Märke & Edelmetalle: Blick auf 2015

17. Januar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Im ersten Degussa Marktreport des neuen Jahres werfen wir einen Blick nach vorn: auf Entwicklungen, die sich aus unserer Sicht für die Edelmetallmärkte als besonders bedeutsam erweisen könnten…

Hierzu zählen zum Beispiel die weltweite Konjunkturlage, aber insbesondere auch die „monetären Verhältnisse“ in Form von Kredit- und Geldmengen- sowie die Preisentwicklungen und natürlich auch die allgemeine Zinsentwicklung. Die nachstehenden Ausführungen sollen diejenigen Faktoren herausstellen und einordnen, die aus unserer Sicht Chancen, aber auch Risiken für die Preisentwicklung der Edelmetalle bergen.

Zusammenfassung

■ Mit Blick auf die Weltwirtschaft lassen sich Licht und Schatten erkennen. Es gibt nur wenige Anzeichen, dass sie sich in 2015 beschleunigen sollte, jedoch Warnsignale, dass sie sich verlangsamen könnte.

■ Die „Krise“ ist noch nicht überwunden. Das Rückfallpotenzial ist nach wie vor hoch – wenn es auch durch politische Markteingriffe verschleiert wird.

■ In einer besonders schwierigen Situation befinden sich Japan und der Euroraum. Deren Probleme, sollten sie ungelöst bleiben, könnten sich zu einem ernsten Störfaktor für die Weltwirtschaft auswachsen.

■ Die Zinsen sollten niedrig bleiben, in den großen Währungsräumen könnten sie sogar noch weiter fallen; „normale“ Zinssätze sind nicht in Sicht.

■ Die Tiefzins- und Geldmengenausweitungspolitiken der Zentralbanken dürften die Preise für Vermögensgüter – wie insbesondere Aktien und Immobilien – (weiter) inflationieren.

■ Die Aufwertung des US-Dollar-Wechselkurses könnte sich noch weiter fortsetzen – auch wenn die US-Wirtschaft weniger stark wachsen und die US-Zentralbank ihren Leitzins nicht oder nicht stark anheben sollte.

■ Angesichts nach wie vor zunehmender Probleme in der internationalen Kredit- und Geldarchitektur empfehlen wir Anlegern zu Absicherungszwecken weiterhin, einen Teil ihres Portfolios in Gold zu halten.

■ Im laufenden Jahr könnten die Edelmetallpreise nicht nur in Euro gerechnet, sondern auch in US-Dollar wieder zulegen.

„Die Schwankungen im Weltpreise der Edelmetalle scheinen mir gegen-wärtig immer noch geringere Gefahren in sich zu schließen als die Regelung des inneren Tauschwertes des Geldes durch Regierungen oder soziale und politische Parteien.“

Carl Menger, 1936, Schriften über Geldtheorie und Währungspolitik, S. 86 – 87.

Licht und Schatten

Der Rohölpreis ist Anfang 2015 von etwa 107 USD/Fass (West Texas Intermediate) auf etwa 45 USD/Fass gefallen. Der Preisrückgang wirkt wie ein Konjunkturprogramm für die ölimportierenden Länder: Die verfügbare Kaufkraft von Bürgern und Unternehmen steigt. Dem steht gegenüber, dass die ölexportierenden Länder (soweit sie keine größere Ölmenge absetzen) nun weniger Einnahmen haben und folglich ihre Nachfrage nach Auslandsgütern einschränken müssen. Der resultierende weltweite Netto-Effekt des gesunkenen Ölpreises ist zwar nicht eindeutig – zumal in der kurzen Frist Anpassungskosten entstehen, etwa in der US-amerikanischen Fracking-Industrie, wenn Investitionsprojekte sich nicht mehr rechnen und eingestellt werden müssen. Insgesamt gesehen sollten jedoch der Verfall des Ölpreises und die damit verbundene Dämpfung nahezu aller anderen Güterpreise die Weltwirtschaft tendenziell unterstützen.

Mittlerweile geben jedoch nicht nur die Rohöl- beziehungsweise Energiepreise stark nach, sondern die Rohstoffpreise sinken in der Breite. Dies kann ein Indiz dafür sein, dass sich die Weltwirtschaft bereits merklich verlangsamt hat; und es kann auch – quasi als vorausschauender Indikator – eingetrübte Wachstumsaussichten anzeigen. In der Tat zeigt sich eine Reihe von konjunkturbelastenden Entwicklungen. Zu nennen ist beispielsweise das nachlassende Wachstum in China, das die Expansionsaussichten des asiatischen Raumes trübt. Japan scheint der Stagnation nicht entkommen zu können. Wachsendes Risikobewusstsein der Investoren und die Aussicht auf Leitzinserhöhungen in den Vereinigten Staaten von Amerika bringen zudem viele ‚aufstrebende Volkswirtschaften‘ in Bedrängnis, weil die Finanzierung der heimischen Expansion durch Auslandskapital erschwert beziehungsweise unmöglich wird.

Im Euroraum bleiben die Wachstumsaussichten verhalten, werden belastet durch mangelnde Reformfortschritte in beispielsweise Frankreich und Italien. Aber auch die neuerliche Krisenverschärfung in Griechenland – verbunden mit einem Schuldenschnitt oder einem möglichen Austritt des Landes aus der Euro-Währungsunion – sowie anhaltende Aufspaltungsbestrebungen innerhalb Spaniens dürften bei Investoren sicherlich Unsicherheit wecken über die weitere Entwicklung und den Bestand der Währungsunion. Die Folge: Investitionen bleiben aus. Die anhaltende Massenarbeitslosigkeit – insbesondere die hohe Jugendarbeitslosigkeit – im Euroraum bringt zusätzliche wirtschaftliche und politische Belastungen. Nicht zuletzt birgt die anhaltende Russland- und Ukraine-Krise Eskalationsgefahren für den alten Kontinent, die das Vertrauen in seine Stabilität und seine wirtschaftlichen Aussichten nachhaltig eintrüben können.

Während die Investitionstätigkeit der Unternehmen in den Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritannien seit dem jüngsten Krisentief wieder merklich zugelegt hat, ist eine derartige Erholung in Japan und im Euroraum ausgeblieben. In diesem Zusammenhang ist die Investitionstätigkeit vielmehr auf ein Niveau zurückgefallen, das zuletzt gegen Ende 1999 zu beobachten war. In Japan haben die Unternehmensinvestitionen seit Ende 2009 zwar wieder zugenommen, sie liegen aber immer noch etwa zehn Prozent unter dem Niveau von Ende 1999. Geringe Investitionen bedeuten nicht nur, dass die laufende Nachfrage und damit die Konjunktur leiden, sondern sie besagen auch, dass der volkswirtschaftliche Kapitalstock kaum mehr wächst (durch Neu- und Erweiterungsinvestitionen). Das wiederum deutet auf geringe Produktivitäts- und reale Einkommenszuwächse in der Zukunft hin.

Der geplatzte Kreditboom

Die großen Volkswirtschaften der Welt haben nach wie vor mit den Folgen eines geplatzten Kreditbooms zu kämpfen, deren Schäden (Fehlinvestitionen) noch nicht vollends bereinigt worden sind. Das liegt vor allem an den Geldpolitiken: Mit Zinssenkungen und einem Ausweiten der (Basis-)Geldmenge konnte zwar die drohende Zahlungsfähigkeit von Banken und Staaten abgewehrt und der Kreditfluss in Gang gehalten werden, doch diese Geldpolitik ist genau diejenige, die letztlich zu den krisenhaften Erschütterungen in den Volkswirtschaften geführt hat. Sie verursacht nun erneut Verzerrungen im Preisgefüge der Wirtschaft und legt damit die Saat für neuerliche Schwierigkeiten.



Beispielsweise blähen die Tiefzinsen die Finanzmarktpreise auf und verleiten Investoren zu Entscheidungen, die sie bei „normalen“ Zinsen nicht treffen würden. Die Volkswirtschaften werden zudem zusehends abhängig von der Fortführung der Politik der tiefen Zinsen. Schließlich werden nicht nur neue Kredite zu tiefen Zinsen aufgenommen, es werden auch fällige Kredite zu Tiefstzinsen erneuert. Das erleichtert zwar die Zinsrechnung der Schuldner, eine Abkehr von der Politik der tiefen Zinsen würde die Schuldner jedoch absehbar in arge Probleme bringen. Zudem würden auch die Investitionen, die der tiefe Zins in Gang gesetzt hat, unprofitabel werden, und das würde die Wirtschaftsaktivität mitunter schwer belasten. Deshalb ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Politik des billigen Geldes in den großen Währungsräumen beendet wird.

Die Vernunft siegt: Schweizer Nationalbank (SNB) spricht Misstrauensvotum gegenüber dem Euro aus

Es war eine „Explosion“ auf den internationalen Finanzmärken: Am 15. Januar 2015 verkündete die Schweizer Nationalbank (SNB), sie werde den bisherigen ‚Mindestkurs‘ von 1,20 Franken pro Euro aufheben. Gleichzeitig senkte sie ihren „Leitzins“ von -0,25 auf -0,75 Prozent. Diese Entscheidung kam überraschend für die Finanzmärkte.

Am 6. September 2011 hatte die SNB beschlossen, sie werde den Franken bei 1,20 gegenüber dem Euro halten – indem sie unbeschränkt Euro kauft, wenn nötig, um den Franken-Wechselkurs (der nach damaliger Meinung der SNB „überbewertet“ war) vor einer weiteren Aufwertung zu hindern. Seither hatte die SNB stets beteuert, sie werde den Minimumkurs mit allen Mitteln verteidigen. Doch das ist jetzt Makulatur.

Es ist nicht zu übersehen, dass die SNB-Entscheidung, den Mindestkurs aufzuheben, nur einen Tag kam, nachdem die europäische Gerichtsbarkeit aus Brüssel durchblicken ließ, die Europäische Zentralbank (EZB) hätte durchaus die Befugnis, Anleihen der Euro-Staaten aufzukaufen. Damit gab die Brüsseler (Vor-)Entscheidung der EZB Carte Blanche, um die Euro-Schuldenmisere mit dem Anwerfen der elektronischen Euro-Notenpresse zu entschärfen. Offensichtlich will die SNB das Schicksal des Franken nun nicht mehr an das des Euro binden.

Die EZB darf (so deutet das „Vor-Urteil“ des Europäischen Gerichtshofes an) Euro-Staatsanleihen kaufen – etwas, was der Maastricht-Vertrag und die Statuten der EZB und der nationalen Zentralbanken im Euroraum verhindern sollten. Ein Euro-Staatsanleihekauf der EZB läuft Gefahr, in eine überaus große Ausweitung der Geldmenge auszuarten – was den Euro-Außenwert auf Talfahrt schicken und letztlich natürlich auch die Kaufkraft des Euro aushöhlen würde. Deutlicher hätte das Misstrauensvotum der Schweizer gegenüber der EZB und dem Euro also wohl kaum ausfallen können. Der Schweizer Franken dürfte gegenüber dem Euro unter Aufwertungsdruck bleiben… (Seite 2)



 

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