ECU statt Euro? Alles ist möglich…

7. Januar 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Andreas Hoose

Dem Gesetz der Exponentialfunktion folgend, dürften die in unserem Geldsystem anstehenden Veränderungen sehr viel schneller in Gang kommen als das heute vorstellbar erscheint…

Bringt uns das gerade beginnende 2017 den Eurozerfall? Und was würde das für uns alle bedeuten? Das sind bedeutungsschwere Fragen, die heute leider niemand seriös beantworten kann.

Weil es an der Börse zum Tagesgeschäft gehört, mit unbeantwortbaren Fragen umzugehen, operiert man dort mit Wahrscheinlichkeiten. Dann wird das Bild gleich klarer:

Wer heute mitverfolgt, wie sich die Lage im italienischen Bankensektor immer weiter zuspitzt, und sich der Tatsache stellt, dass bei wahrscheinlichen Neuwahlen in Italien nach dem jüngsten Referendums-Desaster ein massives Erstarken der eurokritischen Fünf-Sterne-Bewegung von Beppe Grillo zu erwarten ist, der kommt zu dem Schluss, dass ein Zerfall des Euro wahrscheinlicher ist als sein Fortbestand – womöglich noch in diesem Jahr. Denn zeitgleich schickt sich auch Frankreich an, der Gemeinschaftswährung das Licht auszupusten. Dazu gleich.

Der Einwand, ein zerberstender Euro sei „unvorstellbar“ oder werde „nicht zugelassen“ hat sich spätestens mit dem Wahlausgang in den USA in ein beherztes „alles ist möglich“ gewandelt. Vielleicht ist das sogar die wichtigste Lehre aus dem vergangenen Jahr: Dinge, die eigentlich „unvorstellbar“ sind, passieren plötzlich. Einfach so. Das könnte auch auf eine Geldsystemreform zutreffen, die heute noch weitaus „unvorstellbarer“ ist als ein Zerfall des Euro.

Wie an dieser Stelle schon mehrfach vorhergesagt, dürfte die Geldsystemdiskussion richtig in Fahrt kommen, sobald auch die breite Öffentlichkeit die Aussichtslosigkeit der aktuellen Lage erkennt. Vielleicht ist es auch hier so wie immer: Die meisten Menschen werden erst dann erwachen, wenn es an den eigenen Geldbeutel geht…

Neben systemimmanenten Eskalationen, etwa einer Verschärfung der Krise bei der Deutschen Bank oder Schieflagen bei mehreren italienischen Geldinstituten, könnten auch politische Machtverschiebungen den Prozess der Erkenntnis erheblich beschleunigen. Ganz besonders in 2017, das als Superwahljahr die Börsenweisheit ad absurdum führen könnte, wonach politische Börsen kurze Beine haben: In Wahrheit dominiert die Politik das Geschehen an den Kapitalmärkten längst mehr als alles andere…

Einen wichtigen Aspekt hat die französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen in dieser Woche ins Spiel gebracht: Le Pen will den Euro aufgeben und zum früher in Europa praktizierten Verrechnungssystem nationaler Währungen (ECU) zurückkehren. Sollte die Politikerin in diesem Jahr zur französischen Präsidentin gewählt werden, würden die Staatsschulden in die neue französische Währung umgerechnet. Das hat Le Pen jetzt angekündigt. Im Klartext: Bei einem Wahlsieg Le Pens würde der Euro zerbrechen. (DWN)

Dazu muss man wissen, dass der Vorschlag, das Verrechnungssystem ECU wieder einzuführen, weitgehend identisch ist mit den Forderungen des vor zwei Jahren verstorbenen Professor Dr. Wilhelm Hankel. Der Erfinder der später sehr erfolgreichen Bundesschatzbriefe, war einer der renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler der Nachkriegsgeschichte und hatte unter dem sozialdemokratischen Wirtschaftsminister Karl Schiller maßgeblich zum deutschen Wirtschaftswunder beigetragen. (Wiwo)

Wenn nun Marine Le Pen Forderungen erhebt, die einer der bedeutendsten deutschen Wirtschaftsgelehrten seit 1945 zur Lösung der Eurokrise vorgeschlagen hatte, dann wird man der nationalkonservativen Politikerin schwerlich mangelnde Sachkompetenz unterstellen können – was Le Pens Siegchancen bei den Wahlen im April keineswegs schmälern wird.

Doch auch Le Pens mutmaßlich stärkster Kontrahent, der konservative Francois Fillon, ist ein überzeugte Euro-Gegner: Schon im Jahr 1992 votierte Fillon gegen den Vertrag von Maastricht, der Ausgangspunkt und Basis war für die Einführung des Euro. Fillon war gegen die EU-Verfassung, die 2005 am Veto der französischen und holländischen Wähler scheiterte und er möchte das Schengen-Abkommen neu verhandeln. Mit einem Wort: Ein „Anti-Merkel“.

Wer nun eins und eins zusammenzählt, der wird erkennen, dass die Chancen auf einen Wahlsieg der streitbaren Marine Le Pen umso größer werden, je deutlicher sich die Krisenlage in unserem Finanzsystem bis ins Frühjahr hinein zuspitzt.

In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick nach Italien. Nach einigem Hin und Her steht die älteste Bank der Welt nun vor dem Aus: Nur noch der rechtswidrige Einsatz von Steuergeldern hält die Monte dei Pasci di Siena über Wasser. (Zeit)

Doch bei einem Zerfall des Euro wird es systembedingt langfristig natürlich nicht bleiben. Das Ereignis, das früher oder später unausweichlich auf die Agenda kommt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nur den Auftakt bilden zu noch sehr viel bedeutenderen Veränderungen. Dem Gesetz der Exponentialfunktion folgend, dürften diese Prozesse sehr viel schneller in Gang kommen, als das heute für die meisten Menschen vorstellbar erscheint:

Auch, wenn einige das immer noch nicht sehen wollen, ist eine tiefgreifende Reform unseres Geldsystems tatsächlich „alternativlos“ und daher nur noch eine Frage der Zeit.

Andreas Hoose Antizyklischer Börsenbrief

 

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