Draghi, der Währungswüter

10. März 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Egon Wolfgang Kreutzer + Frank Meyer

Immer, wenn Mario Draghi seine monatlichen 60 Milliarden Euro aus dem Hut zauberte, stieg der DAX. Wenn dieser Effekt nicht gewünscht gewesen wäre, hätte die EZB etwas ändern müssen. Das ist jedoch nicht geschehen, so dass durchaus guten Gewissens behauptet werden kann: Die EZB versorgt das Kasino Monat für Monat mit frischem Spielgeld…

Dafür, dass die EZB Anleihen ankauft und den Anlegern damit immer wieder Liquidität verschafft, nimmt Draghi allerdings auch eine Gebühr. Den sogenannten „Negativzins“, bei dem es sich allerdings bei genauer Betrachtung um einen Schuldzins handelt, wie ihn die Banken auch zu zahlen hätten, würden sie sich das Geld nicht als Kaufpreis für Wertpapiere auszahlen lassen, sondern sich ihr Spielgeld von der EZB borgen.

Da Banker rechnen können, muss es Möglichkeiten geben, trotz Negativzins mit der zusätzlichen Liquidität gute Geschäfte zu machen, jedenfalls bessere und profitablere als mit den Papieren, die Draghi so bereitwillig in seiner Giftmülldeponie abkippen lässt.

Das gilt auch dann, wenn Banken sich einfach durch das Abstoßen von Wertpapieren in Richtung EZB flüssig machen, um eigenen Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können. Zum Beispiel auch, um gegenüber Großeinlegern, die ihr Kapital abziehen wollen, Zahlungfähigkeit demonstrieren zu können.

War da nicht neulich von der Deutschen Bank zu hören: „Wir sind zahlungsfähig“? Ein Spruch, über den sich viele lustig gemacht haben, weil er so beschwörend von Banken eigentlich nur dann zu hören ist, wenn das Dach schon brennt. Was wäre, wenn fällige Strafzahlungen wegen unsauberer Geschäfte nicht pünktlich überwiesen werden könnten? Auch hier sorgt die EZB für Liquidität, solange ein Institut noch über Anleihen verfügt, die auf der Einkaufsliste der EZB stehen.

Eine feine Sache.

Banken retten und die Börsen beleben, gegen einen kleinen Obulus von weniger als einem halben Prozent jährlich.

Nur das erklärte Ziel, nämlich die Inflation in der Euro-Zone nahe an den vermeintlichen Idealwert von knapp unter zwei Prozent jährlich heranzuführen, ist bisher mit dem Einsatz von 600 Milliarden Euro frischem EZB-Geld in keiner Weise näher gerückt.

Heute nun hat der oberste Währungshüter beschlossen, die Schleusen noch weiter zu öffnen.

Der Leitzins wurde auf glatte Null Prozent gesenkt, das heißt, wer keine Anleihen an die EZB verkaufen will, bekommt das Geld auch umsonst geliehen. Statt 60 Milliarden Euro will die EZB ab sofort monatlich 80 Milliarden Euro in die Finanzmärkte pumpen, und Der Negativzins für Guthaben der Banken auf ihren Zentralbankkonten wird auf 0,4 Prozent angehoben.

Der DAX reagiert umgehend mit einem steilen Kurssprung von 9.700 Punkten gegen Mittag auf 9.960 kurz nach der Verkündigung des neuen Geldsegens. Es ist also wieder nichts anderes passiert, als dass Milliarden unmittelbar in die Aktienspekulation geflossen sind. Bei einer Börsenkapitalisierung der DAX-Gesellschaften in der Größenordnung von knapp 1 Billion Euro bedeutet dieser Kurssprung von 2,7 % nicht weniger als einen Kursgewinn von 25 Milliarden Euro für die glücklichen Aktionäre.

Und das, obwohl die Ausweitung des Anleihekaufprogramms von den Anlegern durchaus in den letzten Tagen schon „eingepreist“ worden war, so dass die Bestätigung letztlich nur noch das Sahnehäubchen auf dem von der EZB spendierten Gewinn darstellt.

Einwurf von Frank Meyer

…und dann kam es vorübergehend anders. Denn der Herr Draghi hat vielleicht nur irrtümlich etwas verkündet, wofür er von seiner Nachbarin einen Stoß während der Pressekonferenz in die Rippen bekam. Er sagte nämlich sinngemäß, und sicherlich ganz unbedacht, dass das Ende der Fahnenstange mit den Zinsen erreicht sei. Keine Minus-Leitzinsen? Kein Geld dafür, dass Banken Kredite bei der EZB aufnehmen? Ach! Das nimmt natürlich jede Fantasie aus dem Markt, wer auch immer dieser Markt heute ist.

Von den 10.000 Punkten im DAX blieben am Ende nur noch 9.500 Punkte übrig. Auf dem Parkett rief man: „Wo ist Draghi?“ 50 Milliarden Euro Börsenwert im DAX waren plötzlich weg. Sie kamen aus dem Nichts. Dorthin gingen sie auch wieder.

Statt den Euro weiter abzuverkaufen, stieg dieses Elektrogeld Europas gegenüber dem US-Dollar auf 1,12. Oh Mario, die Presse schrieb sogar von einem Glaubwürdigkeitsverlust. Hätte der DAX über 10.000 Punkten geschlossen, wäre Mario Draghi der Held der Welt, der Magier, der Zauberer – kurzum: der Super-Mario. So aber…

Auch ich als Börsenreporter bin da befangen. Sehen Sie mir es bitte nach! Ich ging am Mittwoch noch am Main entlang. Dort sitzt die EZB in ihrem so teurer gewordenen Gebäude (Hallo Teuerung, wir vermissen Dich!) und sah in Gedanken einen Mann über das Wasser laufen. Es war klar, das kann nur Mario Draghi gewesen sein. Wer sonst? Petra Roth etwa?

Der Mario, das ist der Mann fürs Grobe, der Mann, der alles kann… Den Winter abschalten, die Züge der Bahn pünktlich abfahren und abkommen lassen und auch Wasser in Wein verwandeln. Wäre nur nicht dieser Donnerstag gewesen. Alles wäre so gut geworden. Wäre… Wolfgang.. bitte übernehmen…

Es ist in meinen Augen ein vollkommen irrsinniger Kurs, der, nachdem die angestrebte Wirkung – wie auch von mir erwartet – ausgeblieben ist, nun mit noch mehr Einsatz, ja mit nachgerade blindwütiger Euro-Verschleuderei fortgesetzt wird.

John Maynard Keynes schrieb 1919:

„Mit anhaltender Inflation können Regierungen still und heimlich einen bedeutenden Teil des Wohlstands ihrer Bürger konfiszieren. … Der Prozess lässt viele verarmen und bereichert wenige. … Lenin hatte sicher recht. Es gibt keinen subtileren, sichereren Weg, die bestehenden Grundlagen der Gesellschaft umzustürzen, als die Währung verderben. Der Prozess lässt alle die verborgenen Kräfte ökonomischer Gesetze auf der Seite der Zerstörung in einer Weise wirken, die kaum jemand zu diagnostizieren in der Lage ist.“ (The Economic Consequences of the Peace (1919), Chapter VI, pg.235-236)

Dies muss man heute auf die veränderten Zustände übertragen. Es sind nicht mehr die Regierungen, die den Wohlstand ihrer Bürger konfiszieren wollen, es sind unabhängige Institutionen, frei von jeder wirklichen Verantwortung und von keinem Gericht zur Rechenschaft zu ziehen, die im Auftrag und im Sinne des Kapitalismus die Währungen verderben.

Eine ungedeckte Geldflut auszulösen, die einigen wenigen die Möglichkeit verschafft, sich die Sachwerte anzueignen, während deren Verkäufer am Ende mit nichts als ein paar Blättern Papier dastehen, die nicht einmal lange genug brennen, um sich die Hände daran zu wärmen, ist im Kampf „Arm gegen Reich“ eine volle Breitseite aus der Brigg der Reichen auf die Jolle der Armen.

Die Inflation wird kommen. Sie wird kommen, sobald es nichts wirklich Wertvolles mehr aufzukaufen gibt. Dann aber kommt sie nicht mit 2 Prozent pro Jahr, sondern mit mehreren hundert Prozent pro Woche. An den bisherigen Wirkungen der EZB-Politik ist bereits zu erkennen, was die Absicht dahinter ist. Wenn die große, finale Schadwirkung eintritt, wird es unter Umständen auch der Letzte begreifen müssen.

© Egon Wolfgang Kreutzer – Homepage

 

8 Kommentare auf "Draghi, der Währungswüter"

  1. Argonautiker sagt:

    Mario Draghi, der Held der Welt, der Wasser zu Wein verwandelt.

    Gut, daß das sarkastisch gemeint ist, denn umgekehrt wird ein Schuh draus. Und Zauberer,…, na ja, er probiert zwar ständig Wein in Wasser zu verwandeln, aber dann muß man feststellen daß er noch nicht mal das hinbekommen hat. Lediglich sauer ist er geworden, der Wein. Sehr sauer, um nicht zu sagen, zu Essig ist er geworden.

    Und extrem sauer ist er für die geworden, die wie es Herr Kreutzer so treffend beschrieb, irgendwann dastehen werden, und bunte wertlose Papierfetzen in der Hand halten werden, während sich einige, bald gegenseitig die Schultern blau klopfen werden, über ihre ach so gelungenen Geschäfte der Umschuldung.

    Umschuldung, was für ein nettes Wort dafür. Betrügen träfe es besser. Betrügen ist einfach Gesellschaftsfähig geworden. Wenn sich die sogenannte gute Gesellschaft nicht seit eh und je, vom Betrug genährt hat. Und wenn es Gesellschaftsfähig ist, dann darf man in dem Fall auch nicht mehr von betrügen reden, sondern man hat umschulden zu sagen.

    Von angepeilter Inflation zu schwafeln, um das Gelddrucken zu rechtfertigen, ist für das was Draghi tut, ungefähr so aufrichtig, wie ein Betrüger aufrichtig ist, wenn er irgend etwas schwafelt, um von seinen wahren Absichten im Kleingedruckten abzulenken.

    Wer hat es ermöglicht? Die Politiker, die der Bankenrettung nach der Lehman Pleite zugestimmt haben. Das war der Schulterschluß einer betrügerischen Hochfinanz und einer sich anbiedernden Politik. Und wer war das? Ich will da einen Namen nun explizit nicht nennen, weil nun selbst Wilfried Schmickler, (den ich bisher eigentlich achtete), in den Mitternachtsspitzen schon moralisch gedroht hat, wie verwerflich es doch sei, dieser Frau in letzter Zeit so übel mitzuspielen. Was mich schon sehr wunderte, weil dieser Frau nur gerade lediglich ein geringer Teil von dem um die Ohren fliegt, was sie federführend mit Schäuble eingebrockt hat.

    Aber vielleicht wird auch das bald Salonfähig, daß man mit den Tätern Mitleid haben muß, und das aufzählen ihrer Untaten zur Untat erklärt wird. Wer Nullzinsen für die Hochfinanz einführen kann, und gleichzeitig negativ Zins für Sparer andenkt, schreckt sicherlich auch davor nicht zurück.

    Ich möchte in einer immer wahnsinniger werdenden Welt mal wieder meine Achtung an all die aussprechen, die sich noch getrauen zu sagen oder zu schreiben, wie es ist. Rundweg ein gelungener Atikel, mit treffender Mahnung im Finale.

    Beste Grüße aus Bremen

  2. JayJay sagt:

    Weihnachtsmann Draghi ist schon in Ordnung, er zerstört schneller den Euro als es die unfehlbare, gottgleiche, alternativlose, allwissende, politische Kaste in der EU es je hinbekommen hätte.

    Sagen wir dem Oberguru der Bad Bank EZB unseren Dank. 🙂

  3. Insasse sagt:

    „Dies muss man heute auf die veränderten Zustände übertragen. Es sind nicht mehr die Regierungen, die den Wohlstand ihrer Bürger konfiszieren wollen, es sind unabhängige Institutionen, frei von jeder wirklichen Verantwortung und von keinem Gericht zur Rechenschaft zu ziehen, die im Auftrag und im Sinne des Kapitalismus die Währungen verderben.“

    Widerspruch! Es waren und sind die Regierungen der europäischen Nationalstaaten, welche diese unabhängigen Institutionen installiert haben bzw. bei Bedarf installieren. Sie eröffnen diesen Institutionen mit den entsprechenden gesetzlichen Grundlagen erst die Möglichkeit, frei von jeder wirklichen Verantwortung und ohne Rechenschaft ablegen zu müssen, zu handeln. Es ist das gleiche Wirkprinzip, wie bei Unternehmen, die sich Unternehmensberatungen ins Haus holen, um Einschnitte für die Mitarbeiter nicht selbst rechtfertigen zu müssen: Abwälzen der Verantwortung auf angeblich unabhängige Berater bzw. Institutionen. Oder anders ausgedrückt: Eigenverantwortung war gestern. Ein ganz entscheidender Systemfehler!

  4. toter_esel sagt:

    Draghi ist der Insolvenzverwalter. Auch wenn ich keine Sympathien für ihn entwickeln kann, er ist nicht daran schuld, dass das Unternehmen (Eurozone) bankrott ist.

  5. PlanB sagt:

    Ich bin ganz Ihrer Meinung, was die zukünftige Entwicklung des Euro angeht. Und das dies durch Draghi, Konsorten und die Regierungen mit deren Verschuldungsorgien zum großen Teil hervorgerufen wurde und wird. Nur einem kann ich nicht so recht folgen. Das die Kleinen zu Gunsten der Großen auf der Strecke bleiben. Ich gehöre sicher auch zu den kleinen Nichtmillionären. Aber hindert mich das daran, mir ein Brokerkonto zu eröffnen und mit meinem Ersparten Aktien zu handeln oder Goldoptionen oder Fonds? Oder dass ich mir im Internet Silbermünzen oder kleine Goldbarren bestelle. Die gibt´s doch nicht erst ab einem Kilo. Ich muß ja nicht gleich Ländereien besitzen um zu überleben. Nein. Ich sehe das so. Nicht die Kleinen bleiben auf der Strecke. Sondern die Unachtsamen, Leichtgläubigen und Uninformierten. Und davon haben wir natürlich zu Hauf in diesem Lande. Natürlich nehme ich hier die, die wirklich nichts haben aus. Diese werden wirklich leiden, wenn die Sozialsysteme erst einmal zusammengebrochen sind. Um die tut es mir wirklich leid. Die können sich natürlich nicht absichern. Aber wir Deutschen haben über 5 Billionen Euro Sparguthaben. Der DAX hat eine Marktkapitalisierung von etwas über 1 Billionen. Die Aktionärsquote liegt bei gut Verdienenden zwischen 20-30%. Bei unteren Einkommensklassen bei etwas 4-10%. Das sollte doch zu denken geben. Und an Aufklärung fehlt es doch wohl auch nicht. Fast jedem ist das Smartphone schon an der Hand festgewachsen. Aber anstatt sich zu informieren wird rumgespielt oder geWhattsApped was das Zeug hält. Alles in allem. Ganz so einfach ist die Welt halt nicht. Und nicht jeder ist ein Opfer nur weil er kein Millionär ist. In diesem Sinne.

  6. PlanB sagt:

    Nachtrag: Seit 2008 beschäftige ich mich damit, meine paar Kröten vor diesen Taschendieben im falle eines Crashs in Sicherheit zu bringen. Nach nun 8 Jahren habe ich mich damit abgefunden, wenigstens die Hälfte noch zu haben. Das bleibt nicht aus, wenn man diversifiziert. Welche Enteignungsmaßnahmen am Ende kommen, weiß man ja nicht (Goldverbot, Zwangskredit auf Eigenheim, Eurocrash, Teilenteignung einzelner Assetklassen schlechthin, Währungsreform). Aber worauf will raus. Seit dieser Zeit predige ich das all meinen Bekannten und Verwandten. Ich habe bei meinem Arbeitgeber Präsentationen zur Lage der Nation gehalten. Jeder Mitarbeiter hat Bücher, wie Cashkurs von Dirk Müller geschenkt bekommen. Immer wieder danach habe ich mich erkundigt, ob schon irgend etwas von meinen Freunden oder Kollegen in die Wege geleitet wurde. Ergebnis: Null. Nada, Nichts. Und das obwohl ich weiß, das einige nicht unvermögend sind. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Die Antworten sind meist. Es wird schon alles nicht so schlimm werden. Oder: Ich habe keine Lust mich damit zu beschäftigen. etc. Diese Leute sind für mich keine Opfer des Systems. Sie sind Opfer ihrer Dummheit oder Trägheit oder beidem.

  7. PetraM sagt:

    Ist ja ein toller GeldanlegeTipp : „Nach nun 8 Jahren habe ich mich damit abgefunden, wenigstens die Hälfte noch zu haben“. Ich weiss nicht, ob ich da eher nicht auf Sie hören sollte, so wie Ihre Bekannten?

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