Durchsichtige Manöver: Der große Bluff

2. Juni 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Dass die Federal Reserve Bank die Märkte bewegt, ist nichts Neues. Dass die Börsen jedoch nach wie vor auf deren durschaubare Manöver hereinfallen, verwundert dennoch. So auch in den vergangenen zwei Wochen…

Zunächst schreckten die am 18.5. veröffentlichten Protokolle der Fed-Sitzung von Ende April die Marktteilnehmer auf. Denn daraus ging es klipp und klar hervor: Janet Yellen möchte noch im Juni oder Juli an der Zinsschraube drehen. Der Weg in Richtung Zinsnormalisierung wäre damit einen weiteren Schritt vorangekommen.

Unterstützt wird dieser Kurs von diversen Aussagen von Mitgliedern des Offenmarktausschusses, die an die Belastbarkeit der US-Wirtschaft glauben.

In nackten Zahlen sieht es nun so aus: Die aus den Fed Fund Futures abgeleitete Wahrscheinlichkeit eines Zinsanstiegs auf 0,75% im Juni liegt nun bei rund 23%, für den Juli bei immerhin knapp 49%. Noch Anfang Mai wurde dies von den Märkten als extrem unrealistisch angesehen. So gut die US-Notenbank jedoch im Wecken von Erwartungen ist, so gut war sie in der Vergangenheit auch stets im Enttäuschen derselben.

Für Christopher Wood, den Chef-Strategen der asiatischen Investment-Bank CLSA, ist das Aufflammen von Zinsnormalisierungs-Erwartungen daher auch lediglich ein Hype, den die Fed bewusst befeuert, da die Aktienmärkte gerade wieder etwas stabiler aussehen. Die volkswirtschaftlichen Daten geben jedoch keinesfalls Anlass zu großem Optimismus für die US-Wirtschaft. Es sei daher lediglich eine Frage der Zeit, bevor sich die Börsen wieder auf die fundamentale Wachstumsschwäche in den USA konzentrieren würden.

Einen geringen Glauben an eine tatsächliche Zinsnormalisierung hat auch Dr. Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe. Zwar hält er einen Zinsschritt von 0,25% im Juni oder Juli durchaus für vorstellbar, danach wird die Fed jedoch erneut für einige Monate die Füße still halten. Auch sei noch alles andere als sicher, ob die Notenbank in ihrer Sitzung am 15.6. lediglich eine Woche vor der Abstimmung über den sogenannten Brexit (am 23.6.) den Märkten eine weitere Belastung auferlegen wolle. Mittelfristig erwartet Dr. Krüger für Dezember dieses Jahres oder März 2017 einen dritten – und finalen – Zinsschritt auf dann 1,0%. Doch ist 1% tatsächlich das „neue Normal“?

Die Zinswende dürfte vor allem eines sein: Ein großer Bluff. Die Aussicht auf eine ausbleibende Normalisierung der Zinsen dürfte also früher oder später wieder ihre Wirkung an den Märkten entfalten – sowohl am Aktienmarkt, als auch beim Gold. Denn besonders das gelbe Metall hatte in den letzten Wochen unter den Fed-Aussagen gelitten. Ein Schelm, wer dabei keine Absicht vermutet!

Marktagnostiker unter sich

Es sind exakt diese Spielchen der Notenbanken und die Abhängigkeit der Börsen davon, die Carson Block in seiner Strategie bestätigen. Denn der geheimnisumwitterte Short-Seller sieht seinen Ansatz als „quasi agnostisch“ bezüglich der Märkte an.

Statt auf kaum prognostizierbare Kursausschläge zu setzen, kreiert sich Block seine Chancen selbst – durch intensives Research und das Aufdecken von Betrugsfällen oder wackeligen Geschäftsmodellen. Dass er dabei offensichtlich gründlicher vorgeht, als die meisten Bankanalysten, zeigt auch seine jüngste Studie über den deutschen Werbevermarkter Ströer.

Während alle zwölf Research-Häuser, die über Ströer berichten, selbst heute noch zum Kauf der Aktie raten, sieht Block erhebliche Fragezeichen beim Zahlenwerk des Unternehmens. Darüber, aber auch über die ersten von ihm aufgedeckten Betrugsfälle, das chinesische Verständnis von Wahrheit und über die typischen Anzeichen, an denen sich fragwürdige Geschäftsmodelle erkennen lassen, haben wir uns mit ihm in New York unterhalten. Ein Gespräch, das nicht nur für „Shorties“, sondern auch für jeden klassischen Aktienanleger interessant ist. Sie finden das Interview im Smart Investor 6/2016 auf Seite 76.

Zur Gattung der „Marktagnostiker“ dürfte sich auch Warren Buffett zählen. Allerdings mit einem völlig anderen Ansatz als Carson Block. Warum der „Berkshire-Ansatz“ auch im 51. Jahr unter Buffett noch immer seinen Charm hat, haben wir auf dem diesjährigen „Woodstock der Kapitalisten“ direkt vor Ort begutachtet. Zugegebenermaßen: So ganz ohne externe Einflüsse laufen auch Buffetts Investments nicht. So können Sie unter anderem seine Aussagen zur Zinsentwicklung und deren Auswirkung auf das für Berkshire so wichtige Versicherungsgeschäft in unseren Impressionen aus Omaha nachlesen. Mit unserem Bericht über die Berkshire-Hauptversammlung bekommen Sie alle wichtigen Aussagen frei Haus. Und zwar so vollständig, dass wohl auch Charlie Munger, Buffetts Stellvertreter, nur seine bekannten Worte sagen würde: „Ich habe dem nichts mehr hinzuzufügen!“

Das Editorial des aktuellen Heftes können Sie im Übrigen auch auf unserer Homepage lesen. Darin berichtet unser Chefredakteur Ralf Flierl über die Demo gegen das drohende Bargeldverbot, die am 14.5. in Frankfurt stattfand.

Bleiben Sie daher wachsam!

Am 14. Mai versammelten sich an der Frankfurter Hauptwache rund 500 Menschen, um gegen ein drohendes Bargeldverbot zu demonstrieren. Ja, ja. Mir ist schon klar, was viele Leser dagegen einwenden werden. Erstens: Wer nichts zu verbergen hat, der kann auch gegen das Bargeldverbot nichts haben. Zweitens: Plastikgeld ist doch viel handlicher und vorteilhafter als Bargeld.

Die Schlagworte, die gegen das Bargeld vorgebracht werden, kennen Sie ja zur Genüge: Schwarzgeld, Terrorfinanzierung, Bakterien-Schleuder usw.

Nicht, dass Sie mich missverstehen: Ich habe nichts gegen elektronischen Zahlungsverkehr oder Kreditkarten. Solange die Bürger die Wahlfreiheit haben zu zahlen, womit sie wollen, ist alles in Ordnung. Aber wehe, wenn wir diese Wahl nicht mehr haben. Dann ist auch unsere Freiheit dahin. In Zeiten von NSA-Schnüffeleien und annähernder Totalüberwachung sind wir ohne Bargeld der Machtelite ausgeliefert. Wer es sich dann mit ihr verscherzt, könnte mit einem Knopfdruck vom Zahlungsverkehr abgeschaltet werden. Und dann?

Auf der Frankfurter Demo beeindruckte mich vor allem Prof. Max Otte – unser Interviewpartner im Heft 5/2016. Er sang auf der Bühne das Lied „Sei wachsam!“ des großartigen Liedermachers Reinhard Mey. Vor allem diese Lied-Passage hat es mir angetan:

„Paß auf, dass du deine Freiheit nutzt.
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!“

Unsere Gesellschaft ist tatsächlich auf dem besten Wege, die Freiheit zu verlieren. Nicht nur in Anbetracht eines drohenden Bargeldverbotes, aber eben auch deswegen. Natürlich führen auch die katastrophalen politischen Entscheidungen in Sachen EU-, Euro- und Migrationspolitik zu einer immer stärkeren „Einschnürung“ der Gesellschaft. Auch hier verlieren wir Stück für Stück unsere Freiheit. Seien Sie wachsam!

Zu den Märkten

All diese Verunsicherungen ließen die großen Aktienindizes (S&P500 und DAX) tendenziell unberührt. Der Trend dürfte hier wohl weiter aufwärts gerichtet sein. Vorausgesetzt es geschehen keine Katastrophen, wie wir sie im Heft dargelegt haben (Brexit usw.).

Eine unserer Ansicht nach deutlich spannendere Situation ergibt sich jedoch derzeit an den Edelmetallmärkten, und hier am ehesten am Beispiel Silber festzumachen. Das weiße Metall fiel in der jüngsten Schwächephase auf seinen vierjährigen Abwärtstrend (rot; siehe Abb.) zurück und setzt nun parallel auf der Nackenlinie (blau) der inversen Kopf-Schulter-Formation auf.

2016_06_01-Silber

Zudem ist in der Abbildung noch ein kurzfristigerer Aufwärtstrend (grün) zu erkennen, der ebenfalls Halt bieten sollte. Also drei sehr wichtige Unterstützungen, die nahezu auf diesem Kurslevel greifen. Geht’s noch schöner? Kaum!

Fazit
Bluffen will gelernt sein, weiß jeder Pokerspieler. Ob die US-Notenbank dieses Spiel beherrscht darf getrost bezweifelt werden. Denn spätestens im Juli wird Janet Yellen die Karten auf den Tisch legen müssen…
© Ralf Flierl, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

 

Ein Kommentar auf "Durchsichtige Manöver: Der große Bluff"

  1. Insasse sagt:

    „Bluffen will gelernt sein, weiß jeder Pokerspieler. Ob die US-Notenbank dieses Spiel beherrscht darf getrost bezweifelt werden. Denn spätestens im Juli wird Janet Yellen die Karten auf den Tisch legen müssen…“

    Ich glaube, die großen Marktteilnehmer wissen genau, was Sache ist. Das Spielchen der FED ist reine Show. Der Bluff hat sich längst abgenutzt. Das die Show noch funktioniert, hat meiner Ansicht nach eine wesentliche Ursache: Sehr große Player am Markt spielen nicht mit ihrem eigenen Geld, sondern mit dem ihrer Anleger oder auch Zwangsanleger (z.B. Pensionskassen). Ihre Verwaltungsgebühren kassieren diese institutionellen Großanleger auch dann, wenn sie keinen Erfolg in der Geldanlage haben. Mit dieser Aussicht lebt es sich doch super. Hinzu kommt, dass die meisten Großanleger ähnlich positioniert sein dürften, so dass im Falle eines Crashs alle den gleichen „kollektiven“ Misserfolg haben werden. Somit kann jeder auf den anderen verweisen, dass es beim ihm ja auch nicht besser läuft. Unter diesen Voraussetzungen können die verantwortlichen Geldmanager auch die FED-Zins-Show prima mitmachen, im vollen Bewusstsein, dass dies nur ein Bluff ist.

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