt Dinge aus aller Welt zu relativ erschwinglichen Preisen kaufen kann. Wohlstand bedeutet auch Geborgenheit, Loyalität, Sicherheit und Perspektive. Fragt man die Alten, waren sie früher nicht wirklich unglücklich, als sie weder Convenience Food, Derivate oder Energiesparlampen kaufen konnten. Sie haben nach dem Krieg nicht die Bettkissen mit Tränen benetzt, weil sie sich nicht das neueste Radiomodell kaufen konnten. Aber sie hatten zu tun. Sie hatten Arbeit. Sie haben sich nicht zum Psychologen aufgemacht, wenn ihr Chef garstig zu ihnen war. Sie haben den Job gewechselt. Wer heute wenig Geld hat, kauft einfach auf Kredit. Sind wir deshalb jetzt glücklicher? Ich weiß es nicht, vermute aber, dass dem nicht so ist.

Woran liegt es also, dass wir Glück in unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich beurteilen? Darüber diskutieren die Experten. Zu vermuten wäre, dass wir Wachstum brauchen, um glücklich zu sein. Das sagt heute fast jeder Experte. Doch dieses Wachstum scheint woanders stattzufinden und nicht vor unserer Haustür. Dabei testet unsere gesättigte Gesellschaft des Abendlandes und des noch bestehenden Empires gerade seine natürliche Grenze aus und versucht mit noch mehr Kredit die Schallmauer auszuhebeln – und sich zugleich mit den Göttern anzulegen.

Kauf Dir eine „Normalisierung“

Der Preis für die derzeit ersehnte und verkündete „Normalisierung“ scheint recht hoch zu sein. Man sagt, dass wir weiter wachsen müssen. Doch wohin? Nicht, dass man jetzt Schulden begleicht und Kassensturz macht. Schulden verschwinden nicht, außer der Schuldner macht sich aus dem Staub, wie gerade General Motors. Wir werden wohl verdammt sein, Güter produzieren zu lassen, die oft gar niemand braucht und zugleich den Leuten sagen, dass sie damit noch glücklicher werden würden. Die Werbeindustrie hat dafür unlängst nie soviel Geld ausgegeben, um den Leuten ihre Bedürfnisse zu erklären. Selbst die Politik wandelt auf dem gleichen Pfad. Es ist ver-rückt.

Wo ist die Strickjacke?

Monetär bewegt sich das System auf dünnstem Eis. Gesellschaftlich scheint seine Dicke eher ab – als zuzunehmen. Allein das Interesse an Wahlen ist nur eines von vielen Zeichen. Viele der um Vertrauen werbenden Mitglieder der Eliten sehen sich einem Verlust ihrer Legitimation gegenüber. Die Umverteilung von unten nach oben wirkt dabei wie ein Katalysator in einer Zeit der Orientierungslosigkeit, in einer Zeit, in der man auf den Kompass getreten ist und nun das rettende Ufer sucht. Nicht dass es jetzt besser werden würde. Das erwarte ich nicht. Ob es schlechter wird, das weiß ich nicht. Aber es wird anders.

Bevor Amerika zum Empire der Welt aufgestiegen ist, hatten die Leute zehn Gebote an der Hand und meines Erachtens die beste Verfassung der Welt. Und sie hatten den Dollar, der so gut war wie Gold. Was ist daraus geworden?

Bis demnächst….

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