Dummheit kann Menschen töten. Oder: Ein Blick auf die USA

15. März 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt

ich habe es im täglichen Observer schon angesprochen, will es aber auch für die Leser, die diesen Dienst nicht beziehen, noch einmal darlegen: Was in Japan passiert, ist eine entsetzliche Tragödie. Aber ich bin davon überzeugt, dass die wahre und nachhaltige Bedrohung für die Weltwirtschaft, aber auch für jeden Einzelnen, aus den USA kommt. Denn dort dominiert so sehr die Dummheit und Arroganz, gepaart mit wirtschaftlicher Macht, dass man eigentlich in Panik geraten müsste…

Mich wundert indes nicht, dass dies nicht passiert, denn immer mehr Menschen auch bei uns eifern dem durchschnittlichen US-Bürger nach.

Dass man die Lage in Fukushima nicht in den Griff bekommen würde, hatten Wissenschaftler bereits gestern befürchtet. Die Politiker nicht. Man glaubte den Politikern. Nicht, weil die auf einmal glaubwürdiger wären als sonst … aber der Realität ins Auge zu sehen, wenn diese finster ist, ist immer noch etwas, was man gerne vermeidet, nicht wahr? In den USA schloss der Dow Jones gestern bei entspannten –0,43%. Die Abschläge waren ohnehin nie wirklich groß, aber in den letzten beiden Handelsstunden wurde ordentlich zugelangt. Schließlich ist am Freitag der große Verfalltermin für Optionen und Futures – und es galt, die angestrebten Abrechnungspreise von 12.000 im Dow Jones und 1.300 im S&P 500 zu verteidigen. Japan? Och, das ist so weit weg … und die Japaner haben es eh nicht drauf.

Dass man das in den USA, dem „Land of the Free“ (diese Hymne dreht mir immer noch den Magen um, wenn ich an all die Indianer, Chinesen, Afroamerikaner und andere denke, die diese Freiheit in den letzten Jahrhunderten genießen mussten), so sieht, greife ich nicht einfach aus der Luft … oder lese es nur am Kursverlauf der Aktienmärkte ab. Nein, gestern gab es auf CNBC eine Umfrage, in welcher die US-Bürger abstimmen durften, ob man angesichts der Lage in Japan den Bau neuer Atomkraftwerke in den USA fortführen oder stoppen solle. Die Option „abschalten“ stand gar nicht zur Debatte. Und siehe da, 71% der Abstimmenden sagten: Noch mehr AKWs bauen!

Zum selben Zeitpunkt plauderte der durch seine radikal-konservativen Sprüche seit Jahren unangenehm aufgefallene Larry Cudlow mit Analysten darüber, ob man nicht jetzt schon den idealen Einstiegszeitpunk dieser Korrektur hätte. Wohlgemerkt: Die Frage, ob das vielleicht mehr als eine Korrektur sei, stellte man gar nicht. Alle Beteiligten waren sich einig: Das ist definitiv nur eine Korrektur, die Wirtschaft wächst solide, jetzt muss man zugreifen. Nur für diejenigen, welche diese Kolumne später lesen: Ich spreche hier vom Montag, als die US-Börsen nur um ein Prozent im Minus lagen!

Das zeichnet ein Bild, das keineswegs auf alle Amerikaner zutrifft, keineswegs. Aber ich habe vor 20 Jahren drei Jahre lang mit Amerikanern unmittelbar gearbeitet und kann aus dieser Erfahrung sagen: Für sehr viele, erschreckend viele, sind diese Meinungen und Denkweisen repräsentativ. Angsterregende Teile der US-Bevölkerung sind davon überzeugt, dass der Rest der Welt den USA weit unterlegen ist. Wir kennen das ja sicher alle aus eigener Erfahrung: Es sind meist die Dümmsten, die sich über andere stellen, das große Wort führen. Unangenehm und ärgerlich, ja. Aber hier geht es um eine ganze Nation, die sich so aufführt. Eine schwer bewaffnete und immer noch wirtschaftlich mächtige Nation.

EU-Krise? Problem anderer Leute. Libyen, Bahrein etc? Was soll uns das angehen! Eigene Staatsverschuldung? Nie was davon gehört. Japan? Na, die können halt keine Atomkraftwerke bauen, so wie wir in den USA. Wie schon im Observer geschrieben: Ich könnte wetten, über 80% der US-Bürger wissen nicht, was 1979 in Harrisburg geschah.

Dafür sind sie nur zu gerne bereit, unbesehen zu glauben, was solche Parolenklopfer wie Larry Cudlow von sich geben. „Keep America strong“, war und ist seine Parole. Auch Ende 2007. Das will er heute nicht mehr wissen, aber ich habe es damals gesehen, immer und immer wieder. Der Herr leugnete damals ebenso wie z.B. Präsidentschaftskandidat McCain, dass das Risiko einer Rezession bestehe. Man durfte sich aussuchen, ob er bewusst gelogen hatte oder einfach nur zu dumm war, die Lage zu erfassen. Heute darf (soll?) er wieder trommeln … und nach wie vor hängen die Anleger an solchen Lippen. Es ist unfassbar – und beängstigend. Eine Volkswirtschaft, die nicht mal merkt, dass sie mittlerweile am Tropf Chinas hängt, plustert sich auf wie der Herr der Welt. (Seite 2)

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