Verzögerungen im Betriebsablauf!

21. Oktober 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

„Die Bahn kommt!“ War das nicht einer der seltsamen Werbesprüche ohne Hoffnung auf Erfüllung? Heute freut man sich, wenn sie kommt. Ob sie pünktlich kommt? Ein Erlebnisbericht…

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Wir schreiben Samstag 12 Uhr. Das Datum ist egal, denn es passiert jeden Samstag. Vom Investitionsstau auf unserem kleinen Bahnhof in Gernsheim will ich nichts schreiben. Man steht trocken, wenn der Regen nicht gerade von der Seite kommt. Zu den Annehmlichkeiten gehört neuerdings ein neuer Getränkeautomat. Ohne Bier versteht sich, obwohl eine Bahnfahrt nur dadurch erträglicher wird. Okay, dann rauche ich eine. Oder zwei. Oder gleich eine Packung. Denn die Bahn kommt eben nicht. Der Regionalverkehr muss den verspäteten Fernverkehr überholen lassen. Doch wie kommt man ohne Regionalverkehr zum Fernverkehr, wenn man auf dem Dorf wohnt? Siehste!

Okay, warum gibt es eigentlich einen Fahrplan, wenn sich keiner daran hält? Das sind dann Verzögerungen im Betriebsablauf – und sind mindestens so ärgerlich, wie wenn die Züge zu früh ankommen und noch früher abfahren. Der Bahn-Chef heißt übrigens immer noch „Grube“. Dorthin ist die Bahn wahrscheinlich unterwegs, wenn sie vorher nicht vom Gleis abkommt. Man sollte das Bahnnetz komplett unterirdisch verlaufen lassen, was dem aktuellen Niveau in den Zügen entspräche. Vielleicht ist „Stuttgart21“ ja ein guter Anfang.

Es gibt schon Vorteile, regional zu fahren. Notfalls kommt man zu Fuß auch ans Ziel oder wieder nach Hause, wenn`s mal wieder länger dauert. Ahhh, deshalb der neue Snack-Automat. Komischerweise ist Snickers ständig vergriffen im neuen Automaten.

Blitzdiaät inklusive

Besuchen Sie doch mal die Zugtoilette, wenn sie nicht gerade verschlossen ist – wegen „Verzögerungen im Ablauf“ Vier solcher Toiletten wirken wie eine Blitz-Diät. Ein Kilo dürfte man loswerden, ganz ohne Aufpreis. Pendler schaffen ganz fünf Kilo pro Woche. Das schafft nicht mal die Sekte der Kalorienzähler, die Weightdingsda…

Im Vergleich zu Ländern wie Simbabwe oder Ghana muss sich Grubes Unternehmen keineswegs verstecken. Und schließlich bekommt man dort keine 25 Prozent des Fahrpreises bei Verspätung von über einer Stunde zurück. Ich nutze übrigens diesen „Rabatt“ fast immer und sogar freiwillig. Dafür fahre ich aber mit Ökostrom, also politisch korrekt. 

Ja, nennen sie mich einen „Regionalbahn-Geschädigten“. Wenn ich nach Frankfurt fahre und dann weiter, verpasse ich regelmäßig den Anschluss. Nur auf der Rückfahrt ist die Regionalbahn pünktlich, wenn der ICE irgendwo zwischen Kassel-Wilhelmshöhe und Offenbach wegen „Verzögerungen im Betriebsablauf“ auf grünes Licht wartet. Macht 25 Prozent Rückerstattung und ein tolles Geschäft!

Lobt die Bahn! Sonst tut es keiner…

Wie es aber der Zufall will, schreibt die „Welt“ eine Lobeshymne auf die Deutsche Bahn. So viel Kritik sei nämlich ein zu beliebtes Ritual und unzutreffend. Schließlich hat sich die Bahn in den vergangenen Jahren stetig zum Besseren verändert. Wenn alles läuft, kann man nämlich mit Freude pünktlich reisen – in einem blitzsauberen ICE und dann im Bordrestaurant Chili con Carne essen und bei einem funktionierenden WLAN seine Büroarbeit erledigen. Wenn… Nur teilt der Autor dieser Science Fiction leider keine Zugnummer mit. Könnte mir bitte jemand den folgenden Satz übersetzen?

Auch die zur Bahn gehörenden S-Bahnen liefern einen nicht zu unterschätzenden Faktor zur Stabilisierung urbaner Mobilitätsmixe. (Welt)

Echs-Perten!

Neulich habe ich in der gleichen Zeitung gelesen, dass für „Stuttgart21“ rund 10.000 Eidechsen umgesiedelt werden mussten – wegen des Bundesnaturschutzgesetzes und der EU. Geschulte Echs-Perten müssen diese Tiere mit speziellen Eidechsen-Lassos eingefangen und auf ein Gebiet verbringen, das erst gefunden und womöglich gekauft werden muss – samt Umzäunung und Beaufsichtigung bis ins Jahr 2046. Kosten pro Eidechse: 8.600 Euro. Ich hätte denen doch glatt ne Netzkarte geschenkt! 

Wer Bahn fährt, muss geduldig, stressfrei, abgehärtet, oder einfach nur verrückt sein. Wer Auto fährt auf den beliebten Staustrecken und in den noch beliebteren Staupartys auch. Gernsheim – Oldenburg: Fünf Stunden mit der Bahn, dreimal umsteigen. Einfach nur herrlich, wenn man gute Nerven bessere Laune und noch bessere Musik mitbringt. (Manche hören Musik heute direkt über ihr in die Hand verwachsenes Smartphone). Beides bleibt bei dieser Streckenlänge an einem Samstag oder wann auch immer auf selbiger – spätestens zwischen Bremen und Oldenburg. Möge ein Baum da wachsen, wobei so viele Bäume an Bahnstrecken eher noch mehr verspätungsfördernd wären. 

Was auf der Strecke bleibt

Bevor ich es vergesse: Benehmen, Rücksicht und besonders Manieren werden bei der Bahn nicht kostenlos befördert, nur gegen Zuschlag. Den spart man doch gerne! Das erklärt auch, warum die Bahn als Mülleimer verwechselt wird. Man kann hier wirklich alles hinterlassen: Gerüche und auch unmanierliche Sprache. Sicherlich hat es seinen Grund, warum bestimmte Leute die Bahn statt des Autos nimmt. Muss man nicht lenken.

Die Bahn ist im Wandel – ganz ohne Zweifel. Nur das Ziel kennen wir nicht. Allein die Vielzahl der uns dauerhaft besuchenden Gäste aus fernen Ländern macht die Bahn bunt und multikulti. Letzte Woche habe ich zweimal erlebt, dass ich, so doof wie ich bin, eine Fahrkarte gelöst habe und andere nicht. Nur mich hätte das beim Erwischen 60 Euro gekostet. Ich bin eben doof. Doch das nur nebenbei.

Kurze prägnante Aussagen sind heute in. Zusammenhängende Worte stören nur. In der Bahn ist das Zeitalter der mehrsilbigen Laute längst angebrochen unter Verzicht korrekter Grammatik und Interpunktion. Das klingt so wie das, was die Bordtoilette auf einmal absaugt. „WaswillsuHassunichgehörtrotzichdirindiefiesefresseaschschschloch!“ Oder so ähnlich. Kennen Sie das? Was für ein Spaß!

Visionen, eine bedrohliche Krankheit

Und haben Sie auch gesehen, wie neulich der neue ICE feierlich eingeweiht wurde? Was für ein Fest für die Chefs! Die überbezahlten Zeitdiebe reden von Zukunft, ohne aber die Vergangenheit und geschweige denn die Gegenwart und vor allem die Zeit im Griff zu haben. Zugegeben, ICE`s sind viel besser als Regionalbahnen, wenn es nicht auch hier ständig „Verzögerungen“ im Betriebsablauf gäbe, trotz Chili con Carne und WLAN, blitzblanker Sauberkeit und Sitzplätze auch am Samstagnachmittag.

Ja, unsere Deutsche Bahn scheint herunter gewirtschaftet. Schaut man sich aber unter den Insassen der Waggons um, scheint das Land ebenso herunter gewirtschaftet zu sein. Ach, fast hätte ich`s vergessen: Meine Ärztin warnte neulich, die Zahl der offenen TBC`s im Kreis Groß-Gerau liegt gerade bei rund 150. Die Dunkelziffer wäre höher. Das erhöht erfreulicherweise die Wahrscheinlichkeit, dass man in der Bahn auch mal etwas geschenkt bekommt, außer einer Grippe und den Verzögerungen im Betriebsablauf. Oder auch: Die offene Gesellschaft fängt schon bei der Tuberkulose an.

 

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8 Kommentare auf "Verzögerungen im Betriebsablauf!"

  1. bluestar sagt:

    Meiner Meinung nach gibt es 2 große Fortschritte bei der Bahn, die optimistisch stimmen sollten.
    1. Ist seit August 2015 Ronald Pofalla Mitglied des Vorstandes der DB AG. (Gehalt 679.000.-)
    3. Gibt es beim ICE neuerdings auf den Toiletten einen Spender mit Desinfektionsmittel.
    Gibt es da einen Zusammenhang oder liegt es doch an den oben beschriebenen Fällen von offener TBC ???

  2. PetraM sagt:

    Danke für den Artikel, werter Herr Meyer. Aber es vergeht einem das Lächeln, welches sich beim Lesen mancher gelungener Betrachtungen einstellte. „Dafür fahre ich aber mit Ökostrom“- könnte als herrlicher Werbeslogan direkt Zukunft haben. Der „Faktor zur Stabilisierung urbaner Mobilitätsmixe“ könnte es auch schaffen- tja Worthülsen zur Umschreibung des desolaten Zustandes Deutschlands gibt es genug (damit sind aber nicht die geistvollen Schöpfungen des Autors gemeint). Vor kurzem beschrieb der Autor ja schon den Zustand der deutschen „Krank“: „Laut dem Börsenkurs und dem vielen Gerede scheint die Bank in Not zu sein, heruntergewirtschaftet und ausgeplündert – auf dem Weg in den Abgrund. Zumindest aber geht es den Ex-Chefs gut.“ Letzteres beruhigt ja auch immer gleich mein aufkeimendes schlechtes Gewissen. Hab ich denn etwas zum Erhalt des Bankenkraken beigetragen? Eher nicht. Also- selber Schuld!
    Oder die Autoindustrie- auch da bröckelt es schon mächtig und auch da muss ich passen. Seit Jahren fahre ich immer dasselbe ausländische (!) Auto und es fährt und fährt… Damit soll ja spätestens 2030 Schluss sein. Geht ja gar nicht, dass man sich so einfach ohne eigenen Beitrag dem wirtschaftlichen Aufschwung entziehen könnte. Möge das Knowhow (z. B. ganz ohne Emissionen- die „Zeit“ wundert sich auch in dem Artikel:“ Sauber? Kommt drauf an …“) und der Sinn von NUR NOCH Elektroautos auch noch so fragwürdig sein- Hauptsache, die Grünen haben Aktionismus gezeigt! „Elektroautos sind das Mondprogramm von heute“- so wirbt Frau Künast mit einer Videobotschaft auf der Grünenseite. Dümmer geht immer!
    Multikulti dazu und Deutschland ist schneller auf der Abstiegsliste, als uns allen lieb sein könnte.

  3. MFK sagt:

    Was wohl gerade aus dem Ruder läuft ist die Klauerei in der Bahn. Nachdem ich selber zwei mal Zeuge einer solchen war, habe ich einen Zugbegleiter (das war vor drei Monaten) darauf angesprochen. Der bestätigte das und meinte besonders schlimm sei es in Köln. Da sei die Situation außer Kontrolle.

  4. MHHamburg sagt:

    Ich weiß schon, warum ich fast ausschließlich Auto (LPG) fahre und nur im absoluten Notfall in Öffis steige.
    Mein Auto fährt pünktlich ab, kommt sehr oft pünktlich an, ist frei von Müll, frei von stinkenden Menschen und Blödzeitungslesern, und die Sitze sind auch nicht vollgekotzt. Ich darf rauchen, wann und so viel ich will und zum Pinkel fahre ich mal schnell rechts ran. So ein Klo im Zug …….. oh Gott, jetzt kotze ich doch gleich meinen Sitz voll.
    Weiterhin allen viel Vergnügen mit der Bahn, dem Spiegelbild der deutschen Erfolgsgesellschaft.

  5. nord sagt:

    Ja es ist schade: Mindenstens ca 500 Euro (Anschaffung und Betriebskosten) zahlt jeder Autobesitzer monatlich für sein Auto.
    Ich kann mir gar nicht vorstellen was wir für diesen Betrag für ein öffentliches Bahnnetz haben könnten. Die Bahn war schon vor 50 Jahren elektrifiziert, jetzt wird mit einem wahnwitzigen Aufwand versucht den Straßenverkehr „elektrisch“ zu machen. Und der Witz: wahrscheinlich gibt es die selbstfahrenden Autos noch vor den selbstfahrenden Zügen, denn man braucht ja das Argument der hohen Personalkosten um Züge einsparen zu können.
    Bis dann irgendwann Computer die Autos steuern (und nicht mehr hirnlose Menschen) werden aber weiterhin jeden Tag 10 Menschen in Deutschland durch Unfälle sterben (durchschnittlich)…weltweit sind die Opferzahlen der Weltkriege bald übertroffen (jährlich 1 Million Tote). Es ist ein böser Fluch… aber manchmal kommt es mir vor als ob ich der einzige Autohasser bin, und alle irgendwie gerne im Stau stehen und diese total niedere Tätigkeit des Autofahrens gerne ausüben.
    Ich bevorzuge die Zug-Toilette.lg

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