Dr. Seltsam … Oder wie ich lernte, die Börse zu lieben

9. August 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Ronald Gehrt

Ich habe mir gedacht, wenn ich schon dabei bin, auf einmal doch Prognosen abzugeben, füge ich der Trendwende-Vorhersage vom 29. Juli, sprich der letzten Kolumne (Wenn die Wende dreimal klingelt), gleich noch eine hinzu: Ich behaupte, dass dieser Kurseinbruch der vergangenen Tage nur der Anfang eines großen Abwärtstrends sein wird, der wahrscheinlich die Größenordnung der Baisse 2008/2009 übertreffen wird…

Kurzfristig kann es nach einem solchen kapitalen Kursrutsch selbstverständlich jederzeit zu einer kräftigen Aufwärtsbewegung kommen. Ansätze davon sehen wir am heutigen Dienstag, und sollte am Abend irgendeine ermutigende Aussage seitens der US-Notenbank erfolgen (zumindest etwas, was man ohne genaueres Hinsehen für ermutigend halten kann), könnte es durchaus eine kräftige Rallye geben. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie den bisherigen Jahreshochs am Aktienmarkt auch nur ansatzweise nahe kommt oder Gold und Bundesanleihen wieder auf das vor wenigen Wochen herrschende Kursniveau zurückfallen würden, ist verschwindend gering.

Ich bin auf Basis dessen, was wir im Augenblick wissen, sicher, dass starke Gegenreaktionen, ob sie nun rein durch Eindeckungen der Bären, durch den Lemming-Effekt unter den Privatanlegern oder durch notgedrungene Rückkäufe der institutionellen Investoren erfolgen, für diejenigen zwingende Chancen sind, die bislang zwei Jahre lang von der Realität keine Kenntnis nehmen wollten und nun erschrocken den Ausstieg verpasst haben. Auf die Problematik der weltweiten Gemengelage will ich dabei nicht schon wieder im Detail eingehen, denn das habe ich in den letzten 20 oder 30 Kolumnen immer und immer wieder getan, wie Sie ja problemlos im Archiv nachlesen (www.system22.de/kolumnen.html) können. Ich will mich diesmal nur auf drei konkrete Gründe beschränken, warum beispielsweise das heute Morgen markierte Tief knapp unter 5.500 Punkten im DAX kurzfristig der Tiefpunkt gewesen sein kann, mittel- und langfristig aber höchstwahrscheinlich nicht:

1. Dr. Strange ist überall

In den vergangenen Tagen wurden stapelweise Trading-Legenden vor die Kameras gezerrt um ihre Überzeugung kundzutun, dass diese Abwärtsbewegung völlig übertrieben, ja nahezu verrückt sei. Gleichzeitig wurde von allen Seiten in den USA gegen die Herabstufung der Kreditwürdigkeit auf die zweithöchste Stufe gekeift, als wäre gerade Washington von den Mongolen besetzt worden. Bei all diesen Interviews und Statements wurde eines deutlich: Ob Barton Biggs, Jack Bogle oder Warren Buffett … diese Legenden früherer Jahrzehnte sind der Komplexität der momentanen Situation ebenso wenig gewachsen wie dem Tempo, mit dem sich Börsen heute bewegen. Sie wirken ebenso wenig glaubhaft wie die Scharen an Bankanalysten, die selbstverständlich unisono das Lied von der idealen Kaufgelegenheit singen. Nicht zuletzt deswegen, weil sie es schon Anfang vergangener Woche getan haben, bevor der echte Kurseinbruch überhaupt erst begonnen hatte.

Das gleiche groteske Bild zeigen die Politiker. Ob sie sich nun um die Anhebung des US-Schuldenlimits zanken wie Kleinkinder um einen Sandkuchen und sich dabei bis auf die Knochen blamieren, weil sie ernsthaft glauben, am Ende mit dem klassischen „die anderen sind schuld“ beim Wähler Punkte sammeln zu können … oder ob es die Politiker der EU sind, die seit anderthalb Jahren permanent irgendwelche weiteren Stufen der Eskalation in der EU-Krise zunächst kategorisch ausschließen, dann zu vertuschen suchen um schließlich mit angeblich hervorragenden Lösungen so tun, als sei man auf jede Entwicklung vorbereitet: Sie alle beweisen den Bürgern, dass sie nicht imstande sind, die kritische Situation in den Griff zu bekommen. Und wenngleich die Mehrheit der Menschen aufgrund der extremen Komplexität der uns gegenüberstehenden Problematik außerstande sind, Ursachen und Folgen wirklich zu erkennen, so erkennen Sie doch, dass ihre gewählten oder ernannten Oberhäupter unfähig sind, daran etwas zu ändern. (Seite 2)

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