Durchwursteln bis zum „Tag X“

17. November 2010 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer
Das „X“ auf den Euroscheinen steht für Deutschland. In der Mathematik steht „X“ für eine Unbekannte. Und mindestens so unbekannt ist die Zukunft des Euro. Auf „X“ gebaut könnte man sich fragen, wenn man die Schlagzeilen zum Thema Eurozone beobachtet…

Sebastian Vettel ist Weltmeister. Im britischen Königshaus wird wieder geheiratet. Das sind doch mal Schlagzeilen, die es aber nicht schaffen zu übertünchen, dass der Euro schon wieder mal in einer Krise steckt. Das kommt jetzt häufiger vor und erinnert irgendwie an schlecht laufende Ehen, wo die Frau die familiäre Kasse plündert und der ewig kuschende Ehemann rätselt, wie er die Geldströme aufrecht erhalten kann. Doch es gibt ja noch die Schwieger-„Mutti“ mit ihrer noch prallen Geldbörse.

Der Markt mit seinen Instrumenten treibt Irland vor sich her wie eine Wolfsmeute ein verwundetes Tier. Verwunderlich, mag man da meinen, wie gut die großspurig angekündigte Regulierung der Finanzmärkte in der Praxis funktioniert. Warum auch immer – das Einknicken der Politik vor der Macht der Banken fällt ihr nun auf die Füße. Autsch! Und die großen Spieler machen so weiter wie bisher. Die „Fat Boys“ werden sich später ihrem Hauptmahl in den USA und Japan widmen können. Doch erst einmal gibt’s für sie europäische Aperitifs und hors d’oeuvres.

Hatte ich es doch geahnt, wird sich der eine oder andere denken, wenn er die Nachrichten verfolgt. Frau Merkel spricht im Zusammenhang mit dem Euro schon von Krieg und Frieden. Sind ihre Worte historisch? Oder hysterisch? In einem inzwischen verschwundenen Artikel in der Onlineausgabe der Zeitung „Die Welt“ hatte sie in der letzten Woche Besuch vom EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet. Es soll darum gegangen sein, welchen Beitrag die Deutschen leisten können/sollen/müssen/dürfen (Unzutreffendes bitte streichen), um Eurozone, Euro, EU, Irland, Banken… (Unzutreffendes bitte ebenfalls streichen) zu retten. Oder geht es gar um Freiheit? Nein, um Freiheit geht es sicherlich nicht. Selbst Experten fällt inzwischen auf, dass es so wie es läuft, nicht weiterlaufen kann und es zu Veränderungen kommen muss. Die Wahl zwischen Pest und Cholera wird nicht einfach – aber alternativlos ausfallen.

Wenn man ehrlich wäre, könnte man das Euro-Experiment jetzt beenden. Sorry, wir haben uns geirrt. Da das so wahrscheinlich ist wie der Ausbruch eines Vulkans mitten in Berlin, baut man die Eurozone wohl in eine Transferunion um, in der die Stärkeren den Schwächeren helfen. Deutschland bekommt sozusagen ein paar weitere Bundesländer hinzu, in denen die Sprache eine ganz andere ist. Vielleicht rettet man damit die ganze Angelegenheit mit der Stabilität über eine gewisse Zeit hinweg. Man muss es nur zeitgleich schaffen, die politische Macht in Brüssel bei den 40.000 Eurokraten zu bündeln. Und man müsste vielleicht auch noch etwas an den Statuten der EZB ändern.

Der neulich in der FAZ veröffentlichte Artikel von Otmar Issing könnte man auch als einen leisen Abgesang auf die Gemeinschaftswährung im ursprünglichen Sinne interpretieren. Vielleicht ist es auch ein historisches Schriftstück und/oder eine Abrechnung? Schwer zu sagen. Zumindest war es keine brennende Rede für den Euro, die man von ihm erwartet hätte. Otmar Issing, der frühere Bundesbank-Chefvolkswirt und spätere Chefvolkswirt der EZB gilt als einer der wichtigsten Konstrukteure des Euro. Seine Zeilen stimmen nachdenklich. Wenn ihm der Glaube verloren gegangen scheint, ganz genau weiß nur er das, was soll man dann von dieser ganzen Euro-Sache halten?

Der unter den gegenwärtigen Bedingungen scheinbar unaufhaltsame Weg in weitere finanzielle Transfers wird in der Zwischenzeit wirtschaftliche und vor allem politische Spannungen in einem Ausmaß erzeugen, das den Bestand der Währungsunion umso mehr gefährden wird, je länger dieser Prozess vom unsoliden Verhalten einzelner Mitgliedsländer geprägt ist. Man könnte daher auch sagen: Die Stunde der Wahrheit ist nur verschoben. (Quelle: FAZ)

Nachdenklichkeit kommt man auch aus anderen „Dankfabriken“ der Finanzindustrie. Jörg Krämer, Chefsvolkswirt der Commerzbank sprach an der Börse von einem Re-Design des Euro, nachdem wir jetzt erst einmal tiefer in eine Transferunion gehen werden, so seine Überlegungen. Re-Design… Das versuchen auch alternde Filmstars, wenn sie sich Botox spritzen und sich ihre überflüssigen Hautpartien am Hinterkopf fest tackern lassen. Doch hier geht es nicht um eine Komödie, sondern um eine Tragödie….

Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , ,

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.