Dow 82.000 oder: Statistiken für Deppen

17. November 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Wenn Statistiken das Denken ersetzen, fällt man leicht auf die Schnauze (warum hier „Nase“ schreiben?). Wenn es dabei um Statistiken geht, die keinen logischen Unterbau haben, erst recht. Es gibt da eine Statistik, die den hoffnungsfrohen Bullen momentan unter die Nase gehalten wird, die uns weismacht, dass die US-Börsen bis weit in das nächste Jahr hinein steigen werden…

Und die gehört genau in diese Kategorie galoppierenden Unfugs. Das Schlimme an der Sache ist, dass sie, wenn man sie nicht hinterfragt, wunderbar schlüssig wirkt. Und wer nun, angestachelt durch diese seltsame Rallye seit Mitte Oktober, einfach nur von Angst auf Gier gewechselt hat, neigt nicht dazu, irgendetwas zu hinterfragen, das ihm genau das verspricht, was er erhofft. Andererseits: Wer so denkt und handelt, ist letztlich selber schuld. Dennoch, dieser Mummenschanz hat mich so aufgeregt, dass ich ihn einfach kommentieren muss.

Da ich nicht weiß, wer mir mit Schadensersatz droht, wenn ich die Grafik einfach hier abbilde und sie wohl für kritische Betrachtungen nicht zur Verfügung steht, beschreibe ich sie einfach. Sie ist ja auch recht eingängig. Ein US-Analysehaus zusammen mit einem US-Börsensender hat diese Statistik entwickelt. Es geht um die Saisonalität des Dow Jones in Bezug auf den Amtszyklus der Präsidenten. Diese Grafik zeigt uns, dass, berechnet für die Jahre 1929 bis 2012 einschließlich, der Dow im ersten Jahr, dem sogenannten Nachwahljahr, im Schnitt um 4,0 Prozent steigt. Im folgenden Jahr, dem Jahr der Zwischenwahlen, in dem wir uns aktuell tummeln, steigt er im Schnitt um 4,5 Prozent.

Dabei geht es in diesem Zwischenwahljahr tendenziell bis September abwärts, erst dann zieht er an. Das wunderbarste Jahr liegt vor uns: Das „Vorwahljahr“. Da steigt der Dow nämlich um flotte 13,5 Prozent, während er im vierten, dem Wahljahr, noch einmal 5,0 Prozent zulegt.

Wir lernen also: Irgendwie steigt der Dow Jones also immer. Das ist toll, weil wir das noch gar nicht gewusst haben. Aber nein, tut er ja gar nicht, gell. Denn das ist ja nur der Durchschnitt, gemessen an 21 Vier-Jahres-Perioden. Da kann natürlich auch mal ein schwaches Jahr dabei sein. Was aber eigentlich egal ist. Denn diese Statistik sagt ja: wenn sie nur lange genug dranbleiben und immer kaufen, dann hätten Sie in den letzten 84 Jahren ihres Börsianer-Lebens diese Performance gemacht.

Ich habe mal kurz nachgerechnet: Daraus errechnen sich pro Vier-Jahres-Periode Gewinne von ca. 31 Prozent, wenn man die einzelnen Jahres-Zugewinne kumuliert, wie man es ja muss. Und stimmt: Das haut genau hin. Oder steht der Dow Jones etwa nicht gerade bei 74.119 Punkten? Denn das kommt raus, wenn man, wie die Statistik sagt, mit dem Beginn des Jahres 1929 rechnet, als der Dow bei ca. 300 Punkten notierte. Egal. Wir wollen hier doch wegen einer Mini-Differenz keine Erbsen zählen. Es geht mir auch um einen anderen Aspekt…




Die neue Vier-Jahres-Periode hat am 1.1.2013 begonnen. Von da aus gerechnet dürfen wir uns also (immer im Durchschnitt, wenn’s abweicht bitte einfach nur 84 Jahre am Ball bleiben!) auf ca. 31 Prozent Kursgewinn im Dow Jones freuen. Am 1.1.2013 startete der Dow den Handel bei 13.104 Punkten. Am Mittwoch, den 12.11.2014, schloss er bei 17.612 Punkten. Wir haben damit bereits 34,4 Prozent zugelegt. Hmmm … heißt das, das war’s nach oben bis Ende 2016?

Aber nein, ich bitte Sie! Völlig falsch gedacht. Nein, bitte erinnern Sie sich doch: Das waren doch Durchschnittswerte! Durch-schnitts-werte! 1993-1996 gab es z.B. eine solche Periode mit +101 Prozent! Wie, das heißt, es gab auch Perioden mit einem Minus? Sicher, ja. Aber wir wollten doch keine Erbsen zählen, ja? Minus-Perioden sind schlecht für den Blutdruck. Also gilt es zu tun, was uns gut tut: Wir tun so, als gäbe es sie nicht. So, und schon ist die Welt wieder in Ordnung. War doch ganz leicht. Weiter im Text:

Also, selbstredend kann das Aufwärtspotenzial nicht längst ausgereizt sein. Denn wir erinnern uns: Im Herbst der Zwischenwahlen geht es doch erst richtig los. Die aus diesen Durchschnittswerten gebastelte Kurve zeigt den Dow Jones da unter dem Stand zu Beginn des Jahres. Hatten wir das im Herbst? Hatten wir. Siehste. Und von da aus geht es im Schnitt nun nonstop nach oben. Da im ersten Jahr wenig geht und diese Hausse nun im zweiten aus dem Minus beginnt, erkennt der gewitzte Anleger beim Blick auf die Grafik: 29 der 31 Prozent Anstieg beginnen erst jetzt und gehen bis zum Ende des Wahljahrs fast ohne Korrektur durch. Boah ey! Sie ahnen, was uns diese Statistik erklärt? 93 Prozent des Kursanstiegs seit dem 1.1.2013 müssten jetzt noch vor uns liegen! Wir rechnen mal schnell:

Wenn +31 Prozent oder + 4.500 Punkte nur sieben Prozent des Gesamtanstiegs bis Ende 2016 sind, dann beträgt er insgesamt also 64.200 Punkte bis Ende 2016, dann stünden wir bei knapp 82.000 Punkten im Dow Jones. Halleluja. Welch ein Segen. Wer wollte zweifeln? Zumal in der Grafik denen, die mal wieder nicht durchblicken, extra ein Pfeil hingemalt wurde, der auf einen Punkt minimal nach dem Tief des Zwischenwahljahres deutet und an dem steht „we are here!“ Ein roter Pfeil übrigens, damit man’s nicht übersieht.

Können Sie sich denken, dass Leute, die auch glauben, dass es todsichere Systeme für Roulette oder Lotto gibt, die also mit Logik, Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung nichts am Hut haben (anders ausgedrückt die traurige Mehrheit der Menschen) das ernsthaft glauben? Ich kann. Und ich fürchte, diese Leute sind zahlreich.

Denken Sie doch nur, wie viele Anleger allen Ernstes daran glauben, dass Plus oder Minus eines Börsenjahres davon bestimmt wird, welche Mannschaft welcher Liga den Superbowl gewinnt! Was das Murmeltier am Groundhog Day tut! Ob die ersten zehn Handelstage des Jahres im Plus oder Minus enden! Alles komplett bar jeglicher Logik. Aber es ist halt so schön einfach. Und einfach ist „in“ in der heutigen Zeit.

Warum sollte man also nach dem Warum fragen? Warum sollte man sich fragen, warum der Dow Jones jetzt angeblich, nach dieser irrsinnigen Rallye, erst Anlauf zu neuen, extremen Höhen nimmt, in einem Umfeld, das durchaus jederzeit für einen Crash gut wäre? Warum sollte man sich um Konjunktur, Notenbanken, Politik, Unternehmensdaten überhaupt kümmern, wenn es doch so schöne Fahrpläne für die Zukunft gibt?

Warum sollte man sich daran erinnern, dass die Zukunft der Börsen nicht vorhersagbar ist? Witzigerweise steht genau das (winzig klein) unter diesem Fahrplan: „Diese Ergebnisse können nicht als Indikation für die zukünftige Entwicklung verwendet werden.“ Tjaaa … warum macht ihr den ganzen Quatsch dann, Freunde? Weil das Kleingedruckte keiner liest, jeden Morgen unzählige Dumme aufstehen und ihr daran verdient, wenn die Leute entsprechend solcher „Fahrpläne“ immer und immer wieder kaufen, am besten in fallende Kurse und auf Kredit des Hauses? Ein erbärmlicher Schuft, wer dergleichen zu denken wagt!

Nein, diese Leute malen solche lustigen Sachen, damit angeblich gescheite Kommentatoren damit den staunenden Anlegern unter der Nase herumwedeln können. Und weil es hübsch an der Wand aussieht. Nicht, um irgendwen zu verarschen. Denn bitte erinnern Sie sich: Das hat es in der Finanzindustrie, die immer nur unser Bestes will, noch nie gegeben. Oder? Also. Geben wir unsere zukünftigen Gewinne am besten schon mal aus, wie damals, anno 2000. Auf einen Dow bei 82.000 an Silvester 2016! Börse alaaf!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – Homepage Badischer Börsenbrief



 

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Ein Kommentar auf "Dow 82.000 oder: Statistiken für Deppen"

  1. Michael sagt:

    Ich habe mal den DOW über die Jahre mal auf 75k ermittelt so in der Gegend von 2022. Warum kommt der DOW nicht rauf. Die Entwicklung der Gewinne folgt am Ende dem Weltwirtschaftswachstum. Das flacht ab … Es gibt auch Symptome an denen man solch grobe Entwicklung kann abschätzen – Mergers. Wenn Konzerne die gesamte ‚Konkurrenz‘ sprich die ertragreichen Mittelständer aufkaufen um ihre Gewinne aufzufetten ist das eher ein Zeichen von Dekadenz … usw… Das ist schon nachgelagert. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel.

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