Dumm und dreist: Wir sitzen in der Tinte

24. Februar 2014 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

Als im Vorfeld der Veröffentlichung des US-Notenbankprotokolls gleich drei US-Notenbanker ihre Sicht der Dinge von sich gaben, flog so manchem Marktteilnehmer zweifellos der Draht aus der Mütze…

Man muss schon blind, dumm oder tot sein, um den scharfen Abriss beim weltweiten Wirtschaftswachstum zu übersehen. Die Kette negativer Konjunkturdaten reißt einfach nicht ab. Die letzten Daten zu den US-Baubeginnen oder aber der veröffentlichte Einkaufsmanagerindex für den Februar in China ergänzen eine wochenlange Reihe deutlich nach unten weisender Konjunkturdaten. Und wenn uns in dieser Situation das Wachstum nachhaltig abhanden kommt, stehen die Notenbanken mit leeren Händen der.

Da kann man nur gelassen reagieren, wenn man zu denen gehört, denen es vollkommen reicht, wenn statt eines Löschzuges ein einzelner Feuerwehrmann mit leeren Händen, ermutigendem Lächeln und hoch gerecktem Daumen neben einem steht, während gerade ihr Haus Feuer fängt. Allen anderen jedoch ist klar: All das „billige Geld“ hat nicht ausgereicht, um die Weltwirtschaft wieder auf einen stabilen Wachstumspfad zu führen. Ohne das Wachstum der Emerging Markets wäre überhaupt nichts vorangegangen. Und ob das auch nur ansatzweise dadurch intensiviert wurde, dass man seitens der Notenbanken in den USA, der Eurozone und Japans mit virtuellem Geld um sich warf, darf gerne bezweifelt werden. Das einzige, was wirklich durch diese Maßnahmen gestützt wurde, waren die Aktienmärkte.

Dass die Verdoppelung des Kreditprogramms in Japan am Dienstag zunächst einen Kurssprung nach sich zog, der aber schon zu einem guten Teil wieder abverkauft wurde, spricht Bände. Die Masse der großen Adressen weiß ganz genau, dass die Pulverkammern der Notenbanken leer sind und deren geheimnisvolle, nie konkret genannte „zusätzliche Maßnahmen für den Fall der Fälle“ nicht existieren.

Wenn man in einer solchen Situation so tut, als wäre alles in Ordnung und US-Notenbanker Lockhart nur am Rande darauf hinweist, dass es noch zu früh sei, die Schwächephase des Wachstums im Januar zu erklären, kann man schon in einem würdevollen Ausmaß entsetzt sein. Zumal die Herren Lockhart, Williams und Bullard unisono die Ansicht vertraten, dass der „Rückbau“ der Stützungskäufe am US-Anleihemarkt fortgeführt werden sollte und wohl Ende dieses Jahres abgeschlossen sein wird. Wobei man sich die Frage stellen muss:

Würde denn die Beibehaltung des aktuellen Niveaus oder eine erneute Ausweitung der Stützungskäufe irgendetwas bewirken? War das denn nicht ohnehin eine große Dummheit als Reaktion auf die Dreistigkeit der US-Politik, grundlegende Probleme wie eine heiße Kartoffel an die Notenbanken weiter zu reichen und nun mit dem Finger auf diese zu zeigen mit der Frage: „Warum habt ihr unsere Probleme immer noch nicht gelöst?“

Denn da haben wir einen großen Unterschied – nicht den einzigen – zur EZB. Diese weist im Gegenteil darauf hin, dass die Politiker der Eurozone die Füße hoch legen, sich auf die Notenbank verlassen und notwendige Reformen einfach nicht angehen. Sie weist darauf hin, dass sie alleine diese Probleme nicht lösen kann und das auch in keiner Weise ihre Aufgabe sein kann. Hier zeigt ein Mario Draghi mit dem Finger auf die Politiker. In den USA aber ist es umgekehrt!

Alleine der erste Auftritt der neuen Notenbankchefin Janet Yellen vor dem Ausschuss des US-Kongresses spricht da Bände. Da erdreisten sich Ausschussmitglieder tatsächlich, diese Frau vorwurfsvoll zu fragen, ob sie es in Ordnung finde, dass das Wachstum der USA am Großteil der Bevölkerung vorbei geht und die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klafft! Diese Leute bringen es fertig, den schwarzen Peter jemanden zuzuschieben, der nun wahrhaftig nicht für die tiefen Risse in der US-Gesellschaft verantwortlich sein kann.

Und ich habe den Eindruck, dass das unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass die US-Notenbank die Politiker nicht im entscheidenden Augenblick „erzogen“ hat. Wenn Sie Ihrem Hund jahrelang alles durchgehen lassen, können Sie es vergessen, ihn dann auf einmal in die Schranken weisen zu wollen.

Die US-Notenbank hat im Zuge der Subprime-Krise entscheidende Schritte unternommen, um der Politik Zeit zu verschaffen, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Dort aber passierte – genauso wie in Europa – nichts. Die politische Kaste in den USA, deren Dreistigkeit und Borniertheit zuletzt im Zuge des lächerlichen Gezänks um den Staatshaushalt im Herbst offenbar wurde, das – wieder einmal zum Schaden der Bevölkerung – in den so genannten „Shutdown“ führte, hat dadurch offenbar den Eindruck, als wäre die US-Notenbank ein sulbaterner Weisungsempfänger.

Nichts könnte falscher sein. Und es stünde den Mitgliedern der US-Notenbank gut zu Gesicht, mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen und das einmal absolut klarzustellen. Es handelt sich bei der Federal Reserve Bank nicht einmal um eine tatsächliche, staatliche Organisation, da sie sich in privatem Besitz der US-Banken befindet. Wenngleich dennoch die Ernennung der entscheidenden Personen innerhalb der „Fed“ durch die Politik erfolgt und dieser Privatbesitz eher Ansichtssache ist, so handelt und entscheidet die Fed doch innerhalb des Rahmens der gesetzlichen Aufgabenstellung selbständig und unabhängig. Oder besser: So sollte es sein. Denn was tut sie seit Jahren?

Sie finanziert den Staat entscheidend mit, was in keiner Weise ihre Aufgabe sein kann – und darf. Es ist eine Art Ringelreihen entstanden, in dem Geld aus Nichts erschaffen wird und man es sich gegenseitig von hinten in die Tasche steckt, hoffend, dass die Öffentlichkeit nicht kapiert, was für einen unglaubliche Charade man da aufführt. Dumm dabei ist, dass sie auch nichts bringt, sondern alles nur schlimmer macht. Konkret ist es doch so:

Die US-Notenbank kauft Staatsanleihen auf. Offiziell. Zudem spielt sie eine Rolle bei der Neuemission von US-Bonds, wobei das jetzt nicht der Punkt ist. Durch diese Bond-Käufe leiht sie dem Staat Geld, wie es jeder andere tut, der diese Anleihen kauft. Sie tut es deswegen, damit die Nachfrage stets ausreichend hoch ist, um die Zinsen niedrig zu halten. Die Zinsen sollen aus zwei Gründen niedrig bleiben:

Um den Unternehmen und den Konsumenten die Möglichkeit zu sichern, mit geringen Kosten Kredite aufzunehmen, um Produktion und Konsum zu steigern und so für Wachstum zu sorgen. Aber vor allem, um

… die immer schneller steigende Verschuldung des Staatshaushalts zu bremsen, denn solange der Staat für die Aufnahme neuer Kredite weniger Zinsen zahlen muss als für die, die auslaufen, verringert sich die Kostenlast. Soweit die Theorie.

Nur ist das alles ein himmelschreiender Unfug, weil entscheidende Elemente einfach nicht sind, wie sie sollten. Wofür die Notenbank wahrlich nichts, die US-Politik hingegen alles kann. Konkret…

Es ist weder eine echte Belebung des Arbeitsmarkts noch echtes Wachstum in den Unternehmen vorhanden, das eine so deutlich steigende Kreditnachfrage bedingen könnte, dass die niedrigen Zinsen wirklich etwas bringen würden. Davon mal abgesehen, dass die Banken ja ordentlich was draufschlagen, die Hürden zur Kreditvergabe hoch hängen und die Zinsen am Kapitalmarkt trotz dieser Stützungskäufe steigen. Was gerade im Bereich der Hypothekenzinsen empfindlich wirkt und belegt, dass dieser Humbug nicht allzu viel taugt. Aber das Kernproblem ist:

All diese Maßnahmen stabilisieren vielleicht die Börsen. Aber bei der breiten Bevölkerung kommt Nullkommanichts an. Der Staat kriegt Geld, die Banken kriegen Geld, die Bürger kriegen nichts. So kann der Konsum nicht zulegen – und damit auch kein echtes, stabiles Wachstum entstehen. Und vom Wachstum der Emerging Markets profitieren zwar US-Unternehmen, aber selten US-Arbeitnehmer! Aber das ist nicht alles.

Noch deutlich närrischer ist die Tatsache, dass die Notenbank so nett (oder so dämlich, weil es ausgenutzt wird) ist, den Staat zu finanzieren und es ihm dadurch leicht zu machen, Veränderungen einfach bleiben zu lassen. Was tut die Fed?

Sie kauft dem Staat für zig Milliarden im Monat Staatsanleihen ab, leiht ihm also Geld. Welches Geld? Woher kommt das? Es kommt aus dem nichts. Die Notenbank darf Geld „machen“ … also macht sie es. Diesem Geld steht keine Leistung, keine Sicherheit gegenüber – außer der vagen, nicht fundierten Hoffnung, dass die Notenbank das Ganze schon irgendwann irgendwie wieder normalisieren wird.

Auf diese Weise kann der Staat weiter wursteln, wie er will. Er wird aus dem Nichts refinanziert. Eigentlich könnte er das Geld gleich bei der US-Notenbank drucken lassen und verwenden, anstatt den umständlichen Umweg zu gehen, erst Anleihen zu begeben. Das Geld kommt, weil die Notenbank einspringt, wenn andere das ganze Zeug nicht mehr haben wollen. Und so wird zwar einerseits sichergestellt, dass die USA nicht in die Pleite gehen und das ganze Kartenhaus zusammenbricht.

Aber anderseits fördert die Notenbank dadurch diese unfassbare Situation noch, weil sie die Politik des Zwangs enthebt, irgendetwas Grundlegendes zu reformieren. Die müssen nur immer mal wieder die gesetzlich festgelegte Schuldenobergrenze anheben – was sie auch tun – und diese Grenze damit ad absurdum führen (wie das System der Staatsfinanzierung selbst sowieso) und weiter pfuschen wie bisher.

Und die Notenbank fördert dadurch in der Tat die Ausweitung der Schere zwischen arm und reich. Denn diese Staatsfinanzierung durch die Hintertür und die billigen und nicht zweckgebundenen Kredite für die Finanzindustrie lassen die Aktienmärkte steigen, die Wirtschaft aber – und damit die breite Masse der Bevölkerung – bleibt außen vor. Und:

Auf diese Weise haben die Politiker keine Not, irgendwas gegen dieses Defizit zu tun. Sprich gegen den Umstand, dass die Steuereinnahmen nicht ausreichen, um den Staat zu finanzieren, die Kosten andererseits immer höher werden, eben weil durch steigenden Schuldendienst und steigende Sozialausgaben immer mehr Defizite auftauchen, gerade weil man offenbar zu feige, zu träge oder unfähig ist, nötige soziale und gesellschaftliche Reformen anzugehen.

So fördert die US-Notenbank, was sie nie fördern wollte, nämlich, dass die Lage immer schlimmer wird, indem sie die wachsenden Löcher mit Geld aus dem Nichts stopft. Und da die Gewinne, also z.B. die Zinserträge, an das Finanzministerium abgeführt werden, finanziert der Staat die Anleihen, die die Notenbank übernimmt, im Endeffekt auch noch zinslos. Aber das nur nebenbei.

Was bleibt, ist eine Notenbank mit eingezogenem Kopf, bei der die meisten wohl genau wissen, dass sie in eine untragbare Rolle geraten sind. Was bleibt, sind US-Politiker, die denjenigen, die ihnen ihr Ruhekissen finanzieren, die Schuld dafür geben, dass nichts passiert. Was bleibt, sind Notenbanker, die nach außen hin so tun, als wäre alles bestens und machtlos vor dem Scheitern all dieser, verfehlten Klimmzüge stehen.

Was also bleibt, ist eine Gemengelage, in der billiges Geld nichts mehr hilft und das Wachstum dahin scheint. Nur die Aktienmärkte sind noch immer „oben“. Da kopiert man die US-Notenbank indem man so tut, als wäre nichts.

Eines sollte klar sein: Diese Situation ist deutlich anders als alles, was wir seit der Geburt des „Billigen Geldes“ Ende 2008 erlebt haben. Diesmal wird es eklig. Und die Aktienmärkte schweben auf Allzeithochs wie auf einer Leiter, die plötzlich keine Sprossen mehr hat. Watch out!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt  – www.baden-boerse.de


 

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2 Kommentare auf "Dumm und dreist: Wir sitzen in der Tinte"

  1. bluestar sagt:

    Wieder ein sehr guter Beitrag von Ronald Gehrt.
    Tja, wohin man auch schaut, das System scheint sich in der finalen Phase zu befinden.
    Was machen die weltweiten Politik-und Wirtschaftsoligarchen ? Natürlich die Situation verschleiern und selbst davon profitieren. Ob USA oder Ukraine, es geht niemals um das eigene Volk. Allerdings braucht man dieses zur Legitimation der Macht, was dann
    auch von denen immer wieder geliefert wird.
    Wie sagte schon Hegel: Man könne nichts aus der Geschichte lernen außer der Tatsache, dass die Menschen nichts aus ihr lernen“. Es gibt sehr kluge und ehrliche Menschen, leider wird sich die Masse niemals für sie entscheiden sondern für ihre eigenen Sklavenhalter.
    Diesmal wird es eklig, meint Ronald gehrt.

  2. FDominicus sagt:

    Ich schließe mich dem Kommentar des bluestar an:
    „Wieder ein sehr guter Beitrag von Ronald Gehrt.“

    Ob das hier zutrifft:
    „Tja, wohin man auch schaut, das System scheint sich in der finalen Phase zu befinden.“
    weiß ich wirklich nicht. Ich war schon vor 6 Jahren der Meinung TARP war die Pandorra-Box der Scheingeldwirtschaft. Nur verdrängt man immer auch, das das letzte das der Box entkam die Hoffnung war….

    Immer wieder „hoffte“ ich, die Irrtümer würden erkannt und entsprechend anders reagiert aber es läuft nach meinem Dafürhalten wir ein Blaupause der Geldexpansion ab. Manche behaupten ja auch einen Crack-Up Boom gibt es nicht. Vielleicht haben Sie recht, vielleicht auch nicht. Ich kann jedenfalls nicht mehr erkennen, wie die steigenden Börsenkurse mit dem fallenden Dividenden einher gehen. Entweder das eine muß irgendwann steigen oder das andere fallen um auf einen Level zu kommen, den man „tragfähig“ nennen kann. Vielleicht unterschätze ich aber immer noch den Glauben in die Zentralbanken und Zentralplanung, ich habe selbst in meinem engeren Umfeld nicht den Eindruck die Leute wären irgendwie „beunruhigt“…

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